Von Marion Gräfin Dönhoff

Wenn man versucht, sich die Atmosphäre zu vergegenwärtigen, in der Graf Folke Bernadotte im Mai dieses Jahres seine Mission als Vermittler in Palästina aufnahm, so muß man eigentlich zu dem Schluß kommen, daß seine Bemühungen wahrscheinlich von vornherein zum Scheitern verurteilt waren. Seine Ermordung scheint diesen Eindruck noch zu bestätigen Nur ein Mann wie Bernadotte, der noch immer jede politische oder menschlich wichtige Aufgabe angepackt hat, auch wenn alle Welt sie für hoffnungslos hielt, konnte zu dieser Friedensmission bereit sein. Und hatte er bisher nicht immer recht gehabt? war es ihm nicht gelungen, Sogar aus den Konzentrationslagern der Nazis 20 000 Norweger zu befreien? Er hätte sich als neutraler Schwede den unerträglichen Spannungen und blutigen Konflikten dieser Zeit entziehen können, hätte als Schwiegersohn eines amerikanischen Industriemagnaten ein bequemes, unangefochtenes Leben abseits der Katastrophen des alten Kontinents führen können; aber Bernadotte sah die Aufgabe seiner Zeit und seiner Generation und stellte sich vorbehaltlos zur Verfügung, im Krieg dem Roten Kreuz und 1948 der UNO als Vermittler in Palästina.

Daß der zweite Waffenstillstand in Palästina, der auf die Dauer für alle Beteiligten, unerträgliche psychische und ökonomische Belastung darstellt, verhältnismäßig ungestört bis zur Tagung der UNO-Vollversammlung durchgehalten werden konnte, ist den unermüdlichen Anstrengungen Bernadottes zu danken. Kaum schien es möglich: stehen doch zwei zur äußersten Vernichtung entschlossene gegnerische Armeen mit entsicherten Karabinern und dem täglich erneuerten Schwur einer unerbittlichen Blutrache einander gegenüber. Die Juden im übrigen mit der peinigenden Gewißheit, daß dieser ereignislose Krieg ihre hochintensive Wirtschaft allmählich ruinieren muß, während ein neuer Waffengang, so meinen sie, die Situation binnen kurzem zu ihren Gunsten entscheiden würde. Die Araber wiederum mit der bedrückenden Einsicht, daß dieser Waffenstillstand sehr zur Verschlechterung ihrer militärischen und politischen Lage beigetragen hat, weil die jüdische Zuwanderung während des Waffenstillstandes recht erheblich war. Im Verein mit der Tatsache, daß über ein Viertel der gesamten arabischen Bevölkerung Palästinas geflohen ist und jetzt in provisorischen Flüchtlingslagern in den angrenzenden arabischen Ländern vergeblich auf Rückkehr wartet, droht dieser Zustrom allmählich zu einem Übergewicht des jüdischen Bevölkerungsanteils in Palästina zu führen. Da die jüdische Regierung außerdem dazu übergegangen ist, die neuen jüdischen Einwanderer in die von den Arabern verlassenen Höfe und Häuser zu setzen, müssen die Araber befürchten, daß diese moderne Form der "Kolonisierung" nur mit erneutem Blutvergießen rückgängig zu machen ist. Und schließlich ist es den Juden gelungen, während des Waffenstillstands Munition und Waffen nach Jerusalem hineinzuschmuggeln.

Jerusalem, das ist der Begriff, um den es jetzt in dieser Phase tatenloser Erregung eigentlich geht. Alle Gedanken kreisen um die heilige Stadt Jerusalem – arabische und jüdische. Und je länger dieser Krieg ohne Waffenlärm und Heldentaten andauert, um so fanatischer und überspannter wird die Atmosphäre und um so extremer die politischen Forderungen und Schwüre, die von den Terroristen zu der Regierung und von den Ministerberatungen zu den Lagerfeuern der Soldaten hin und her gehen. Graf Bernadotte hatte wohlweislich während dieses zweiten Waffenstillstandes keinerlei Vorschläge zur Behandlung des Palästinaproblems entworfen, sondern sich darauf beschränkt, für die Durchführung des Waffenstillstandes zu sorgen, bis die Vollversammlung der UNO einen Ausweg fände. Es hieß allerdings, er habe sich dafür eingesetzt, daß die Stadt Jerusalem, nicht wie zunächst vorgesehen, internationalisiert, sondern vielmehr den Arabern, in deren Gebiet sie als Enklave liegt, zugesprochen werden solle. Mag sein, daß dies zum Fanal für die jüdischen Terrororganisationen geworden ist. Der Befehlshaber der Irgun Zvai Leumi, Beigin, hatte bereits am Tage nach der Errichtung des Staates Israel erklärt, die Irgun würde bis zum letzten Mann dafür kämpfen, daß die alte heilige jüdische Stadt Jerusalem zur Hauptstadt des Staates Israel würde. Und die sehr viel radikalere Stern-Gruppe hat offiziell erklärt, daß sie, wenn die Regierung in Tel Aviv sich auf irgendwelche Kompromisse in der Einwanderungsfrage einließe, die Offiziere, und Vertreter der UNO in der gleichen Weise bekämpfen werde wie seinerzeit die englische Besatzungsmacht – das heißt mit Mord und Terror. Diesem finsteren Gelöbnis der Stern-Anhänger ist nun Graf Bernadotte zum Opfer gefallen.

Abraham Stern, der Gründer dieser terroristischen Organisation, war eigentlich ein Dichter und diese seltsame Tatsache erklärt vielleicht auch die merkwürdige Zwiegesichtigkeit dieser Gruppe: jene Mischung von Romantik und Brutalität, von religiösem Ethos und politischer Zweckmäßigkeit, von Zynismus und "völkischem" Idealismus. All das kennen wir in Deutschland zur Genüge aus der Zeit der Fememorde bis zu den Ordensburgen Adolf Hitlers. "Wir sind schlichte menschliche Wesen, die um der Wahrheit willen töten und die für diese Wahrheit selber sterben. Wir sind das nationale Gewissen, auserwählt, um über der Reinhaltung der Lehre zu wachen." Dieses Bekenntnis stammt nicht von einem Ordensjunker, sondern von einem Führer der Stern-Gruppe, den ein Berichterstatter mit den Worten schildert: "Er sprach über den Mord als Institution in einem sanften und zugleich leidenschaftlichen Ton, so wie ein junger und eifriger Priester von den 8 kramenten spricht."

Man darf dabei nicht vergessen, daß die jüdischen Terrororganisationen keineswegs ein geheimnisvolles Untergrunddasein führen, sondern daß sie gewissermaßen am offiziellen Staatsleben teilnehmen, ihre eigene Presse haben und dies meisten Führer jedermann bekannt sind. Die Irgun Zvai Leumi hat sich überdies, nachdem ein Teil ihrer Organisation von der Armee übernommen wurde, soeben mit den Revisionisten zusammengetan, der extrem rechtsgerichteten Oppositionspartei, die auch das Gebiet jenseits des Jordans (Transjordanien) für den Staat Israel beansprucht. Auf diese Weise wird nun vermutlich der Geist der Irgun auch in die politischen Parteien hineingetragen und die Bürger dieses Staates, die ohnehin krankhafter Nationalismus erfüllt, werden wahrscheinlich zu immer abwegigeren Handlungen veranlaßt werden. Augenblicklich ist es Mode geworden, daß alle Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ihre Familiennahmen "hebräisieren", indem sie Namen aus dem Alten Testament oder der Landschaft Palästinas annehmen.

Man kann nur hoffen, daß der Schock, den der Tod des Grafen Bernadotte für die verantwortlichen Männer der Regierung Israels bedeutet, sie für einen Moment wenigstens, innehalten und bestürzt erkennen läßt, wie weit sie auf jenem Wege bereits gelangt sind, der erst vor kurzem ein anderes Volk ins Verhängnis geführt hat.