Von Ingrid Parigi (Cremona)

Der greise Staatsmann Francesco Saverio Nitti – hat kürzlich gesagt, Italien sei das einzige europäische Land, das in seiner modernen Geschichte "weder Religionskriege noch richtige Revolutionen gekannt habe". Und wirklich hat sich der Wechsel vom Alten zum Neuen und selbst Umwälzenden in Italien immer als ein allmählicher Übergang vollzogen. Die umstürzenden Bewegungen der Neuzeit: Reformation, französische Revolution, Kommunismus und Faschismus – sie alle haben das innere Gleichgewicht der italienischen Seele nicht wirklich zu erschüttern vermocht. "Zu intelligent, um nicht skeptisch zu sein, und zu alt, um an Neues zu glauben", läßt Mario Borsa den Helden seines kurzen Romans "Il matto" (Der Verrückte) sagen. Diese von über zweitausendjähriger Geschichte geformte und weise gewordene Volksseele, die an der Oberfläche so leicht bewegbar erscheint, ruth in einer beneidenswerten inneren Ausgeglichenheit, und so hat Italien inmitten einer rastlosen mechanisierten, fanatischen und trostlosen Welt noch ein Stückchen des verlorenen Paradieses für sich zu retten gewußt. Hier war auch der-Übergang vom Gestern zum Heute nicht wie in Deutschland die Konsequenz einer tragischen Endkatastrophe, sondern ein langsamer innerer Prozeß, an dem der größte Teil des Volkes wissentlich oder unwissentlich schon seit Jahren beteiligt gewesen war. Schon aus diesem Grunde wäre es falsch, von einer neuen italienischen Literatur zu sprechen; es sind nur wenige neue Namen aufgetaucht; dafür freilich um so mehr neue Aspekte, neue Strömungen, neue Einflüsse.

Es wird in Italien, wie wohl überall seit dem Kriegsende, unendlich viel geschrieben und – da neben der offiziellen Papierzuteilung auch ein schwungvoller, gut verproviantierter Schwarzer Markt existiert – unendlich viel gedruckt. Und zwar druckt man in erster Linie all die ausländischen Autoren, die seit 1938 (als das Bündnis mit Deutschland enger wurde) nicht mehr verlegt werden durften: Thomas Mann, Werfel, Sartre, Arthur Koestler, Hemmingway, Faulkner, John Steinbeck und viele andere.

Ein so heftiger Einbruch der neuen Weltliteratur konnte natürlich nicht ohne Einfluß auf die italienischen Autoren selbst bleiben. Wie die Generation von Verga bis D’Annunzio von der französischen Schule des Naturalismus und Realismus, von Zola und Maupassant beeinflußt; war, so steht heute ein großer Teil der jungen italienischen Literaten unter dem Einfluß der Amerikaner, auch wenn sie, wie Vittorini, ideologisch am entgegengesetzen Ende angelangt sind. Aber ebenso wie Verga und D’Annunzio in späteren, reiferen Werken etwas Eigenes, Italienisches schufen, zeigt sich auch jetzt schon bei manchen Jungen der Ansatz zur Überwindung des amerikanischen Einflusses,

Unter den neuen Autoren hatte Giuseppe Berto sogleich mit seinem Erstlingswerk "Der Himmel ist rot" ein starkes, vitales Erzählertalent offenbart. Der knapp Dreißigjährige stammt aus der norditalienischen Provinz Treviso bei Venedig Obwohl der Amerikaner Hemmingway ihn stark beeinflußt hat, spürt man in dem 400 Seiten langen Roman eine individuelle Kraft und die Fähigkeit, sich mit den tragischen Problemen der Gegenwart auseinanderzusetzen. Es ist der Roman einer Generation, die zu jung war, den Krieg schon mit Bewußtsein zu erleben, die aber um so unmittelbarer seine verwüstenden moralischen und materiellen Folgen erleidet; die ergreifende, in ihrer Einfachheit eindringliche Geschichte der verlorenen Jugend unserer Tage. In seinem zweiten Buch, "Die Werke Gottes", scheint Berto stilistisch zu einer eigenen Form durchgestoßen zu sein. Auch diese Erzählung hat den Krieg als Hintergrund, vor dem sich das zeitlose Schicksal aller von ihrem Boden vertriebenen Menschen, zu groß für ihr Verstehen und zu tragisch für ihren einfachen Gottesglauben, abspielt.

Ein geistreicher Kritiker meinte kürzlich die Personen in Dario Ortolanis originellem; Buch "Weiße Sonne" Ständen Zwischen denen Georges Bernanos und Voltaires, also zwischen dem gläubigen Christen und dem Verneiner aller Transzendenz Er ist einer der Jungen, die nicht dem Einfluß von jenseits des Ozeans erlegen sind, sondern ihren besonderen und eigenwilligen Weg gehen. Obwohl Norditaliener, verbrachte er doch den größten Teil seiner Jugend im Süden, und meist ist auch der Schauplatz seiner Novellen ein süditalienisches Dorf oder Landstädtchen mit seinen skurrilen Menschen, seinen Priestern, Nonnen und Beginnen, seinen schönen Frauen und bizarren Schicksalen. Doch ist seine Welt – und das ist seine Besonderheit in der sonst meist realistisch eingestellten, modernen italienischen Literatur (wenn man von Einzelgängern wie Buzzati absieht, der stark an Kafka erinnert) – immer dem Übernatürlichen verbunden. So wie in^seiner Novelle "Der sprechende Friedhof von Mezzovalle" aus jedem Grab eine Pflanze, ein Gemüse oder eine Blume erblüht, die nachträglich sein Leben und Handeln erkennen läßt, so sieht er auch den Teufel in der "Weißen Sonne" nicht nur in der schönen Giovanna Lage, sondern auch im Sonnenlicht, in der Erde in den Pflanzen.

Zu den "Jungen", wenn auch in anderem Sinne, gehört der Römer Alberto Pincherle, der unter dem Pseudonym Moravia schreibt. Er hat vor den andern schon einen festfundierten internationalen Ruhm voraus. Gleich durch seinen ersten Roman "Die Gleichgültigen", den er, zweiundzwanzigjährig, 1929 auf eigene Kosten drucken ließ, wurde er mit einem Schlage zu Italiens meist diskutiertem Schriftsteller und ist es in gewissem Sinne bis heute geblieben. Moravia ist der Interpret einer von ihrer eigenen Leere angeekelten Welt müßiger Menschen. Er ist der große Kritiker des in seinen Augen dekadenten und korrupten, mittleren und gehobenen Mittelstandes, dessen unter einem Mantel von Scheinheiligkeit versteckte Habgier, Falschheit und moralische Verderbtheit er schonungslos aufdeckt. Doch ist er dabei einer der ganz wenigen italienischen Schriftsteller, die das Zeug zu einem wirklichen Romancier haben. Seine Gestalten sind von unvergeßlicher Einprägsamkeit.