In den Hamburger Kammerspielen

Die Umwandlung eines Romans in darstellerische Szenen gelingt selten vollkommen, weil die sehr subtilen Nüancen, die von der inneren Schau des Lesenden aufgenommen werden, kaum in eine Bildfolge zu transmittieren sind. Ohne ein Höchstmaß an Regiekunst und schauspielerischem Können ist es nicht möglich, jene kostbarste geistige Eigenschaft des Romans, sein spirituelles Destillat, wiederzugewinnen. Ein solches Höchstmaß erreichte (in den Hamburger Kammerspielen) die Darbietung einer Dramatisierung, die von Owen und Donald Davis "nach" dem Roman von Edith Wharton vorgenommen worden war. Sie schildert in der vom Film her bekannten retrospektiven Aufhellung eines Geschehens das Leben eines Mannes und einer Frau in einer einsamen Hütte im Norden Amerikas. Sieben Jahre. hindurch sind beide miteinander verheiratet. Die Frau fühlt sich wohl in einer Krankheit, die ihr die Möglichkeit gibt, sich den Mann moralisch zu verpflichten. Zu ihrer Pflege ruft sie eine arme junge Verwandte ins Haus. Zwischen dieser und dem Manne entwickelt sich eine starke Zuneigung. Sie wird von der Frau erkannt. Das Mädchen soll aus dem Hause. Da beschließen die Liebenden in einem Zustand höchster verzweifelter Erregung, gemeinsam in den Tod zu gehen. Bei einer früheren Gelegenheit hatte das Mädchen den Wunsch geäußert, mit dem Manne eine von den Holzfällern benutzte, sehr gefährliche Schlittenbahn herunterzufahren. Diesmal wollen sie hier den Tod suchen. Das Schicksal aber will es anders: sie bleiben als Krüppel am Leben, und es ist ein schreckliches Leben für sie, in dem fortan eine abgrundtiefe Abneigung sie voneinander trennt.

Der Regie Ulrichs Erfurths und der durch das Bühnenbild von Rudolf Schulz (Hannover) vorzüglich unterstützten Darstellung (in den Hauptrollen Ida Ehre, Hermann Schömberg und Gisela Mattishent) gelang es, die aus dem Roman sezierte Problematik zu einer sublimen, leider wohl nur von wenigen sinnahe aufgenommenen Wirkung zu bringen. Man empfand ein beschämendes Bedauern gegenüber einem Teil des Publikums, der vielleicht die Sensationen eines Lustspiels erwartet hatte und für dieses Lehrstück allerfeinster Charakterdarstellung wenig Verständnis aufzubringen schien. A. Nowakowski