Die Losung der europäischen Zusammenarbeit stößt für Westdeutschland auf viele Hindernisse, um deren Abtragung sich auch manche amtliche alliierte Kreise bemühen. Der Appell Marshalls zum Demontagestop und die Bemühungen von Botschafter Harriman und General Clay um die gleichberechtigte Stellung Westdeutschlands bei der Verteilung der Marshall-Hilfe und beim Wiederaufbau Westeuropas sind beachtliche Beispiele dafür. Doch das Mosaik der politisch bedingten Beschränkungen, die mit dem neuen "Europa-Geist" nicht recht vereinbar sind, umfaßt sehr viele Sternchen. So tat das Kontrollratsgesetz Nr. 47 im März 1947 der deutschen Versicherungswirtschaft die "Ehre" an, ihr als einzigem deutschem Wirtschaftszweig ein diskriminierendes Spezialgesetz zu widmen. Es verbietet praktisch jegliche Auslandsbetätigung der deutschen Versicherungen, und dies, obwohl das Versicherungsgeschäft das Schulbeispiel für eine erfreuliche internationale Zusammenarbeit ist. Vor allem auf zwei Gebieten wirkt sich dieses Verbot äußerst nachteilig nicht nur für Deutschland, sondern auch für alle diejenigen aus, die am Geschäft mit Deutschland interessiert sind, bei der Rückversicherung und bei der Transportversicherung, die über die Landesgrenzen hinaus- und nicht nur in Nachbars Garten hinüberreichen. reichen.

Heute ist es praktisch unmöglich, den deutschen Außenhandel außerhalb der Landesgrenzen von Deutschland aus zu versichern. Es sind zwar Ausnahmen im Gesetz 47 vorgesehen. Im Artikel 3 wird bestimmt, daß ein Objekt im Auslande von deutschen Gesellschaften versichert werden, darf, wenn die Versicherung sich auf eine kürzere Frist als drei Monate nach Grenzübertritt bezieht, wenn das Risiko deutsch bleibt, und wenn alle Zahlungen in deutscher Währung erfolgen. Aber für die Ausfuhr trifft dies deshalb nicht zu, weil allgemein die fob-Klausel gilt. Das Exportgut bleibt also nur bis zur Verladung auf einem Schiff, oder bei Landtransporten bestenfalls bis zur Grenze deutsches Eigentum. Damit entfällt bei den fob-Exporten der Kern der erwähnten Voraussetzung. Mit der Einführung der cif-Klausel würde sich das Bild entscheidend ändern. Denn cif umfaßt ja leben den Kosten des Exportgutes auch die Versicherung und die Fracht. Mit der cif-Klausel würde also nicht nur die Vorsorge für den Transport eine deutsche Angelegenheit werden. (Die Forderung nach der Wiedereinschaltung der deutschen Schiffahrt in den friedlichen Güteraustausch mit Übersee spielthier herein.) Auch die Versicherung des Transportes könnte von deutscher Seite her erfolgen und einen wesentlichen Beitrag zur Einsparung von Devisen leisten, ebenso wie etwa die Charterung von Liberty-Schiffen und ihre Fahrt mit deutschen Besatzungen eine höchst beachtliche Verbesserung der deutschen Devisenbilanz bringen würden.

Während die Ausfuhr durch die cif-Klausel bei einer wohlwollenden Auslegung von Gesetz 47 die Wiedereinschaltung der deutschen Transportversicherung denkbar werden ließe, ist für die Einfuhr die Lage noch ungünstiger. Die Bestimmung, daß bei Beginn der Versicherung das Objekt sich im Inlande befinden muß, läßt sich ja bei der Einfuhr nun einmal nicht bewerkstelligen. Man hat sich vielfach damit geholfen, daß im Außenhandel getrennte Policen für den Transport im Inlande und im Auslande abgeschlossen werden, damit wenigstens im Inlande keine Devisenkosten für die Transportversicherung entstehen. Aber dies erfordert doppelte Arbeit, doppelte Policen und erhöhte Kosten. Und da außerdem ausländische Versicherungsgesellschaften in Deutschland keinerlei Beschränkungen, unterliegen, bemühen sie sich naturgemäß darum, durchgehende Policen abzuschließen. Sobald die Gleichberechtigung der deutschen Transportversicherung für unseren Außenhandel wiederhergestellt ist, wäre gegen derartige Betätigung ausländischer Gesellschaften im international üblichen Rahmen nichts einzuwenden. Irgendwelche Autarkiebestrebungen haben der deutschen Versicherungswirtschaft stets fern gelegen.

Das gilt nicht nur für die Transportversicherung, sondern auch für das Rückversicherungsgeschäft, das seinem Charakter nach ein völlig internationales Geschäft ist. Hier geht es um die Verteilung der Risiken auf eine möglichst breite, internationale Basis. Die Atomisierung großer Risiken ist ja eine fast unvermeidliche Voraussetzung gesunder Versicherung gerade bei den großen Wagnissen. Nur zwei Beispiele: Beim Erdbeben von San Francisco trug die deutsche Versicherung weit mehr als 50 Mill. Mark des Schadens (und das waren im Jahre 1906 noch Goldmark!). Und als im Jahre 1943 in großes Brüsseler Warenhaus-Risiko von 300 Mill. belgischen Francs zu decken war, konnte eine Spitze von 12 Mill. nicht untergebracht werden, obwohl 112 Direktversicherer aus zwölf Ländern mitwirkten.Die Ursache war, daß der stärkste Versicherungsmarkt der Welt, England, während des Krieges nicht beteiligt werden konnte.

Bei fortschreitender Gesundung der deutschen Wirtschaft nach der Geldreform läßt sich kaum vorstellen, daß der Versicherungsmarkt der drei Westzonen auf die Dauer von der Beteiligung am internationalen Geschäft der Rückversicherung ausgeschlossen bleiben soll. Dies um so weniger, als die nach der Einstellung der Feindseligkeiten zunächst im Auslande verbreitete Behauptung, man habe es bei den deutschen Versicherern mit einer besonders gefährlichen Sorte von Weltbeherrschungs-Aspiranten zu tun, sehr schnell durch das Gewicht der Tatsachen ausgeräumt worden ist. Auch Konkurrenzbefürchtungen spielen erfreulicherweise kaum eine Rolle, obwohl der Ausfall der deutschen Rückversicherung einen Auftrieb für Schweizer und französische Gesellschaften mit sich brachte. Eher dürfte die alte Regel mitsprechen: Was der Bauer nicht kennt ... Denn der Sonderzweig des Rückversicherungsgeschäftes als selbständige Versicherungsform ist auf den europäischen Kontinent beschränkt, dagegen in England (wo Rückversicherungen hauptsächlich über die urenglische Form des Versicherungsmarktes von Lloyds erfolgt) und in den Vereinigten Staaten unbekannt ist. So sollte die wirtschaftliche Vernunft angesichts des Fehlens politischer "Gefahren" und wirtschaftlicher Konkurrenzbefürchtungen eine gute Chance haben, diese Schranke Nr. 47 im Zuge der wirtschaftlichen Zusammenschweißung Westeuropas zu beseitigen. Gw.