Der frühere Reichskanzler Dr. Brüning, der kürzlich nach mehr als vierzehnjähriger Abwesenheit zu einem Besuch aus der Emigration nach Deutschland, zurückgekehrt war, nahm Gelegenheit, sich in zahlreichen Gesprächen mit führenden Persönlichkeiten über die Lage Deutschlands zu unterrichten. Er gab dabei seiner Auffassung über. die wesentlichen politischen und wirtschaftlichen Probleme Ausdruck. Den Eindruck, den politische Persönlichkeiten aus einer Reihe solcher Gespräche von den Anschauungen Dr. Brünings gewannen, skizziert. unser Frankfurter Korrespondent, Robert Strobel, in folgendem zusammenfassenden Bericht.

Für die Gesprächspartner Dr. Brünings bei seinem Besuch in Deutschland war es vielleicht die größte Überraschung, daß der Gast die wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten unseres Landes durchaus optimistisch beurteilte. Nach seinen Beobachtungen, so meinte er, sei der Wiederaufbau weiter vorangeschritten, als er es im Hinblick auf die zur Zeit noch bestehenden Hindernisse erwartet habe. Brüning zeigte sich vor allem erstaunt über den starken Willen zur Bezwingung der materiellen Schwierigkeiten, den er in allen Schichten wahrgenommen habe, mit denen er in Berührung kam. In mehreren Gesprächen betonte er, daß er nicht an dem wirtschaftlichen Wiederaufstieg Deutschlands zweifele. Dieser Optimismus machte auf Persönlichkeiten, die ihn von früher kennen, einen um so stärkeren Eindruck, als nach ihren Erfahrungen Brünings vorsichtige Betrachtungsweise eher zum Skeptizismus als zur Zuversicht neigt.

Brüning ist fest überzeugt, daß man in den wirtschaftlich maßgebenden Kreisen der Vereinigten Staaten Westdeutschland finanziell helfen will und wird. Man habe dort erkannt, versicherte er, daß dies eine Voraussetzung für die volle Einschaltung Europas in die Weltwirtschaft sei. Das antideutsche Ressentiment in den USA ist nach Brünings Darstellung stark zurückgegangen. Aber es sei – dies dürfe man nicht übersehen – noch immer in weiten, zum Teil auch einflußreichen Kreisen vorhanden. Aus diesem Grunde glaubt Brüning, daß er auch künftig noch in den Vereinigten Staaten besser für Deutschland wirken könne als hier im Lande. Er: denkt, vorerst jedenfalls, nicht an die Heimkehr. Noch ferner liegt ihm der Ehrgeiz, etwa in Deutschland wieder eine politische Rolle spielen zu wollen. Die innerpolitische Atmosphäre, die er bei uns angetroffen hat, scheint ihn in dieser Zurückhaltung noch bestärkt zu haben. Er gab sogar zu verstehen, daß er sich keineswegs über die großen Widerstände hinwegtäusche, auf die er im Falle einer Rückkehr in vielen Kreisen stoßen würde. Im übrigen habe er den Eindruck, daß viele Spannungen innerhalb der Fraktionen und zwischen diesen offensichtlich persönliche Hintergründe hätten und stark gefühlsbetont seien. Eine Renaissance der alten Zentrumspartei lehnt Brüning ab. Er scheint die Überzeugung gewonnen zu haben, daß die CDU die den veränderten Verhältnissen entsprechende politische Organisation ihrer Wählerschichten darstelle. Sie müsse freilich auf eine Ausbalancierung ihrer strukturell so unterschiedlichen Kräfte bedacht sein. Nach seiner Meinung sei der Einfluß des rechten Flügels der CDU in mehrfacher Hinsicht zu stark und für die weitere Entwicklung der Partei ungünstig. Diese Kritik Brünings richte sich aber nicht grundsätzlich gegen die CDU als solche. Er habe sich nur von den angedeuteten Strömungen innerhalb der Partei distanziert.

Nach seinem Urteil über die von Dr. Spiecker propagierte Aktion zur Aufrichtung einer breiten Mittelpartei aus Teilen der CDU, der SPD und des Zentrums befragt, erwiderte Brüning, daß er heute dem Zweiparteiensystem den Vorzug gebe. Er möchte seinerseits befürworten, daß in den beiden großen Parteien die gemäßigten Elemente die Führung übernehmen. Die in den nächsten Monaten zu behandelnden Fragen, insbesondere die Schaffung der staatsrechtlichen Grundlagen für den westdeutschen Staat, müßten auf einer breiten parlamentarischen Basis gelöst werden. Gegenwärtig aber glaubt Brüning, in den beiden großen Parteien, der CDU und der SPD, einen ihm gefährlich erscheinenden Hang zur Ausschließlichkeit beobachtet zu haben. Er respektiert durchaus die Gestalt Dr. Schumachers, besonders vom Charakterlicher gesehen, aber es befremdet ihn ein Zug zu mitunter schroff betonter Eigenwilligkeit. Persönlichkeiten von so geringer Biegsamkeit könnten eine Zusammenarbeit auf koalitionsmäßiger Grundlage erschweren. Unter den gegenwärtigen Umständen halte er aber gerade eine Politik interfraktioneller Kompromisse nicht nur für zweckmäßig, sondern für unbedingt erforderlich. Mit den Partnern der SPD vor 1933 sei es wohl leichter gewesen, zu einer Verständigung zu kommen, als mit einer Persönlichkeit wie der Dr. Schumachers.

Die Darstellungen, die in einigen Zeitungen über die Fühlungnahme Brünings mit Dr. Adenauer verbreitet waren, scheinen, zumindest in ihrer Tendenz, nicht zuzutreffen. Man kommt vielleicht einer richtigen Wertung dieses Gesprächs näher, wenn man die ausgeprägte Eigenart der beiden Partner in Betracht zieht, die vielfach von gegensätzlichen Standpunkten ausgehen und sich daher bei einem solchen Gedankenaustausch eine gewisse Reserve auferlegt haben mögen.

In der Beurteilung der weltpolitischen Lage teilt Dr. Brüning den allgemeinen Pessimismus nicht. Die internationalen Spannungen seien gewiß ernster Natur, aber die Kriegsgefahr werde doch vielfach überschätzt. Er meint, man solle sich hüten, einen neuen Weltkrieg für unvermeidlich oder gar nahe bevorstehend zu halten, und ist der Überzeugung, daß die Vereinigten Staaten den Kampf um die Lebenswerte, deren Inbegriff die demokratische Freiheit ist, jetzt und in Zukunft an jedem Punkte der Welt unterstützen werden. Unter diesem Aspekt beurteilte Brüning auch die voraussichtliche weitere Entwicklung der Lage in Berlin. Er rechnete fest damit, daß die Alliierten in den Westsektoren Berlins bleiben werden.