Gewiß, wir haben Fürsorgeorganisationen aller Art, Sozialversicherungen, Altersheime und Kindergärten geschaffen; wir haben das "durchschnittliche Lebensalter" von 45 auf 60 Jahre gesteigert, haben Armut und Reichtum, Glanz und Elend stufenweise einander angeglichen – je nach den Umständen: zuvor auf der Basis von "Glanz" jetzt auf dem Niveau allgemein geteilten Elends. Unser Jahrhundert trägt alle Anzeichen eines sozialen Zeitalters. Und dennoch konnte es geschehen, daß nun schon zum zweitenmal ein aus Rußland zurückkehrender Kriegsgefangener, einer jener Unglücklichen, auf die das ganze Volk schmerzlich und ungeduldig wartet, keinen Platz in dieser organisierten Gemeinschaft fand und sich aus Verzweiflung das Leben nahm.

Sicherlich ist nie so viel gesorgt, erfaßt und geplant worden, nie auf dem Umweg über die Steuern ein so hoher Anteil der Vermögen und Einkommen des einzelnen zugunsten der Gesamtheit verwendet worden, und doch fehlt offenbar irgend etwas, denn wer wäre bereit, dieses soziale Zeitalter menschlich zu nennen? Es ist, als habe man die echte Menschlichkeit wegorganisiert, indem man sie in die Sphäre bürokratischer Organisation verlagert hat, wodurch der Mensch seiner natürlichen Aufgabe, seiner selbstverständlichen Qualität, menschlich zu sein, enthoben, ja fast könnte man sagen, beraubt worden ist.

Es war nur eine kurze Meldung, die durch die Presse ging: ein Schlesier, der nach dreijähriger Gefangenschaft aus Rußland zurückgekehrt ist, dessen Frau noch immer als Zwangsarbeiterin im Ural zurückgehalten wird und dessen Kinder erst jetzt aus den polnisch besetzten Gebieten ausgewiesen worden sind, hat Selbstmord begangen, weil seinen Angehörigen die Zuzugsgenehmigung nach Höxter, wo seine Eltern leben, verweigert wurde. Die Geschichte dieses Menschen, von dem wir nicht mehr wissen, als diese wenigen Zeilen besagen, könnte viele Seiten füllen. Ist es doch die Geschichte unserer Zeit. Alles wird in ihr deutlich, dieses Verlorensein des einzelnen in einer erbarmungslosen Welt, die verzweiflungsvolle Einsamkeit des Heimatlosen und die ganze Hoffnungslosigkeit des Enttäuschten.

Wie unvorstellbar langsam mögen die Tage, Monate und Jahre der Gefangenschaft dahingegangen sein zwischen Hunger, Heimweh und Sorge um die Familie und ihr ungewisses Schicksal in der schlesischen Heimat. Unddann endlich der Tag der ersehnten Freiheit und die Rückkehr in ein Vaterland, das in ungezählten. – Träumen den Heimkehrenden mit warmer Liebe und Freude zu erwarten schien und das ihn schließlich doch nur als lästigen Fremdling empfing und ihn als Überzähligen von einer Behörde zur anderen abschob. Dort aber gibt es offenbar keine instinktive Hilfsbereitschaft, kein Mitleid mehr, denn an deren Stelle sind ja Anweisungen und Verordnungen getreten, hinter denen man sich verschanzen kann, wenn es schwierig wird, und schwierig ist heute natürlich die Unterbringung jedes einzelnen. Verordnungen aber gibt es genug, jede Zone hat ihre eigenen und jedes Land hat wiederum seine eigenen, und alle miteinander wachen sie ängstlich über ihren Sonderrechten, die ein Heer von Behörden-Funktionären hütet. Die Hauptsache ist, daß der Behördenapparat intakt bleibt, ob dabei ein paar Bürger langsam zugrunde gehen und in die äußerste Verzweiflung getrieben werden, das spielt keine Rolle.

Sicherlich, es hat immer Grausamkeiten gegeben, Blutrache, Inquisition, Krieg und Blutvergießen aus Haß und Leidenschaft geboren, aber der Tod eines Menschen, der sechs Jahre Krieg und drei Jahre russische Gefangenschaft überstanden hat, verursacht durch bürokratische Maßnahmen – gewissermaßen durch Gleichgültigkeit und Stumpfsinn –, das blieb offenbar unseren Tagen vorbehalten. Der Tod dieses "unbekannten Heimkehrers" trifft nicht nur eine Mutter, sondern Tausende von Müttern und Frauen, die alle noch auf ihre Angehörigen warten. Jeder, der heute auf den endlosen Landstraßen wandert, kann es sein: "Wer jetzt geht, irgendwo geht in der Welt, geht zu mir – wer jetzt stirbt, irgendwo stirbt in der Welt, sieht mich an." Wahrhaftig, das ist es, und darum haben wir im Grunde alle teil an jedem solchem Versäumnis, denn daran liegt es: wir haben dieses Gefühl nicht mehr, daß sie alle unsere Brüder sind, die Flüchtlinge und die Heimkehrer.

Es wäre allzu einfach und pharisäerhaft, kurzerhand den Behörden und der Bürokratie allein die Schuld zu geben. Gäbe es noch ein lebendiges Gefühl für Menschlichkeit und Nächstenliebe in unserer Gemeinschaft, dann würden auch die Behörden sich dieser Atmosphäre nicht entziehen. Soziale Einrichtungen allein tun es freilich nicht. Auch heute gilt noch die uralte Weisheit: Wenn ich all’ meine Habe den Armen gäbe – und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte der Liebe nicht, so war mir’s nichts nütze. Dff.