Die Durchsetzung der Beamtenschaft mit fachlich nicht vorgebildeten aber gesinnungstüchtigen Parteigenossen und der Hinauswurf politisch unerwünschter Fachbeamter geschah unter der Flagge des Schutzes für das Berufsbeamtentum. Die Einsetzung von Willkürgerichten erfolgte unter dem Signum, daß dem "allgemeinen Volksempfinden" für Sitte und Recht Geltung geschaffen werden müsse. Die Zwangsregulierung der Kunst sollte nur die künstlerische Entartung bekämpfen. Die Beseitigung der Parteien diente nur der Geschlossenheit des deutschen Volkes. So erhielt jedes Unrecht^seinen irreführenden Rechtstitel aufgepappt. Daher kam es, daß bei Bekanntwerden solcher Anordnungen die wenigsten sich über die wahre Bedeutung dessen klar wurden, wohin die Absicht ging.

Irreführen und Verwirrung stiften lag auch dem System zugrunde, wonach Hitler für ein und dieselbe Aufgabe immer mehrere Kompetenzen, mehrere Ämter einzusetzen pflegte. Neben jedem staatlichen stand ein parteiliches Amt mit dem gleichen Arbeitsgebiet. Das gab einen dauernden Wettkampf und dauernde Konflikte. Neben dem Außenminister gab es die Außenämter von Ribbentrop und Rosenberg. Neben dem Kultusminister wirkten Goebbels, Rosenberg, Kerrl, Schirach und Bouhler. Rosenberg richtete die Partei weltanschaulich aus, Goebbels dirigierte alle Sparten von Kunst und Literatur, Kerrl bevormundete die Kirchen, Bouhler übte die Bücherzensur aus, und Schirach suchte die Jugenderziehung nationalsozialistisch zu gestalten. Der Arbeitsminister mußte sich dauernd mit der Deutschen Arbeitsfront des Dr. Ley herumschlagen. Wenn er es verstanden hätte, würde Hitler gern auch eine Partei-Notenbank aufgemacht haben. So blieb es bei der Bank der Deutschen Arbeit, die von der Partei und den angegliederten Verbänden Milliardenbeträge zu niedrigstem Zinsfuß erhielt und damit Riesengewinne machte, von denen man nie erfuhr, wo sie abblieben. Nach Ausbruch des Krieges wurde es mit den Doppelbesetzungen der Ämter ganz schlimm. Da wurde ein Reichskommissar nach dem andern ernannt, und jeder von ihnen regierte auf Grund umfassender Vollmachten in die bereits bestehenden Ämter hinein.

Mit dieser Methode vernichtete Hitler den zuverlässigen Beamtenapparat, der bis dahin in allen Nöten und Fährnissen die Kontinuität der Regierung aufrechterhalten hatte. Aber er erreichte damit, daß er von allen Dingen erfuhr, und daß seine Entscheidung bei Konflikten immer als höchste Instanz angerufen werden mußte. In dieselbe Kerbe schlug eine andere Regel, daß er nämlich niemals Aussprachen mit mehreren Mitarbeitern gleichzeitig hatte, sondern immer jeden einzeln sprach. Er wünschte nicht, daß seine Minister oder sonstigen Mitarbeiter untereinander Fühlung hielten. Sie hätten sich womöglich gegen ihn verständigen können. Weshalb die Kabinettssitzungen nach 1937 gänzlich aufhörten. Weshalb auch während des Krieges den Ministern sogar ausdrücklich verboten wurde, sich gemeinsam zu besprechen. Hitler fürchtete stets Frontenbildung gegen sich. Daß die Reichsbankdenkschrift vom 7. Januar 1939 an Stelle der sonst üblichen zwei Unterschriften mit den Namen aller Direktoriumsmitglieder unterzeichnet war, galt ihm schon als Meuterei.

Sachlichen Erörterungen seiner Ansichten und Wünsche ging Hitler nach Kräften aus dem Wege. Er hatte zwar, namentlich während seiner Gefängnishaft unendlich viel gelesen, aber immer nur das aufgenommen, was seinen Neigungen und Wünschen entsprach. Er war der Typus des Halbgebildeten, unbelehrbar und zu keiner fachlichen Auseinandersetzung fähig oder willens. Infolgedessen konnte er weder sachlich debattieren noch mit Gründen überzeugen. Er konnte nur überreden. Jede Gründlichkeit des Wissens fehlte ihm. Er konnte nur wirken, wo keine Gegenrede vorhanden war, in der Masse der Volksversammlung. Alle Unterhaltungen mit ihm bekamen stets den Monologcharakter seinerseits. Sein Ideal war das Radio, man konnte hineinsprechen, was einem in den Sinn kam, man hörte niemals Widerspruch.

Für den geselligen Menschen fehlte Hitler das beste, der Humor. Er konnte weder über andere, noch über sich selber lachen. Er nahm sich immer ernst. Ich habe ihm einmal im Anfang seiner Regierung einige harmlose Scherze erzählt, die im Volksmund über ihn umliefen, und mußte zu meinem Staunen sehen, daß ihm das sichtlich unangenehm war. Er glaubte seiner Stellung etwas zu vergeben, wenn er irgend jemand erlaubte, etwas, was von ihm kam, scherzhaft zu nehmen. Vielleicht glaubte er dadurch auch seine Aufgabe komprimittiert. Er mußte. stets unnahbar auf dem Heroensockel stehen. Als die Reichsbank zu meinem 60. Geburtstag ein Buch mit Karikaturen über mich herausgab, äußerte er lebhaft seinen Unwillen darüber. So etwas sei dem Ansehen abträglich. Diese völlige Humorlosigkeit übertrug sich von ihm auf die ganze Partei. Jeder auch noch so harmlose Witz über Parteieinrichtungen und -handlungen war verpönt. Die Braunen wollten ernst genommen werden. Sie unterdrückten alle Kabaretts und sperrten alle Komiker ein, die es wagten, braune Zustände zu belächeln. Was ihre Presse an Witzblättern produzierte, war Gift und Schmutz, aber kein lösend Humor, Sir konnten wohl andere höhnen und verspotten, selber zum besten zu haben, wo weder Hitler seiner Gefolgschaft gegeben. Dadurch, daß sie das befreiende Lachen verboten, sperrten sie sich mit der Zeit den Weg zum Herzen der Menschen. Vor so manchen Beschwerden und Widerwärtigkeiten befreit man sich durch einen Scherz, durch einen Witz, durch ein Lachen. Bei Hitler und seinen Nazis es das nicht.

Vollendete Amoral

Unvorstellbar für jeden normalen Menschen war Hitlers Einstellung zu allen moralischen Problemen. Sie existierten für ihn einfach nicht. Da er nicht öffentlich von Recht und Gesetz abweichen konnte, weil das doch einen schlechten Eindruck gemacht hätte, so schuf er wenigstens für seine Anhänger eigene Gerichte und Rechtsverfahren. Mit diesen waren sowohl die Partei wie die SS ausgestattet. Wenn es irgend anging, so wurden die Parteigänger der zivilen Gerichtsbarkeit entzogen und vor die Parteigerichte gebracht, wo schwere Strafen ihrer nur dann warteten, wenn sie sich gegen die Parteidisziplin vergangen hatten. Bei zivilgerichtlichen Verurteilungen machte Hitler von seinem Begnadigungsrecht vielfach Gebrauch, wenn es sich um "verdiente" Parteigenossen handelte. Er suchte geradezu etwas darin, sich dadurch seine Anhänger besonders zu verbinden. Auf diese Weise hatte er viele ganz in der Hand und konnte sie für bedenkliche, ja für verbrecherische Aufgaben einsetzen. Nur so ist es zu verstehen, daß er die zahllosen Fälle von Korruption und unrechtmäßiger Bereicherung, die sich unter den Parteibonzen ausbreiteten, nicht nur duldete, sondern sogar manches Mal ihnen geradezu Vorschub leistete. Er machte sich die Menschen dadurch nur um so sicherer gefügig. Ich bin überzeugt, daß die bedingungslose Unterwerfung Görings unter den Willen Hitlers nur hierauf zurückzuführen ist. Ich erinnere mich, daß ich Göring einmal so weit hatte, eine Forderung auf wirtschaftliche Mäßigung in irgendeiner Sache bei Hitler zu vertreten, nachher aber erfuhr, daß er nicht gewagt hatte, die Forderung vorzutragen. Von mir zur Rede gestellt, antwortete er: "Ich nehme mir oft vor, ihm etwas zu sagen, aber jedes Mal, wenn ich ihm gegenüberstehe, fällt mir das Herz in die Hosen." So etwas erklärt sich nur aus schlechtem Gewissen. Und Hitler legte es geradezu darauf an, daß seine Leute ein schlechtes Gewissen vor ihm hatten.