Das Präsidialkabinett von Papen, das am 1. Juni 1932 an die Stelle des Kabinetts Brüning trat, könnte nur ein Übergang sein, da es des Rückhaltes im Reichstag ganz und gar ermangelte. Die Juliwahlen 1932 erbrachten rund 40 v. H. aller Stimmen für die Nationalsozialistische Partei. Das ergab mehr Mandate als alle bürgerlichen Parteien zusammengenommen. Die Anklage in Nürnberg hat sich eifrig bemüht, festzustellen, wer von den Angeklagten geholfen habe, Hitler an die Macht zu bringen. Die Antwort ist so einfach wie möglich. Jens mehr als 14 Millionen Wähler, die im Juli 1932 Hitler ihre Stimme gaben, haben ihm zur Kanzlerschaft verhelfen. Niemand anders. Denn die natürliche Konsequenz dieser Wahl konnte nach allen demokratisch-parlamentarischen Regeln keine andere sein, als daß jetzt die Nationalsozialistische Partei die Regierungsbildung in die Hand nehmen mußte.

Unter dem unseligen Gesetz zur Befreiung vom Nationalsozialismus hat die Frage eine große Rolle gespielt, wer Schuld daran trug, daß Hitler überhaupt zur Macht kam. Nun, formal gesehen, haben die 14 Millionen. deutschen Wähler schuld, die am 31. Juli 1932 Hitler ihre Stimme gaben und damit die Nationalsozialisten mit 230 Mandaten zur ganz überragend stärksten Partei machten, stärker als alle bürgerlichen Parteien zusammen. Seit dem Bestehen des Reichstages war es noch niemals vorgekommen, daß eine politische Partei nahezu 40 v. H. aller Stimmen auf sich vereinigte. In jeder normalen Demokratie ist der Chef der größten Partei zur Regierungsführung berufen. Der Versuch, gegen 40 v. H. aller Stimmen eine Militärregierung einzusetzen, die auch noch auf dem linken Flügel die etwa 80 kommunistischen Mandatsträger gegen sich gehabt hätte, wäre das Signal zum Bürgerkrieg gewesen. Noch am 8. Januar 1932 hatte auf einer Kundgebung der sozialistischen "Eisernen Front" der Hauptredner den Satz ausgebrochen: "Wenn Hitler illegal oder – achten Sie genau auf meine Worte – legal in Deutschland zur Macht kommt, dann bedeutet das in Deutschland den Bürgerkrieg."

Die Stimmung links war also nicht minder drohend als die von rechts. Weniger als zwei Jahre früher hatte der sozialistische Reichsinnenminister Severing noch geglaubt, mit Hilfe der Wehrmacht Herr der Lage zu sein. Bei der Beratung des Republikschutzgesetzes im Reichstag am 13. März 1930 erinnerte er daran, wie der Kapp-Putsch des Jahres 1921 an der einmütigen Abwehr der Arbeiter- und Beamtenschaft gescheitert sei. Andere zuverlässige Machtmittel der verfassungsmäßigen Regierung habe es damals so gut wie nicht gegeben. "Heute allerdings", so fuhr Severing fort, "verfügt die Regierung über eine Reichswehr mit vorzüglicher Disziplin und eine Schutzpolizei, Machtmittel, die jeden Anschlag auf die Reichsverfassung im Keim ersticken könnten." In einem 1947 erschienenen Rückblick Ulf das Jahr 1932 dagegen schreibt derselbe Severing ganz anders: "Die Reichswehr war wirklich zu schwach, um einen offenen Kampf mit der SA und der SS und anderen nationalsozialistischen Organisationen mit sicherer Aussicht auf Erfolg aufzunehmen." (Severing: "Franz von Papen", Freie Presse, Bielefeld.)

Also in noch nicht drei Jahren hatte sich die Age völlig gedreht. Die Reichswehr zu schwach zur Verteidigung der Regierung und über die Hälfte aller Reichstagsmitglieder erbitterte Gegner, während die Sozialdemokratie, Severings eigene Partei, schon bisher die Regierung der Mitte im Stich gelassen hatte. Da erhebt sich brennend die Frage, wie es zu einer solchen Handlung in der Wählerschaft gekommen ist, der Hitler seinen Aufstieg verdankte.

Von 1918 bis 1931 einschließlich hatten die soenannten demokratischen Parteien, Sozialdemokratie, Staatspartei, Zentrum und die kleinen splitterparteien, in jedem Reichstag die Mehrheit. Bevor Brüning Kanzler wurde, beherrschten sie alle Regierungen. Sie konnten ungehindert alle Maßnahmen zur Besserung der wirtschaftlichen, sozialen und nationalen Lage treffen. Ihre außenpolitische Behinderung war nicht größer als unter dem nachfolgenden Hitler. Aber was sie am Ende hinterließen, war der Zusammenbruch der deutschen Währung in 1931 gegenüber dem internationalen Zahlungsverkehr und 6 1/2 Millionen Arbeitslose. Sie hatten die Entwicklung nicht zu meistern versucht. Sie hatten weder Mut gezeigt, den Mächten von Versailles gegenüberzutreten, noch hatten sie eine konstruktive Idee produziert, um das Wirtschaftselend zu ändern. Das Resultat der sogenannten demokratischen Parteiherrschaft war katastrophal: die Währung außer Funktion, Devisenzwangswirtschaft, Steuerüberhöhung, Herabsetzung von Löhnen und Gehältern, Passivität des Außenhandels, mangelnde Rohstoff- und Nahrungsmitteleinfuhr und 6 1/2 Millionen Arbeitslose. Das war das Fazit der Demokratie.

Diese wirtschaftliche Not leistete der nationalsozialistischen Bewegung den größten Vorschub. Solange die mit geborgten Auslandsgeldern vorgetäuschte Scheinblüte herrschte, blieb die Partei Hitlers auf kleinste Kreise beschränkt. Das ist der beste Beweis dafür, daß der prinzipielle, der weltanschauliche Inhalt des Nationalsozialismus keinerlei Zugkraft in der Bevölkerung besaß. Von 1929 an aber treibt die wirtschaftliche und soziale Not die Massen in die Arme Hitlers, der ihnen Arbeit und Brot verspricht. Nicht das Können Hitlers, das ja noch nicht erwiesen war, wohl aber das Versagen der bisherigen Machthaber ließ die Zahl der nationalsozialistischen Mandate bei den Reichstagswahlen im September-1930 von zwölf auf hunderundacht hinaufschnellen. Ein Erdrutsch.

Dem ehrlich ringenden, aber niemals entschlußkräftigen Brüning gelang es nicht, die Wirtschaftslage zu bessern. Im Gegenteil, unter ihm erfolgte der Finanzkrach des Sommers 1931 und ein Tiefstand des Volkseinkommens, des Außenhandels, der Reichsanleihekurse usw. Die Interimskabinette Papen und Schleicher konnten nur noch den Sinn haben, aus der durch die Wahlen vom 31. Juli 1932 geschaffenen Situation den wenigst bedenklichen Übergang zu einer Regierung Hitler zu finden. So sind die Monate August 1932 bis Januar 1933 ausgefüllt mit den Versuchen um die Bildung einer Rechtskoalition an Stelle eines rein nationalsozialistischen Kabinetts. An diesen Versuchen beteiligte sich auch das Zentrum. Obwohl die das Zentrum in Bayern ersetzende Bayrische Volkspartei noch im April 1932 im Landtag forderte, daß den nationalsozialistischen Ünterwühlungen gegen das staatliche Leben endlich ein Ende gemacht werde, erschien vier Monate später eine gemeinsame Erklärung des Zentrums und der Nationalsozialistischen Partei, daß die zwischen beiden schwebenden Verhandlungen fortgesetzt würden mit dem Ziele der Beruhigung und Festigung der innerpolitischen Verhältnisse in Deutschland auf längere Sicht. Im Verlauf der Monate entsteht dann aber eine engere Verbindung zwischen Hugenberg, dem Führer der Deutschnationalen Volkspartei, und Hitler, wobei das Zentrum beiseitegeschoben wird. Ende Januar ist das Koalitionskabinett der beiden Rechtsparteien fertig.