Die gemeinsame Erschließung der Rohstoff- und Nahrungsmittelquellen Afrikas wird mehr und mehr zu einer Lebensfrage der europäischen Völker. Im Vordergrund stehen hierbei auf Grund ihrer strategischen Lage am westlichen Mittelmeer die weiten Gebiete Französisch-Nordafrikas. Die amerikanische Presse sprach in diesem Zusammenhang bereits wiederholt von der "Atlantischen Wirtschaftsgemeinschaft", die ohne die Einbeziehung Afrikas heute nicht mehr denkbar sei. Damit erhebt sich allerdings auch die Frage, ob Nordafrika auf die Dauer eine verbindende Brücke oder ein Sperriegel zwischen Europa und den Reichtümern Innerafrikas sein wird. Die französische Kolonialpolitik kennt seit je nur ein Ziel: Die Union jener 140 Millionen Menschen, deren verschiedene Hautfarben nur noch ein äußerliches Unterscheidungsmerkmal darstellen, die aber alle französisch denken, fühlen und handeln, deren Rechtssatzung einheitlich der Code civil ist, deren soziale und kulturelle Entwicklung der des Mutterlandes entspricht, und die alle, ob sie in Paris, Saigon, Tananarive, Timbuktu oder Fes beheimatet sind, in der französischen! Zivilisation wurzeln und an ihr in gleichem Maße teilhaben. Dieser zweifellos großartige Gedanke erwuchs aus dem humanitären Ideal der Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt. Er geht zudem von der als selbstverständlich betrachteten Voraussetzung aus, daß die französische Zivilisation der Höhepunkt der menschlichen Entwicklung sei. Die Union Franchise ist also für Frankreich auch ideell der legitime Ausdruck einer politischen Wirklichkeit.

In der Praxis Nordafrikas allerdings stößt die Verwirklichung dieser in der neuen französischen Verfassung festgelegten Grundsatze auf täglich wachsende Schwierigkeiten. Der Kolonialsender Brazzaville verkündete unlängst: "Es gibt Kulturen, die sich einfach nicht assimilieren, lassen!" Das Gesetz der islamischen Religion, das ebenso kultische wie politische Fragen, Erbfolge wie Eherecht, Staatsstruktur wie Strafrecht umfaßt und regelt, verträgt sich ebensowenig mit dem Code civil wie die alte maurische Kultur bereit ist, sich dem Überlegenheitsanspruch der französischen zu beugen. Die dadurch bedingten Spannungen, verstärkt durch den Unabhängigkeitsdrang einer kriegerischen Rasse, prägen sich in Algerien, Marokko und Tunesien je nach der Dauer der Besetzung und der Eigenart der Bewohner verschieden aus.

Der Ausgang der algerischen Wahlen des Frühsommers brachte zwar den Parteien die Mehrheit, die grundsätzlich zur Zusammenarbeit mit Frankreich bereit sind. Die Haltung der ständig zur Kritik bereiten algerischen Vertreter in der Nationalversammlung und der Assemblée de l’Union Française ist jedoch weit entfernt von der Zustimmung zu einer Assimilierungspolitik. Als erschwerend kommen hinzu die sozialen Forderungen eines zahlenmäßig starken Arbeiterstandes in Algerien, denn gerade unter den Arbeitern finden die nationalistischen Parteien ihre Anhängerschaft. Diese Strömung wird von den Kommunisten weidlich ausgenutzt; Algerien ist das einzige islamische Land mit einer stärkeren kommunistischen Partei.

In Marokko dagegen geht die nationalistische Bewegung vom islamischen Bewußtsein aus. Die Studenten und Professoren der Kairauin-Universität in Fes, der arabische Mittelstand der Städte und der Sultan Mulay Jussef stehen hinter der Arbeit der Istiklal-Partei, deren Führer Bela Fredsch sich nur als Stellvertreter Abd el Krimi und Allal el Fasis fühlt, die von Kairo aus einen heftigen Kampf gegen die französische Herrschaft führen.

In Tunesien sind es die starken, mit der Neo-Destour-Partei verbundenen Gewerkschaften, die die Hauptträger der antifranzösischen Opposition sind. Anders als in Algerien sind diese tunesischen Gewerkschaften jedoch auf rein islamischem Grund gewachsen. Ihr Führer ist ein Professor der Zeituna-Universität, und sie gleichen mehr religiösen Brüderschaften als reinen Arbeitervertretungen, wenn sie auch in Streiks, die nach europäischem Muster durchgeführt werden, immerwieder ihre Macht zeigen.

Durch den Palästinakonflikt ist das arabische Gemeinschaftsgefühl in Nordafrika stark gewachsen. Die Arabische Liga hat sich unmißverständlich für die Selbständigkeit der nordafrikanischen Länder eingesetzt und somit Frankreich zu seinen innen- und kolonialpolitischen Sorgen in seinen nordafrikanischen Besitzungen nicht geringe außenpolitische Sorgen aufgeladen. Die vorsichtige Zurückhaltung Frankreichs in der Palästinafrage, während doch seine Sympathie eindeutig auf Seiten Israels steht, ist ein Zeichen dafür, daß man sich im Quai d’Orsay der Rückwirkungen eines unüberlegten Schrittes auf die französische Stellung in Nordafrika durchaus bewußt ist.

Die Eingliederung dieser Länder in das französische System zivilisatorischer Assimilation erscheint auf die Dauer unmöglich. Ihr Anschluß an einen europäisch-afrikanischen Wirtschaftsblock ist jedoch für Europa wie für Marokko, Algerien und Tunesien selbst von größter Bedeutung. Es wird der ganzen französischen Geschicklichkeit und Erfahrung und des Absehens von manchem tiefverwurzelten Vorurteil bedürfen, wenn der Riß, der durch das Mittelmeer zwischen europäischen und islamischen Völkern schon bedenklich tief geht, vom europäischen Westen aus überbrückt und nicht noch mehr vertieft werden soll. P. H. Schulze