Von Kurt Gelsner

Noch vor dem Schlagbaum des IRO-Lagers hört die Regensburger Ganghofer-Siedlung auf, die Züge einer deutschen Stadt zu tragen. Nicht einmal die Zwiebeltürmchen und die grobgekalkten Mauerflächen mit den kleiner! Fenstern vermögen ihre bayerische Eigenart gegenüber dem wunderlich veränderten Straßenbild durchzusetzen. Tausende verschleppter und vor den Schrecken der Volksdemokratie geflohener Ukrainer haben aus Häuserblocks, Gärten und Wegen ein getreues Abbild ihrer östlichen Heimat gemacht, einen umhegten und bewachten Bezirk, der ihnen die Illusion läßt, irgendwo am Don, am Dnjepr oder am Donez zu leben.

Lachen hört man selten in diesen Straßen und Häusern. Flucht, Armut, Elend, Angst, Verfolgung und Entbehrung haben die Gesichter der Ukrainer gezeichnet. Abwartend und verschlossen mustern sie den Fremden. Der jahrhundertelange Kampf um die Existenz hat ihnen das Mißtrauen anerzogen. Was sie erdulden, ist in ihren Augen das Opfer, das das Vaterland ihnen abverlangt. Ein kleiner Schritt auf dem Wege zur Unabhängigkeit. Und von Zeit zu Zeit sendet die Heimat ihnen eine Botschaft, brechen schwerbewaffnete Abteilungen der ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) aus ihren Kampfräumen durch bis in die amerikanische Zone Deutschlands. Dann schöpfen die Vertriebenen neuen Mut, und die westliche Welt erfährt, daß hinter dem Eisernen Vorhang ein freiheitliebendes Volk erfolgreich gegen seine Unterdrücker kämpft.

"Bevor wir reden, sehen Sie sich die Bilder an", sagt der mittelgroße, muskulöse Ukrainer, in dessen bescheidenem Zimmer wir sitzen. Er ist 24 Jahre alt. Ein Kommandeur der UPA dem die Wiederstandsbewegung einen ihrer Raids nach Westen anvertraute. Im Taufregister seiner Heimatgemeinde steht sein bürgerlicher Name – aber der ist seit langem bedeutungslos geworden. Seine Kameraden nennen ihn "Berkut", den Bergadler.

Die Photos sind abgegriffen. Partisanen im Wald, Partisanen mit und ohne Waffen, kniende Partisanen beim Gottesdienst auf einer Lichtung, Partisanen als Totenwache am Grab ihrer Gefallenen, Partisanen im Gefecht hinter Strauchwerk und Dickicht. Auch ein paar Bilder mit lachenden Mädchen sind dabei. "Denken Sie nicht", sagt Berkut, "daß das sentimentale Bilder sind. Die Mädchen kämpfen wie Männer, sie sind Partisanen wie wir. Sie tragen Waffen und haben sich tapfer geschlagen."

Da ist ein Gruppenbild, Monturen und Waffen sind bunt zusammengewürfelt aus tschechischen, russischen und polnischen Ausrüstungsstücken. "Das müssen wir alles erbeuten", sagt Berkut, "niemand versorgt uns, wenn wir es nicht selber tun. Munition, die wir verschießen wollen, müssen wir den anderen wegnehmen. Aber sehen Sie: woher diese Mützen auch stammen, alle tragen jetzt den Dreizack (Tryzub), das Wappenbild der freien Ukrainer. Daraus mögen Sie erkennen, daß wir keine Banden sind, sondern eine reguläre Armee. Wir sind uniformiert und wir machen uns kenntlich. Unsere militärische Organisation überzieht das ganze Land und reicht von der Gruppe bis zum Regiment. Obwohl wir so wenig wie möglich schreiben, funktioniert unser Nachrichtendienst ausgezeichnet. Wenn das Regiment gebraucht wird, steht es bereit. Daß wir als Partisanen kämpfen, liegt an den Stärkeverhältnissen. Die Besatzung hat schwere Waffen, wir haben keine. Aber wir können auch keine gebrauchen, wenn wir in den Wäldern operieren. Trotzdem gibt es Gegenden, in die sich Besatzungstruppen nur noch in größeren Verbänden wagen."

Wir erwähnen, daß die UPA verdächtigt werde, deutsche SS-Soldaten und ehemalige Wlassow-Truppen in ihren Reihen zu haben. Berkuts Stimme verrät eine leise Verärgerung. Gegen die deutsche Zivilverwaltung, gegen SS, Gestapo und Polizei habe er 1943 selbst gekimpft. Die UPA mache nicht plötzlich Feinde zu Freunden. Wlassow sei ein sowjetischer General gewesen, der seine Truppen aus Gefangenenlagern in Deutschland rekrutierte. Weder er, Berkut, noch seine Kameraden seien je Soldaten der Roten Armee gewesen. Seit 1943 bekämpfen sie jede Form der Unterdrückung – erst die nationalsozialistische, dann die bolschewistische. Allerdings – aus sowjetischer Gefangenschaft entflohene Deutsche gäbe es in ihren Reihen, aber gegen die Wehrmacht hätten sie auch nie etwas gehabt. Sie habe sich korrekt verhalten.