Wenn der deutsche Meister Gottfried von Gramm eingeladen wird, an Tennisturnieren in der Schweiz teilzunehmen, und alle Formalitäten hinsichtlich des Schweizer Einreisevisums glücklich erledigt hat, so versteht es sich keineswegs von selbst, daß er seine Reise nun auch wirklich antreten kann. Er bedarf der Ausreisegenehmigung der Besatzungsmächte. Die hierfür zuständige Abteilung Entries and Exits verlangt bei einer derartigen privaten Auslandsreise eines Deutschen grundsätzlich den Nachweis, daß die Reise entweder im Interesse der Besatzungsmächte liegt, oder aber der Umerziehung, der re-education des Antragstellers dient; Eine alliierte Dienststelle hat zu bescheinigen, welche dieser beiden Voraussetzungen erfüllt ist. Nur bei Reisen nach England wird das nicht gefordert. Nun, wenn ein Deutscher in der Schweiz Tennis spielt, so läßt sich kaum behaupten, daß die Interessen Englands berührt werden. Und wieso ein solches Vorhaben erzieherisch umgestaltende Wirkungen haben könnte, ist. erst recht nicht einzusehen. Mit anderen Worten: eine Reise dieser Art ist "grundsätzlich" gar nicht vorgesehen.

Es geht hier nicht um Einzelfälle, sondern um eine Frage von allgemeiner Bedeutung. Darum nämlich, ob Auslandsreisen den Deutschen grundsätzlich verboten sind mit bestimmten Ausnahmen. oder ob sie grundsätzlich erlaubt sind. Die Richtlinien von Entries and Exits setzen voraus, daß das Verbot die Regel ist. Der Deutsche, dem ein Nachbarland seine Grenzen bereits geöffnet hat, der auch finanziell so vollständig "eingeladen" ist, daß er die deutsche Devisenbilanz überhaupt nicht belastet, muß seiner Besatzungsmacht erst noch nachweisen, daß die Reise auch wirklich "notwendig" ist. Eines solchen Nachweises bedarf es nur unter Getto-Voraussetzungen. Sobald man davon ausgeht, daß Reisen grundsätzlich erlaubt sind, wird die Frage überflüssig, ob sie womöglich unnötig sein könnten. Und damit erübrigt sich die Ausreisegenehmigung und eine alliierte Behörde, die sie zu erteilen hat.

Wenn man sich im Jahre 1948 überlegt, Welcher Schaden dadurch entstehen könnte, daß man auf dieses "Getto von innen" verzichtete – hier handelt es sich ja nur um die deutsche Ausreisegrenze und nicht um die fremden Einreisegrenzen – so ist die Antwort eindeutig. Ein solcher Verzicht hätte nur Vorteile und überhaupt keine Nachteile. Es ist für niemanden gesund, eingesperrt zu sein und es tut niemandem gut, Eingesperrte bewachen zu müssen. Das Getto verletzt die Würde aller Beteiligten; es gleicht einem Gefängnis. dessen Insassen keines Verbrechens überführt sind.

Was heute selbstverständlich erscheint, muß nicht unbedingt vor drei Jahren selbstverständlich gewesen sein. Im Jahre 1945 wurde Deutschland militärisch besetzt, nach zwölf Jahren Nazismus und nach sechs Jahren eines nazistischen Angriffskrieges. Die Besetzung selbst war eine kriegerische Handlung und richtete sich gegen ein Volk, von dem die Sieger nicht wußten, wie es sich verhalten würde Sie hatten, im Interesse der Sicherheit ihrer Truppen, einigen Grund, eher vorsichtig als leichtsinnig zu sein. Das ganze deutsche Volk galt als nazistisch und kollektivschuldig. Man erwartete Untergrundbewegungen und Werwolfsaktionen. Wenn man damals, als nicht wenige der wirklich Hauptschuldigen noch nicht in sicherem Gewahrsam waren, die Grenzen schloß und ein grundsätzliches Ausreiseverbot erließ so war das eine verständliche Maßnahme. Und das gleiche gilt für so manches andere, was 1945geschah. Das Besatzungsregime ist unter dem Vorzeichen des Krieges begründet worden, Deutschland war zunächst nichts anderes als riesiges Gefangenenlager.

Wenn wir heute von einem "Getto" sprechen, so beweist dies gerade, daß wir die Lage nicht mehr nach kriegerischen Maßstäben beurteilen. Und auch die Sieger haben seit langem bemerkt, daß der Krieg mit Deutschland zu Ende ist. Von Werwölfen war in diesen drei Jahren niemals etwas zu spüren. Die These vom durch und durch nazistischen deutschen Volk ist so brüchig geworden wie die von der Kollektivschuld. Der britische oder amerikanische Soldat fühlt sich heute auf deutschem Boden nicht unsicherer als in seiner Heimat. Über den Verbleib so gut wie aller Naziführer besteht hinreichende Klarheit. Man fragt sich zuweilen, womit sich eigentlich Dienststellen von der Art der Public Safety noch beschartigen.

Trotz dieser gründlich gewandelten Lage setzt. vieles im alten Stile fort, was 1945 begonnen – wurde. Jedenfalls haben sich die Zustände in Deutschland, und nicht nur dort, sehr viel schneller,sehr viel radikaler geändert als die Richtlinien und Methoden des Besatzungsregimes. Organisationen sind immer wesentlich starrer als das Leben selbst. Das Beharrungsvermögen gehört geradezu zum Wesen der Bürokratie. Und überhaupt gibt es in der Politik, am meisten in der Nachkriegspolitik, ein "Gesetz der Trägheit", das dem physikalischen Grundsatz Galileis nahe verwandt ist. Es besagt, daß eine Bewegung Von sich aus die Tendenz hat, nach Geschwindigkeit und Richtung unverändert zu bleiben. Vom Körper der Physik auf menschliche Körperschaften übertragen, heißt dies, daß ohne stärkere Austöße von anderer Seite alles beim alten zu bleiben pflegt. Der in eine Organisation eingespannte Mensch ist zudem seltsam gehemmt, sich von deren Bewegungsgesetz unabhängig zu machen, persönlichen Abstand zu gewinnen, unvoreingenommen und elastisch zu bleiben. Auch er gerät mit hinein in den Beharrungszustand, und das ist dann bei ihm jene menschliche überheit des Herzens, die am schwersten zu überluden ist.

Nach diesem Trägheitsgesetz wird ohne besonderen Anstoß noch jahrelang das grundsätzliche Verbot für private Auslandsreisen von Deutschen in Kraft sein, obwohl dieser Grundsatz längst überholt und veraltet ist. Aber weit darüber hinaus gilt dies Trägheitsgesetz. Es ist der Schlüssel zu all unseren wesentlichen Sorgen und Nöten unter dem Besatzungsregime, mag es sich nun um die Demontage, um die Höhe der Besatzungskosten oder um die JEIA handeln. Denn immer geht es hier darum, daß das durch die Entwicklung bereits Widerlegte, das unzeitgemäß Gewordene sich zähe fortsetzt oder jedenfalls viel zu langsam den Erfordernissen angepaßt wird. Nach dem Trägheitsgesetz verhindert die Vergangenheit die Zukunft, der Krieg den Frieden, die Feindschaft die Partnerschaft. Aber Vergangenheit, Krieg und Feindschaf: sind die toten Größen. Das Leben ist bei der Zukunft, dem Frieden und der Partnerschaft. Auf vielen Gebieten wird trotzdem noch 1948 aus dem Geiste von 1945 gehandelt und unterlassen.