Der Kopfgeld-Käufersturm ist vorüber; stark gefragt aber sind weiter Schuhe, Textilien und Glühbirnen. Bei Schuhen und Textilien ist der doppelte Mangel (es fehlt an Geld und Ware) regional unterschiedlich. Bei Glühbirnen aber ist die Nachfrage starr, gleichgültig, um welche Zone es sich handelt. Woran liegt das?

Für die Doppelzone hat die Verwaltung für Wirtschaft die Lage so definiert: "Die Nachfrage nach Glühlampen kann z. Z. noch nicht gedeckt werden, zumal keine Hortungslager vörhanden sind.-Eine Steigerung der Produktion kann nur langsam erfolgen, da die Industrie selbst erst wiederaufgebaut werden muß. Die Glühbirnen müssen daher vorerst noch den ’lebenswichtigen Betrieben zur Verfügung gestellt werden. Der Fachhandel hat sich verpflichtet, diesen dringlichen Bedarf bei der Verteilung zu berücksichtigen. Ein angemessener Anteil ist jedoch jeweils für den Privatverbraucher vorgesehen." Ferner weist das Höchster Amt darauf hin, daß bisher nur eine Lockerung der Glühlampenbewirtschaftung eingetreten ist, d. h; die Befreiung von Bezugsscheinen. Die gesteuerte Verteilung werde jedoch beibehalten. Die den Kontingentsverwaltern der ersten Stufe zugeteilten Mengen könnten, sofern sie nicht innerhalb eines Monats nach erfolgter Zuteilung abgenommen worden sind, frei verkauft werden.

Dies ist die amtliche Meinung, sehr schön formulierte "Es steht alles drin". Vielleicht ließe sich aber doch ein Vorschlag machen, der dem Verbraucher einen Schritt weiter hilft; denn die Abende werden länger, der Verschleiß an Glühbirnen nimmt zu. Zerpflücken wir also die Frankfurter Meinung, um zu den Realitäten durchzustoßen.

"Die Nachfrage kann nicht gedeckt werden ..." Fachleute schätzen den Jahresbedarf auf etwa 50 Mill. Birnen; dies sind bei 10 Mill. Familien, auf beschränktem Wohnraum etwa 20 Mill. Hinzu kommt der Bedarf der Industrie und der Öffentlichkeit, der Besatzungsmächte und des unbedingt zu fördernden Exportes, denn wir haben hier einen Markt wiederzuerobern. Nicht einberechnet ist der Nachholbedarf, der – nur grob geschätzt – mit etwa 100 Mill. anzusetzen ist. Demgegenüber steht die Erzeugung: "Eine Steigerung der Produktion kann nur langsam erfolgen..." Nach der Demontage von Gsram (Berlin) und Pintsch (Fürstenwalde) mußte neu aufgebaut werden. Zu Beginn 1948 bestand wieder eine Produktionskapazität von 20 Mill. Glühbirnen in der Doppelzone, und unter Anrechnung der zu erwartenden Produktion Berlins war mit insgesamt 32 Mill. Stück zu rechnet. Inzwischen wird die Monatsproduktion für die Doppelzone auf 2,55 Mill. berechnet und zu Ende des Jahres erhofft man eine Erzeugung von 4 Mill. Glühbirnen monatlich. Dieser möglichen Produktion wird dann eine Kapazität von rund 60 Mill. gegenüberstehen, eine Kapazität, die jedoch nicht ausgenutzt werden kann, solange die Rohstofffrage nicht endgültig geklärt ist. Der wichtigste Engpaß, Wolframdraht, kann nur beseitigt werden durch Einfuhr von fabrikationsfertigem Draht oder Import von Wolfram, der in Deutschland zu ziehen wäre. Radium (Wipperfürth) beschäftigt sich seit einigen Monaten mit der "Konfektion" des Drahtes, so daß nach Ansicht des Großhandels mit einer stetigen Verbesserung der Versorgungslage zu rechnen ist.

An der Produktion sind 22 kleine, mittlere und große Firmen beteiligt: Radium / Wipperfürth, Merkur / Soest, Philips / Aachen, Osram / Neheim, Lichttechnik / Segeberg, Plechati / Kiel, Wipperia / Wuppertal, Concordia / Dortmund, Maack / Hamburg, Nordlicht / Hamburg, Wolfram / Herbrechtingen, Südlicht / Schwäbisch Gmünd, Jahn / Koburg, Vogesa / Koburg, Lindner / Bamberg, Strateg / Stuttgart, Hortle / Stuttgart, Koch / Eberbach, Elektrische Fertigung / München, Wes – fälische Glühlampen / Neubeckum, Elektroröhren / Göttingen, Fischer / Limburg. Betriebe, die noch alle mit den verschiedensten Kapazitäts-, Aufbau- oder Wiederaufbausorgen behaftet sind.

Da nun vorläufig die Erzeugung nicht ausreichen wird, um den Bedarf zu decken, selbst unter Einberechnung der geringfügigen Hortungen (immerhin wurde vor der Währungsreform 1 Watt auf dem Schwarzen Markt mit 1 RM bezahlt; heute mit 7 Pfg.) ist die Organisation der Verteilung für die nächsten Monate nicht ohne behördliche Kontrolle zu denken. Wie gesagt, Frankfurt meint, die Glühbirnen müssen vorerst noch den lebenswichtigen Betrieben zur Verfügung gestellt werden. Nun ist es aber die einhellige Ansicht der Normalverbraucher, des Handels und selbst der Produzenten, daß die Kontingente für diese "lebenswichtigen Betriebe" zu hoch gegriffen sind. Wohl arbeitet der Produzent mit einem festen Großabnehmer, dem Kontingente erster Stufe eingeräumt wurden, in Mangelzeiten lieber zusammen als mit dem kleinen "Verteiler", wohl fühlt sich der Großhändler seinerseits als Kontingentsverteiler wohler denn als freier Kaufmann – denn Kontingente verteilen ist ein risikofreies, also einträgliches Geschäft. Aber es ist doch wohl Aufgabe einer behördlichen Kontrolle, hier im rechten Moment einzugreifen; denn die Behörde ersetzt durch ihre Arbeit den Preismechanismus. Nun, es gibt keine-Höchstpreise mehr, aber es liegt auch bei Bezugsscheinfreiheit in der Einsicht der "Verteiler", ob er die Hausfrau, die eine Birne fordert, ebenso berücksichtigt, wie eine Fabrik, die hundertstückweise abfordert. Daß Preisübergriffe daher an der Tagesordnung sind, ist wohl eine Selbstverständlichkeit; diese haben nichts mit Moral zu tun. Natürlich ist das Verteilen von Mangelware ein gutes Geschäft, aber auch hier wird sich eines Tages der "kleine Konsument" überlegen, wie er bisher behandelt worden ist.

Die Unzulänglichkeit der Verteilung also, aufbauend auf der unzulänglichen Produktion, macht eine andere Organisation der Verteilung nötig. Sie ist seit Kriegsende mindestens schon viermal gewechselt worden. Eine weitere Änderung schadet ihr also nichts, wenn damit eine Verbesserung verbunden ist. Und diese Verbesserung kann nur sein eine Kürzung der einflußreichen großen Kontingentsträger, wie Bahn, Post und Großindustrie, zugunsten einer Hebung des Lebensstandards des kleinen Mannes. Die Großen haben ihren ersten Bedarf bereits nachgeholt und beginnen, Vorräte aufzustocken. Die Kleinen haben noch nicht einmal den dringendsten Bedarf gedeckt. Man ändere also die Verteilungsorganisation.

W – n.