Vier Wochen tagt jetzt der Parlamentarische Rat. Er ist mit seiner Arbeit schneller vorangekommen als man nach dem Vorspiel von Herrenchiemsee zu hoffen wagte. Ein einziges Mal bisher versammelten sich die 65 Abgeordneten zu einer Generaldebatte über Ziel und Zweck der dem Rat gestellten Aufgaben. Das war acht Tage nach der feierlichen Eröffnung. Seitdem liegt das Schwergewicht der Beratungen bei den Fachausschüssen. Diese Methode, Kernfragen der künftigen Verfassung zunächst gesondert zu behandeln, scheint sich zu bewähren. Schon in knapp einer weiteren Woche, am 5. Oktober, sollen die ersten Beschlüsse dem 21köpfigen Hauptausschuß vorgelegt werden.

Fünf Komplexe standen bis jetzt im Vordergrund: die Grundsatzfragen und Grundrechte, die Kompetenzen des Bundes, die Finanzhoheit, die staatsrechtliche Struktur des Bundes und das Wahlrecht. Nach dem bisherigen Verfahren in den 10- und 12köpfigen Fachausschüssen besteht in Bonn allgemein die Tendenz, Mehrheitskämpfen zugunsten von Kompromissen aus dem Wege zu gehen. Ernsthafte Schwierigkeiten tauchten im wesentlichen nur bei Fragen auf, die unmittelbar das Machtverhältnis zwischen dem Bund und den Ländern berühren: so bei der Debatte um die Struktur der zweiten Kammer oder bei der Diskussion über Steuern und Finanzen. Die zweite Kammer wird im Prinzip anerkannt, nur das System, ob Bundesrat oder Senat, ist noch umstritten. Die CDU setzt sich für einen Bundesrat mit Vertretern der Länderregierungen ein, um den Ländern ihren Einfluß’ auf die Bundesgesetzgebung zu sichern. Die SPD plädiert für einen Senat, dessen Mitglieder aus den Landtagen auszuwählen sind. Ein Kompromißvorschlag Dr. Lehrs (CDU) steht praktisch dem Gedanken des Bundesrats näher als dem des Senats. Grundsätzlich aber wurde festgestellt, daß Bundesrecht vor Länderrecht geht. Für den so zentralen Bereich der Finanzen setzte sich diese Forderung schließlich auch durch. Sonst jedoch wurden die Zuständigkeitsgrenzen des Bundes noch nicht besonders weit gesteckt: über Sozialwesen, Landwirtschaft und kulturelle Fragen wurde überhaupt noch nicht gesprochen. In der Frage, wer an der Spitze stehen soll, entschied man sich dagegen wieder für klare Verhältnisse, indem man der Autorität des Bundespräsidenten vor einem nur als Provisorium gedachten Drei-Männer-Direktorium den Vorzug gab. Eines der entscheidenden Probleme für den zukünftigen Staatsaufbau aber blieb noch völlig offen: die Frage des Wahlverfahrens für die Volksvertretung (Bundestag). Die CDU als Verfechterin der Mehrheitswahl sieht hier den Angelpunkt, um die Stabilisierung späterer Regierungen schon durch die Verfassung zu sichern. Die SPD besteht auf dem Verhältniswahlrecht. Man spricht jedoch auch hier bereits von einem Kompromiß. Viel Zeit für große Abstimmungsschlachten wäre auch nicht vorhanden. Als Endtermin für Bonn wurde bereits der 1. November genannt, Überdies hatte der Führer der SPD-Fraktion im Parlamentarischen Rat, Carlo Schmidt, selbst zu Beginn der Arbeitssitzungen für die Annahme des Grundgesetzes, wenn es Wert und Bestand haben soll, eine Mehrheit von mindestens 80 v. H. der Stimmen Mehrheit

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