Von A. P. Bobew

Die Welt ist um eine lllusion ärmer geworden. Nach der sowjetischen Antwortnote über die Berliner Krise sind nun auch die letzten aller optimistischen Staatsmänner zu der Überzeugung gekommen, daß ihre jahrelangen Bemühungen, mit dem Kreml ins Gespräch zu kommen, zu paktieren oder gar zu bindenden Abmachungen zu gelangen umsonst gewesen sind. Die Außenminister Großbritanniens, der USA und Frankreichs legten die Berliner Frage dem Weltsicherheitsrat vor, weil sie eine unbefriedigende Antwort auf ihren letzten Versuch, die Verhandlungen mit Moskau fortzuführen, erhalten haben. Die Westmächte weihen nämlich in ihrer letzten Note vom Kreml vor allem er- – fahren, ob Generalissimus Stalin – nachdem er in den Verhandlungen der Sonderbotschafter in Moskau durch sein Eingreifen eine prinzipielle. Einigung ermöglicht hatte – seine Zusicherungen zu halten bereit sei.

Nun, statt der gewünschten Antwort erhielten die Westmächte die massive Beschuldigung, sie seien mit der absoluten Herrschaft in ihren Westzonen nicht zufrieden, sondern wünschten darüber hinaus sowohl in währunngstechnischer als auch in finanzieller Hinsicht in der sowjetischen Besatzungszone zu bestimmen. Die West- – mächte wollten sogar die Ostzonenwirtschaft in Unordnung bringen, möglicherweise die Sowjetunion aus der Ostzone vertreiben. Der Hauptgrund jedoch für den Entschluß der Westmächte, die direkten Verhandlungen mit Moskau abzubrechen, wird wohl darin liegen, daß der Kreml als Preis für die Aufhebung der Berliner Blockade auf der Errichtung einer sowjetischen Kontrolle nicht nur des Eisenbahn-, Straßen- und Wasserverkehrs zwischen Berlin und den Westzonen, sondern auch des Luftverkehrs bestand. In Moskau war man schließlich nicht bereit, die notwendigen Vollmachten für eine Viermächteregierung zu billigen, welche die Kontrolle des Umlauf? der Ostzonenmark in Berlin ausüben sollte. Die Russen befürchteten, eine Übersicht der Westmächte über den Geldumlauf in der ganzen sowjetischen Besatzungszone.

Daß die Annahme der sowjetischen Bedingungen die indirekte Aufgabe Berlins bedeutet; hätte, steht außer Frage. Denn damit wäre gerade das Gegenteil von dem erreicht worden, was Außenminister Marshall als eine der wichtigsten Prinzipien der amerikanischen Außenpolitik unterstrich: die USA würden niemals in grundsätzlichen Fragen Kompromisse schließen und niemals zulassen, daß mit den Rechten und Freiheiten anderer Völker Kuhhandel getrieben werde. Hätten die Russen also ihre Forderungen durchgesetzt, so behielten sie alle Trümpfe in der Hand, mit denen sie in der Lage wollen, die Berliner zu zwingen, sich zu unterweis, ohne daß den Weltmächten eine andere Möglichkeit bliebe, als zu protestieren.

Der Weltsicherheitsrat wird sich nun mit der Berliner Frage befassen. Die beschränkten. Vollmachten dieses Gremiums sind wohlbekannt. Es ist nicht möglich, dort einen bindenden Beschluß zu fassen, der den Kreml zwingen könnte, seine Politik in Deutschland zu ändern. Es ist sogar, möglich, daß die Russen eher bereit sein werden, die UNO zu verlassen, als einen – wenn auch nicht verbindlichen – Spruch über sich ergehen zu lassen. Aber eine Verurteilung der Sowjets, auch gegen ihr Veto, wird zweifellos zumindest von einer außerordentlich großen moralischen Bedeutung sein. Die demokratischen Mächte werden dann vielleicht ihre Solidarität noch mehr als bisher verstärken. Ein Austritt der Sowjetunion aus der UNO könnte sogar – weil es dann eine Reibungsfläche weniger gäbe – positive Folgen haben. Es hat sich nämlich, ohnehin längst erwiesen, daß die UNO und ihre Organe (die in der Annahme geschaffen wurden, die großen Verbündeten würden immer ehrlich zusammengehen) in allen entscheidenden Fragen machtlos sind.

Eine Reibungsfläche würde dadurch vermieden werden und man könnte sich – sogar vorstellen, daß die zwei Welten friedlich nebeneinander leben würden. Berührungspunkte wird es allerdings auch dann geben. Die Berliner Frage, wie viele andere, wären nicht aus der Welt geschafft. Und die vier Mächte könnten in Berlin solange ungestört nebeneinander leben, bis man sich im Kreml zu einem neuen Gewaltakt entschließt. Das hat Stalin bisher nur dann gewagt, wenn er sich dabei wirkliche Chancen ausrechnete. Bisher hat er sich nämlich immer nur weiter vorgewagt, solange er seine bereits erworbenen Vorteile nicht aufs Spiel setzte. Daher sind die gegenwärtigen militärischen Vorbereitungen der Westmächte von ausschlaggebender Bedeutung. Denn Stalin ist zweifellos ein Mann, der trotz seiner weltanschaulichen Vorurteile und Bindungen sich bisher. als ein ausgesprochener Realist erwiesen hat. Seine Frage auf der Potsdamer Konferenz, über wieviel Divisionen Pius XII. verfüge, als Entgegnung auf die Einwände des Premierministers Attlee, daß der Papst eine Annektion polnischen Gebiets durch Rußland nicht billigen würde, offenbart eigentlich am deutlichsten, wovor der Rote Zar Respekt hat.

Eine Verstärkung der militärischen Macht des Westens wird also auf alle Fälle eine Warnung für Moskau sein. Die äußerst schwierige Aufgabe ist nun, den Kreml davon zu überzeugen, daß die militärischen Vorbereitungen der demokratischen Länder nur darauf hinzielen, das Gleichgewicht herzustellen und vor Abenteuern zu warnen – um den Krieg zu vermeiden. Von der Erfüllung dieser Aufgabe wird es schließlich abhängen, ob die Welt wieder in einen fürchterlichen Krieg verwickelt wird oder nicht. Die große Tragik der Westmächte besteht gerade, darin, daß sie einen Krieg vorbereiten müssen, wenn sie ihn vermeiden oder sich selbst nicht aufgeben wollen.