Zu seinem 30. Todestag

Von Paul Fechter

Simmel war einer der vielseitigsten und fruchtbarsten deutschen Philosophen des zwanzigsten Jahrhunderts. Aus persönlichen Eindrücken zeichnet der Kulturkritiker Dr. Paul Fechter ein eindrucksvolles Profil dieses Mannes in seinem in Kürze im Verlag C. Bertelsmann erscheinenden Buch "Menschen und Zeiten. Begegnungen aus fünf Jahrzehnten".

Georg Simmel war eine sehr merkwürdige Erscheinung. Groß, hager, ein kluges Verdachtes Gesicht mit hoher Stirn und kahlem Schädel über der randlosen Brille und dem grauen Spitzbart, das Gesicht eines Arztes ebenso wie eines Philosophen, der Kopf eines ausgeprägt wissenschaftlichen, leidenschaftlich denkerischen Menschen. Sein Kolleg war ein Erlebnis besonderer Art; man sah, wie der Prozeß des Denkens Besitz ergriff von dem ganzen Manne, wie die hagere Gestalt auf dem Katheder Medium eines geistigen Vorgangs wurde, dessen Leidenschaft sich nicht nur in Worten, sondern ebensosehr in Gesten, Bewegungen, Aktionen auswirkte. Wenn Simmel den Kern eines Gedankens, einer Erkenntnis den Hörern zeigen wollte, formulierte er ihn nicht nur: er hob ihn gewissermaßen sichtbar mit der Hand, deren Finger sich nach oben spreizten und wieder schlossen, empor; sein ganzer Körper wand und drehte sich unter dieser erhobenen Hand, die das Problem trug, als ob er nur in dieser Spiralbewegung die Substanz des Gedankens aus der eigenen Tiefe losreißen und zum Kopf, zum Gehirn, zu den Worten empordrängen könnte. Zuweilen hielt er den Arm fast senkrecht hoch und bewegte sich dahinter wie ein Fechtender bei der Parade, so daß er am Ende am rechten Arm links und am linken Arm rechts vorbei auf die Hörer blickte. Er hatte dabei eine Intensität des Sprechens, die zugleich letzte Sammlung des Denkens war; er gab nur Abstraktes, aber er gab es so aus gelebtem Anteil, daß das Mitdenken im Hörer ebenfalls Leben wurde und das Verstehen sich von selbst ergab.

Ergebnis dieser Simmelschen Abstraktion war in dem Kolleg über die Geschichte der Philosophie eine Analyse bis ins Letzte; und zuweilen hatte man das Gefühl, daß er selbst das Schicksal dieser Analyse als seine persönliche Tragik empfand. Wenn er von dem Abendschein über dem späten Werk Spinozas sprach, sah er diesen Glanz fast wehmütig nach; zugleich betrachtete er seine Hände, als ob darin die sinnlos gewordenen, zerdachten Reste des gerade Behandelten erstorben lägen. Er war ein Meister des Formulierens; wer die Diktion vor allem der Essayliteratur seit 1905 einmal kritisch durchgeht, wird eine ganze Reihe Simmelscher Wendungen wiederfinden, vom Gebrauch des Wortes "ungeheuer" bis zu den "Lebensumständen", die er gerne als das definierte, was um das Leben herumsteht. Er hatte Freude an der zugespitzten Antithese. Franz Schultz, der gleichzeitig mit ihm in Straßburg wirkte, berichtete von einer Anmerkung, in der Simmel einmal sein Verhältnis zu Bergson witzig antithetisch umriß: "Daß Bergson bedeutender ist als ich, das mag ja sein; was ich aber nicht einsehen kann, ist, daß ich weniger bedeutend sein soll als er." Das Verhältnis von Position und Negation wurde hier ebenso wirksam wie selbstironisch an der eigenen Person demonstriert.

Ein seltsamer Wesenszug Georg Simmeis wurde sichtbar bei einer späteren Begegnung, als er, es mag 1912 oder 1913 gewesen sein, als Gast der Universität im Barackenauditorium einen Vortrag über den Stil im Kunstgewerbe hielt. Es war ein echt Simmelsches Kolleg: man hörte ihn nicht nur, man sah ihn auch denken. Er ließ die Hörer anschaulich das Werden, Heraufsteigen, Sichausdrücken der Gedanken, ihr Entstehen aus und in den Wortgebinden miterleben, gab wie einst das faszinierende Schauspiel des mit dem ganzen Körper philosophierenden Menschen, der nicht nur den Kopf, sondern alle Gliedmaßen als gestaltende Ausdrucksmittel seiner inneren geistigen Vorgänge gebrauchte. Der Vortrag hinterließ wie das ganze Wiedersehen eine sehr starke Wirkung. Ich saß damals bereits auf der Redaktion der Vossischen Zeitung in der Breiten Straße und schrieb auf Grund eingehender Notizen während des Zuhörens ein ausführliches Referat, das ich am nächsten Tag sogleich für das Abendblatt setzen ließ.

Als ich gerade Korrektur gelesen hatte und den Abzug noch in der Hand hielt, kam der alte Doktor Salinger, der mit mir das Feuilleton der Vossischen Zeitung redigierte. Er sah den Abzug, las die Überschrift und sagte dann: "Ach, hat er den alten Vortrag wieder einmal gehalten?"