Als Metternich während des Wiener Kongresses den Tod eines bekannten russischen Botschafters erfuhr, soll er gesagt haben: "Was war dabei seine wirkliche Absicht?" In dieser sarkastischen Frage des großen Staatsmannes kam das ganze Mißtrauen der damaligen Welt gegenüber jedem Schachzug der russischen Diplomatie zum Ausdruck. Das Mißtrauen der Welt ist inzwischen nicht kleiner geworden, die Kommentare nicht geistreicher, wohl aber langatmiger und böser. Besonders dann, wenn heute im Palais Chaillot von Andrej Januarjewitsch Wyschinski die Rede ist. Dabei sieht der stellvertretende Außenminister der Sowjetunion, der die russische Delegation auf der UNO-Vollversammlung führt, aus wie ein achtbarer, zufriedener Bürger. Selbst die schwarze Hornbrille, das schüttere graue Haar und der gleichfarbige Schnurrbart vermögen dem professoralen Gesicht keine besondere Note zu verleihen.

Wie bei vielen Kommunisten, weist auch die Biographie des heute 65jährigen manche Lücke auf. Fest steht jedoch, daß ihn in seiner Karriere Jahre hindurch ein doppeltes Handicap behinderte: er ist lange Menschewik gewesen; länger, als ihm angenehm ist, daran erinnert zu werden. Erst 1920 trat er in die Kommunistische Partei ein. Und er entstammt der Bourgeoisie. Ein Zweig der Familie Wyschinski wurde vom österreichischen Kaiser Franz II. in Galizien geadelt. Doch die Säuberungsprozesse von 1936 bis 1938 gaben Wyschinski als Generalstaatsanwalt die Möglichkeit, seine verspätete revolutionäre Begeisterung zu entdecken, seine juristischen Studien weiter zu entwickeln und der Welt zum ersten Male das Phänomen einer unfaßbaren Selbstbeschuldigung der Angeklagten zu präsentieren. Freunde und Feinde, Lehrer und Vorgesetzte, Beschützer und Unbekannte schickte er mit derselben Unbeweglichkeit in den Tod. Im Blut von Tausenden von "Konterrevolutionären und Trotzkisten" glaubte er endlich den geeigneten politischen Fleckentferner gefunden zu haben. "Es handelt sich weniger darum, zu bestrafen, als zu vernichten." Man wäre geneigt, dies Wort Saint-Justs aus der Französischen Revolution zu zitieren, wenn nicht Wyschinski selbst ein für seinen eiskalten Zynismus bezeichnendes Bonmot geprägt hätte. Als Ehrengast während des Nürnberger Prozesses toastete er den Richtern der Westmächte auf einem Bankett lächelnd zu: "Ich trinke auf das Todesurteil gegen alle Angeklagten." Im selben Jahr schrieb der "Observer": "Jedes große Land könnte stolz sein, in seinem Gerichtshof einen Mann zu haben, der seine Gaben, Bildung und schnelle Auffassungsgabe besitzt."

Nicht Molotow, sein Stellvertreter Wyschinski ist nach Paris gegangen. Das stellt eine unzweideutige Brüskierung der UNO dar. Und nicht nur das. Die zähe Verhandlungstaktik Molotows, sein stereotypes "Njet" und seine Vorliebe für endlose Dispute über Tagesordnung und Verfahrensfragen sind wohl geeignet, jede Geheimverhandlung im kleinen Kreis und jede Konferenzarbeit der Großen Vier zunichte zu machen. Vor dem Forum der Welt aber als Angeklagter anzuklagen, dazu bedurfte es der bestechenden Dialektik des einstigen Großinquisitors der Sowjetunion, jenes Mannes, der vor einem öffentlichen Tribunal den alten Bolschewiken und Revolutionär Bucharin "Sohn eines Ochsen und eines Schweins" nennen konnte. C. J.