Von Paul Hühnerfeld

Riccardo Lombardi, S. J., ist einer der meistgenannten Namen des neuen Italiens.

Wenn er kommt, um zu predigen, versammeln sich die Menschen zu Tausenden, sie fallen auf die Knie, sie versuchen, seine Kleider oder wenigstens sein Auto zu küssen ... sie lauschen seinen Worten wie gebannt – es ist, als ginge es nicht mit natürlichen Dingen zu." – Das sind die Worte eines Mannes, der den italienischen Jesuitenpater Lombardi in einer norditalienischen Großstadt predigen hörte. Wer aber ist dieser Pater Lombardi, der Tausende moderner Großstadtmenschen zu neuer religiöser Begeisterung hinreißt und der mit einer Leidenschaft verehrt wird, die selbst für südländisches Temperament ungewöhnlich ist? Welche Mittel wendet er an, die Menschen des 20. Jahrhunderts, durch zwei entsetzliche Kriege von Gott entfernt, wieder fromm werden zu lassen? Ein neuer Savonarola, ein dunkler fanatischer Mahner gegen den Teufel? Oder ein stiller Weiser, der durch die Kraft seiner Nächstenliebe die menschlichen Herzen rührt, ähnlich dem griechischen Arzt Empiriktos Sextos, der unermüdlich die untergehende antike Welt durchstreifte und die Menschen mehr durch das Beispiel eines einfachen Lebens als die Kraft seiner Worte zur Einkehr zwang? Oder darf man den Pater Lombardi lediglich als einen besonders geschickten Jesuiten bezeichnen, der die Kunst der modernen Massenpsychose meisterhaft beherrscht und dadurch die Menge in seinen Bann zieht?

Pater Riccardo Lombardi stammt als einer alten neapolitanischen Patrizierfamilie. Sein Vater war Universitätsprofessor, einer seiner Onkel, Exzellenz Vallauri, war der vorletzte Präsident des Consiglio Nationale delle ricerche, der höchsten Körperschaft des Landes. Der junge Riccardo machte während seiner Studienjahre nicht besonders von sich reden, – seiner Lehrern und Mitbrüdern galt er als ein zwar sorgfältiger und pflichteifriger, ernster und fleißiger, aber keineswegs aus dem Durchschnitt herausragender Theologe. Er trug das Merkmal der Unauffälligkeit. Bei den Predigtübungen erregte er, der still und bescheiden, ja für einen Süditaliener sogar ein bißchen scheu war, sogar die Unzufriedenheit seiner Lehrer. Er war gehemmt, drückte sich ungeschickt und ohne jede Rhetorik aus. Wer hätte voraussagen können daß wenige, Jahre später Hunderttausende zu diesem Prediger zusammenströmen würden? Riccardo Lombardi eignete sich sorgfältig den großen Wissensstoff an, der dem Jesuiten von vornherein eine gewisse Überlegenheit vor anderen akademisch Gebildeten" sichert. Und geformt durch diese Bildung begain Pater Lombardi nun ein Leben, das bald im krassen Gegensatz zur Unauffälligkeit seiner Studienjahre stand.

Zunächst widmete er sich der Apologetik, der "Wissenschaft zur Verteidigung der christlichen Lehre", und errang als Professor an den Universitäten Pisa und Bologna seine ersten Erfolge, deren Ursache nicht ohne weiteres verständlich, erscheint: Sie muß wohl in einer selten vollkommenen Synthese zwischen strenger theologischphilosophischer Wissenschaftlichkeit und gläubiger religiöser Überzeugung zu suchen sein. Diese Vorträge fanden 1940 statt. Ein Semester später luden ihn auch andere Universitäten Italiens zu Gastvorlesungen ein; und wo der junge Jesuit erschien, waren es vor allen Dingen die Professoren, die sich zu seinen Vorlesungen drängten.

Merkwürdig, wie sich aus dem bescheidenen Theologiestudenten ein bedeutender Apologet entwickelt hat. Merkwürdig, doch durchaus noch nicht "übernatürlich". Pater Lombardi, nun im Besitz einer beinahe vollkommenen Bildung, wäre nicht der erste Gelehrte, der, obwohl nur ein mittelmäßiger Student, später ein Meister wurde. Mit dem Volk hatte Pater Lombardi damals noch gar keine Berührung. Niemand kannte seinen Namen außerhalb der Hörsäle und Seminarräume der italienischen Universitäten. Doch schon aus dieser Zeit berichtet man von außerordentlichen Dingen, die Pater Lombardi für seine Kirche getan: es gelang ihm die Bekehrung einiger bekannter italienischer Gelehrten, die bisher einen durchaus, außerchristlichen Standpunkt im Leben und in ihrer wissenschaftlichen Arbeit eingenommen hatten. Zum ersten Male deutete sich bei dem bescheidenen Jesuiten eine Macht an, die weit über die Überzeugungskraft eines noch so glänzenden wissenschaftlichen Vortrags hinausgeht. Die Macht, Menschen zu verändern und zur Umkehr zu führen...

Kriegsende. Enttäuschung, Not, Verlangen nach Selbstbesinnung auch in Italien. Da begann der Jesuitenpater Riccardo Lombardi seinen Einfluß auf das Volk auszudehnen. Er reiste unaufhörlich umher, predigte in Großstädten und Dörfern, hielt auf seinen Fahrten überall dort an, wo sich Zuhörer fanden und verkündete, was er glaubte, verkünden zu müssen. Seltsam: er ist keiner von den Rednern, die nach erprobten Regeln die Masse in Ekstase bringen: der kleine, stille Neapolitaner spricht einfach, klar und vernünftig. Er redet ohne jeden Fanatismus, ohne allen Pathos, er spricht leise. Er hat nichts von einem Redner, der die Massen beschwört, und dennoch wanderten die Einwohner einer ganzen Provinz zu einem Platz, auf dem er sprechen wollte. Er gehört nicht in die Reihe der großen Trommelschläger, die eine Sache gemeinhin benötigt, will sie sich hörbar machen. Und wirkt dennoch wie sie: er wird verehrt, geliebt, gehaßt. Wo er erscheint, regnet es Blumen. Und einige Male versuchte man ein Attentat auf ihn. In seiner Umgebung zeigen sich all diese Symptome, die ein Volk ergreifen, wenn es die zerbrechenden Formen seines bisherigen Lebens spürt und nach neuen sucht: das bedingungslose Hinhören auf Worte, die man vielleicht gestern noch verlacht hätte, die Entschlossenheit, Gott zu suchen, nachdem man ihn ein Leben hindurch vergessen hatte oder ihn nur seinem Namen nach kannte. Und Riccardo Lombardi, Jesuitenpater, Gelehrter – ein Mann, der den Ausspruch tat, die Kanzel sei ihm "zu hoch" – als Wanderprediger verkündet er einen Gott der Güte, und dies in einer Zeit der Intoleranz, des lauten schreienden Fanatismus. Es Ist ein sachlicher, vernünftiger, auf Klarheit und Trost gestimmter Ton, den die Kanzelredner der katholischen Kirche den "Pacelli-Stil" nennen.

Wer weiß, ob die Menschen, wenn auch selbst noch lärmend, nicht gerade als Folge der lauten Zeit einen Sinn für das Leise bekommen haben, hinter der die starke gläubige Überzeugung steht. Vielleicht ist es nur noch die Güte und die stille Überzeugungskraft, die heute die Menschen fasziniert. Und sieht es nicht auch so aus, als ob sie einen Gott brauchten, der nicht zu streng mit ihnen ist, keinen drohenden Rächer, sondern einen gütig Verzeihenden, wie ihn der Pater Lombardi nicht nur durch seine Worte, sondern auch durch sein Wesen und Leben so überzeugungsstark verkündet, daß sein frommer Ruhm durch ganz Italien geht?