General Clay hat eine gute Nachricht für Westdeutschland: Anfang Oktober werden die ersten; größeren Lieferungen unter dem Marshall-Plan in der Doppelzone eintreffen. Rohstoffe für die deutsche Wirtschaft sollen das Schwergewicht dieser Lieferungen bilden. Doch leider trägt diese Nachricht nicht nur ein lächelndes Gesicht; es mischen sich auch einige traurige Züge hinein.

Die Sorge, diese Rohstofflieferungen könnten zu gering sein, um dem Aufschwung der westdeutschen Wirtschaft jenen Umfang zu verleihen, den nicht nur wir, den auch Westeuropa braucht, fand eine zweifelhafte Beschwichtigung. Man glaube auf amerikanischer Seite nicht, daß die deutsche Wirtschaft im Augenblick mehr Rohstoffe verarbeiten könne, als jetzt zur Einfuhr vorgesehen seien. Es fehle nämlich an Kohle. Wenn aber soviel Kohle vorhanden sei, daß die gegebenen Produktionsmöglichkeiten mit den vorgesehenen Rohstoffimporten nicht ausgenutzt werden könnten, so dürfe mit größeren Einfuhren gerechnet werden.

Sicherlich wird Westdeutschland alles daransetzen, um die Kohlenförderung zu erhöhen. Der Kohlenverteilungsschlüssel für das letzte Vierteljahr 1948 geht bereits von einer Tagesförderung von 300 000 t aus. Er unterstellt damit eine Zunahme des Tagesdurchschnitts um etwa 12 000 t gegenüber der gegenwärtigen Leistung. Ein rascheres Ansteigen der Förderung läßt sich kaum erwarten. Denn der Bergbau ist seinerseits von Hilfsmitteln abhängig, die wiederum zum Teil ausländische Rohstoffe erfordern.

Es gibt aber eine Kohlen-"Reserve", deren Erschließung von europäischem Nutzen sein könnte: die Ausfuhrverpflichtungen an Kohle, die von den Alliierten festgesetzt worden sind und bekanntlich mit zunehmender deutscher Förderung prozentual steigen Dieses Ausfuhrprogramm wurde zu einer Zeit festgelegt, als andere europäische Kohlenproduzenten noch nicht wieder in der Lage waren, größere Exporte vorzunehmen. Dies hat sich im Laufe des letzten Jahres sehr gewandelt. Großbritannien hat seine traditionellen Kohlenexporte wieder aufgenommen und hofft, Ende 1948 zumindest die Hälfte seiner Vorkriegsexporte an Kohle zu erreichen. Aus Belgien hört man, daß dort zeitweise Absatz-, Stockungen in der Kohlenausfuhr eingetreten sind und sich die Halden häufen. Ein Drittel der deutschen Kohlenexporte geht jedoch noch immer nach Belgien. Ein Kohlen-Moratorium für Westdeutschland mag aus politischen Gründen noch nicht; vertretbar sein. Aber schon eine spürbare Verminderung der deutschen Ausfuhrverpflichtungen könnte eine wirksame Kohlenhilfe zur Steigerung der industriellen Produktion in Westdeutschland bedeuten.

Das würde sofort günstige Rückwirkungen auf die (deutschen. – und Fertigfabrikaten haben. Marshall-Plan-Europa hätte hauptsächlich den Nutzen davon. Nicht umsonst nennen amerikanische Sachverständige in ihren Gutachten zur Erholung Westeuropas das Ruhrgebiet stets "die Werkstätte Europas", aus der Stahl und Maschinen zur Produktionssteigerung der Marshall-Plan-Länder kommen müßten. Hätte Westdeutschland mehr Kohle zur Verfügung, könnte es zum "kleinen Marshall-Plan", zum innereuropäischen Warenaustausch, mehr beisteuern. Bei den Pariser Kämpfen um die Marshall-Plan-Quoten für die Doppelzone mußten die amerikanischen Sprecher der Doppelzone, allen voran, Sonderbotschafter Harriman, ihre volle Autorität in die Waagschale werfen, um nicht nur den erhöhten Anteil der Doppelzone an den USA-Geldern von 414 statt 364 Mill. $, sondern auch eine Herabsetzung des westdeutschen Beitrages zur europäischen Selbsthilfe von 31 auf 10 Mill. $, durchzusetzen. Die Berechnung der 91 Mill. § durch den Pariser Fünfer-Ausschuß fußte dabei hauptsächlich auf Vorkriegsziffern, die Deutschlands Ausfuhrüberschuß im Handel mit Westeuropa belegten. Dieser Ausfuhrüberschuß aber setzt mehr Kohle voraus, als heute für Westdeutschland verfügbar ist.

Die Forderung der übrigen Marshall-Plan-Länder nach größeren Lieferungen aus Westdeutschland trifft sich mit unserem Wunsche steigender Fertigwaren-Exporte. Nur kann man den Kuchen nicht gleichzeitig essen und behalten, kann man die Kohle nicht gleichzeitig exportieren und verarbeiten. rw.