Stockholm ist eine schöne Stadt, eine Augenweide für den Besucher, auch eine gastliche Stadt. Nur eine Messestadt war es bisher nicht. Woran das lag? Vielleicht an der Reiselust der Schweden, die früher, gern selbst ihre Lieferanten besuchten und stets auf ausländischen Messen besonders große Besucherkontingente stellten. Jetzt spüren auch die reisefreudigen Schweden die Devisennot. Aus dieser Not wurde nach dem Kriege die Tugend der St. Eriks-Messe, an der jetzt erstmals deutsche Aussteller aus West und Ost, natürlich säuberlich voneinander getrennt, teilnahmen.

Im Zeichen von St. Erik, dem Könige Heiligen und Kreuzzügler, bot sich ein buntes internationales Bild. Dänische und belgische Pavillons fielen auf. Jugoslawien, Bulgarien und die Tschechoslowakei zeigten wirkungsvolle Stände. Finnland unterstrich die nachbarliche. Freundschaft, die längst an die Stelle der Kreuzzugsatmosphäre getreten ist. 20 Nationen waren mit 1500 Ausstellern vertreten. Um so beachtlicher und erfreulicher die überaus herzliche Aufnahme der deutschen Aussteller, die in der offiziellen Begrüßung durch den weiblichen Handelsminister, Frau Kock, auf dem Empfang der Vereinigung schwedischer Importeure, in der ausführlichen Pressewürdigung, auf den Ständen und bei Besuchen der alten Kunden überall durchbrach. Übereinstimmend berichten die offiziellen deutschen Vertreter der Verwaltung für Wirtschaft und der Außenhandelskontore wie die deutschen Kaufleute und Industriellen über die offenen Arme, mit denen sie empfangen wurden. Der Kampf der Berliner um ihre Freiheit, der tätige Aufbaugeist seit der Kapitulation, die reichhaltigen Kollektionen und die zum Teil recht kurzfristigen Lieferfristen, alles fand warme Anerkennung. Wäre nur der psychologische Erfolg der Begegnung von Mensch zu Mensch als Gewinn zu buchen, die deutsche Beteiligung hätte sich allein deshalb gelohnt.

Warenhunger – aber leidige Lizenzen

Und die .sachlichen Ergebnisse der deutschen Schau? Wir haben eine Reihe von Teilnehmern befragt und referieren hier einige ihrer Eindrücke. Etwa vierzig Firmen der Westzonen waren vertreten, dazu eine Kollektivschau aus der Ostzone. Im Pavillon der Westzonen wurden Kleiderstoffe und -modelle, Schmuck aus Pforzheim, Segeltuche, Persennige, Porzellan, Haushaltsgeräte, medizinische Apparate, Medikamente, Photos und Optik, Röntgengeräte, Indikatoren, Feinmeßgeräte, darunter technische Thermometer und Mikroskope, Traktoren, Dreirad-Transportwagen und ein Motorrad – jedoch leider nicht der mit Spannung erwartete Volkswagen – Elektromotoren, Elektro-Bohr- und Schleifmaschinen, Schraubstöcke, Blechscheren und Pressen, eine Gewinderollmaschine, Holzbearbeitungsmaschinen, Büromaschinen und vieles andere gezeigt. Keine vollständige Kollektion, wohl aber ein repräsentativer Querschnitt.

Gegenüber der ausländischen Konkurrenz zeigten sich naturgemäß noch manche Schwächen der solange vom Vergleich mit dem Auslande abgeschnittenen deutschen Industrie. Für die Bekleidungsindustrie etwa bildeten Belgien und vor allem Frankreich eine fast übermächtige Konkurrenz. In der Qualität und vor allem im modischen Reiz ist hier noch viel nachzuholen Zellwollgewebe sprachen besonders an und konnten sich auch preislich durchaus behaupten. Bei Photogeräten entsprach das Angebot den hohen Ansprüchen, die man an die deutsche Industrie zu stellen gewohnt ist.-Deutsches Porzellan, das früher durch eigene Verkaufsstellen in Schweden eine Sonderstellung einnahm, begegnete begehrlichen Augen. Überall zeigte sich großer Warenhunger. Bei Fahrzeugen etwa waren – Personenwagen, Kleinlastwagen, Diesel-Lastwagen und Traktoren außerordentlich begehrt. Größere Benzin-Lastwagen sind jedoch allgemein schwer abzusetzen. Das Benzin ist in Schweden sehr teuer geworden (70 Öre je Liter) und außerdem scharf rationiert.

Doch Warenhunger und Einfuhrlizenzen sind auch in Schweden zwei sehr verschiedene Dinge. Für Fahrzeuge und Ersatzteile etwa ist in den bisherigen Handelsabmachungen nur ein Betrag von 1,5 Mill. skr vorgesehen. Größtenteils geht er für Ersatzteile drauf; denn Schweden kaufte früher in sehr großem Umfange Fahrzeuge von Deutschland. Allgemein bleibt abzuwarten, was aus den abgeschlossenen Aufträgen wird. Zwar wurden Bestellungen über 3,5 Mill. $ erteilt, darunter Porzellan mit 0,97, Maschinen und Motoren mit 0,79, optische Geräte und Präzisionsinstrumente mit 0,48, Lederwaren mit 0,41, Schmuckwaren mit 0,30, Werkzeuge mit 0,29 und Fahrzeuge mit 0,15 Mill. Aber nach Abschluß der Aufträge schaltet sich noch die schwedische Preiskontrolle ein. Aus britischen und belgischen Handelskreisen weiß man über sehr viel Ärger, der aus nachträglicher Preisbeanstandung bereits betroffener Vereinbarungen entstanden ist. Dann kommt die Einfuhrlizenzierung mit dem Seitenblick auf die Dollarklausel. Sie liegt zwar im Sterben, aber ihr böser Odem weht noch immer über europäischen Geschäften. Das schwedische Handelsministerium, so heißt es aus Stockholm, bleibt auf dem Standpunkt, daß "erst der schwedische Export nach Deutschland, vor allem die Zellstoffausfuhr, besser entwickelt sein muß, um keine Dollarspitzen auf Grund der Vierteljahresabrechnungen im schwedischen Vertrag mit der Doppelzone in Kauf zu nehmen". Auch die Erz-Abrufe der JEIA sollen langsamer als erwartet vor sich gehen, mit Dollarmangel der JEIA als Hauptgrund. (Im laufenden Handelsvertrag der Doppelzone mit Schweden sind Erze einerseits, Walzwerksprodukte anderseits, aus der laufenden Verrechnung herausgenommen; die Lieferungen erfolgen direkt gegen Dollar.) Im Augenblick interessieren daher im Schwedengeschäft Kompensationsabschlüsse, wobei Schweden Zellulose, Holzhäuser und andere Produkte bietet. Für die Zukunft hofft man auf einen sehr viel umfassenderen Handelsvertrag mit der Doppelzone. Die Vorbesprechungen für den nächsten Vertrag haben bereits begonnen. Im Oktober glaubt man mit den offiziellen Verhandlungen für das nächste Jahr beginnen zu können.

Daß dabei ein Weg fort vom Dollar gesucht werden wird, steht schon jetzt fest. Auf deutscher Seite hofft man ferner, daß die JEIA-Methoden bis dahin mehr Stromlinienform erhalten haben werden. Für das Exportverfahren ist dies von einem Sprecher der JEIA bereits für die nächste Zukunft angekündigt worden. Bei der Einfuhrgestaltung sieht man dagegen noch keinen Dämmerschein – und brauchte ihn doch so dringend. Denn beim Import hängt soviel davon ab, daß der Kaufmann eine ihm gebotene günstige Einkaufschance sofort verwerten kann. Eine Kontrolle der Devisenverwendung würde die Aufsicht der alliierten Stellen in keiner Weise beeinträchtigen und die zeitraubende Vorprüfung jedes einzelnen Abschlusses hinfällig machen.