Warum ging das Moskauer Versteckspiel mit den Westdiplomaten nicht um Entscheidungen, sondern um Zeitgewinn? Warum liegt den Russen soviel an der Verzögerung normaler Beziehungen zwischen Ost und West und warum lassen sie den Eisernen Vorhang sich immer tiefer in den Boden einfressen? Ein Dauerzustand soll es bestimmt nicht sein. Eines Tages will man den Vorhang wieder hochgehen lassen, um der erstaunten Welt eine ganz große, ganz neue Schau zu präsentieren. Doch der Aufbau der Dekorationen erfordert einen langen Zwischenakt. Und das Getöse der hohen Politik soll das Hämmern hinter dem Vorhang übertönen.

Woran man hämmert? An einem östlichen "Ruhrgebiet", einem Zentrum der Schwerindustrie, das sich mit der "Werkstätte Westeuropas", wie man die Kohlenzechen, Hochöfen und Schlote an der Ruhr gern nennt, durchaus messen kann. Oberschlesische Kohle, tschechischer Koks aus Teschen und ukrainisches Erz sollen zu einer Produktionseinheit verschmolzen werden, die jährlich 1-20 Mill. t Kohle und 10 Mill. t Stahl schafft (An der Ruhr erhofft man höchstens gleiche Leistungen.). Gegensätze zwischen Polen und Tschechen, die bisher einer derartigen wirtschaftlichen Zusammenfassung entgegenstanden – man denke nur an den Nachfolgestreit der beiden Völker um das Teschener Land – "sind dabei zu überwinden". So befiehlt es Moskau, so beschloß es der "polnisch-tschechische Rat für wirtschaftliche Zusammenarbeit" am 4. August in Warschau. Es wird wenig darüber gesprochen, aber bereits intensiv gehandelt. Und nicht nur aus diesem Beschluß, sondern auch aus manchen Einzelheiten ahnt man, welches Spiel vorbereitet wird. Was vor dem ersten Weltkrieg manchen Wirtschaftskapitänen von damals vorschwebte, was nationalsozialistische Planer im letzten Kriege zu Papier brachten, soll jetzt Tatsache werden.

Die sachlichen Voraussetzungen, sind gegeben. Die oberschlesische Kohlenmulde enthält nicht nur größere Vorkommen an Steinkohle (67 Milliarden t gegen 55 im Ruhrgebiet). Die Flöze sind auch im Durchschnitt doppelt so stark wie an der Ruhr, ihr Abbau ist also sehr viel leichter. Nur zur Verkokung eignet sich die oberschlesische Kohle schlecht. Diese Lücke schließt jedoch das Karwiner Steinkohlengebiet im Teschener Land. Hier hat die Modernisierung der großen

Kokereien von Trzynietz bereits in einem Um-, fange begonnen, daß nicht nur die dort gelegenen Hüttenwerke, sondern auch die oberschlesischen Hütten mit Koks versorgt werden können. Das Eisenerz aber muß von weither herbeigeschafft werden: die gewaltigen ukrainischen Vorkommen von Kriwoi Rog sind in erster Linie für die "Speisung" des neuen Kombinats vorgesehen. Daneben können auch die billig im Tagebau gewonnenen Erze von der Krim-Halbinsel Kertsch und die Manganerze von Nikopol am Dnjepr herangezogen werden.

Für den Transport der Erze gilt es neue Wasserwege zu schaffen. Mit erheblichem Einsatz von Arbeitskräften wird bereits am Donau-Oder-Kanal durch die Mährische Pforte gearbeitet. Sicherlich bestimmte die künftige Bedeutung dieses neuen Kanals entscheidend die unfreundliche Haltung vom "Hausherrn" Wyschinski auf der Donaukonferenz in Belgrad, als er dem Westen jeglichen Einfluß auf die Donau verweigerte. Ebenso wichtig, wird der gleichfalls vom polnisch-tschechischen Rat auf seiner Warschauer Sitzung beschlossene Bau des Weichsel-Dnjestr-Kanals sein, der den Wasseranschluß zwischen Oberschlesien und der südlichen Ukraine herstellen würde. Schließlich wird die aktive Rolle Moskaus beim Aufbau des neuen Kombinats durch seine Lieferverpflichtungen für die Einrichtungen der neuen Anlagen unterstrichen. Im polnisch-russischen Handelsvertrag von 1948 ist die Lieferung eines Stahlwerkes im Rahmen eines Kredits von 450 Mill. Dollar an Polen zugesagt. Mit dem Bau dieses Stahlwerkes in Gleiwitz, das schon 1952 eine Produktion von einer Million t Stahl erreichen soll, wurde bereits begonnen.

Es sind also keine Potemkinschen Dörfer, die in Oberschlesien und Teschen gebaut werden sollen. Man hat es vielmehr mit sehr konkreten Bemühungen Moskaus zu tun, das schwerindustrielle Fundament für die osteuropäische Wirtschaftsautarkie zu legen. Wenn sich einmal der Eiserne Vorhang nach dem Zwischenakt hebt, soll der westliche Zuschauer nicht nur mit der erfolgreichen politischen Gleichschaltung der slawischen Satelliten Moskaus, sondern auch mit ihrer wirtschaftlichen Unabhängigkeit vom Westen überrascht werden. Werden aber auch die Darsteller, die Polen und die Tschechen, dann im Gleichschritt nach der russischen Balalaika tanzen?