Zwar identifizierte Hitler sich mit Deutschland, aber nicht so, daß er in Deutschland aufging, sondern umgekehrt, Deutschland sollte m ihm aufgehen. Erschütternd waren in Nürnberg die Aussagen von Schirach und Speer über die Haltung Hitlers zum deutschen Schicksal, wenn Hitlers Politik fehlschlagen sollte. Wenn das deutsche Volk diesen, von Hitler frevelhart heraufbeschworenen, mir unzureichenden Mitteln und unmoralischen Absichten und Gründen Begonnenen Krieg nicht gewann, dann war es eines Hitlers nicht würdig gewesen, dann mußte es zugrunde gehen, weil es einen Hitler nicht verstanden hatte, dann war das deutsche Volk den Idealen Hitlers nicht gewachsen. Das war das Endergebnis von Hitlers Patriotismus, von Hitlers Deutschtum, als er sein schändliches Spiel verloren sah.

Geistig war Hitler von Anmaßung erfüllt. Belehrung nahm er nicht an. Anerkannte Größen behandelte er, wenn sie ihm nicht zusagten, geringschätzig. Höflich ja charmant war er nur, wenn er wollte, aber jeder natürliche Takt fehlte ihm. Mit welcher Pöbelhaftigkeit ließ er sich aus über Männer wie Roosevelt und Churchill, Aber er scheute sich auch nicht, dem früher von ihm geschmähten "Blutsäufer" Stalin anerkennende Worte zu geben, als die. Politik ihm diese rätlich erscheinen ließ. Wissenschaftlern und Künstlern redete er auf das Unverfrorenste und Diktatorischste in ihre Arbeiten hinein. Seine lieblosen, ja bösartigen Kritiken über Werke ernster Künstler verscheuchten allmählich alles tiefere Streben und Empfinden aus seiner Nähe. Weil er einmal den Versuch gemacht hatte, Architekt zu werden, glaubte er, daß er für die Architektur besondere Begabung und Verständnis hätte. Auch Thi r aber blieb er blutiger Dilettant und unwissend Anläßlich der Eröffnung der ersten Architektur Ausstellung in München im Herbst 1938 sprach er darüber, wie erbärmlich es doch gewesen sei, daß man vor 50 Jahren einen Dom in Berlin gebaut habe, in welchem ganze 2500 Kirchgänger Platz hätten, während diese Millionenstadt doch einen Dom für mindestens 100 000 M nschen hätte haben müssen. Welche Verkennung des Zwecks einer evangelischen Kirche, welche Verkennung des Charakters einer intim verbundenen Kirchengerneinde, welche Verwechslung mit politischen Massendemonstrationen. Aber auch welche Nichtachtung des Kanzel- und Altarwortes, das in einer Zeit ohne Lautsprecher von 100000 Menschen überhaupt nicht hätte gehört werden kcnrr n. Doch die Mahalh Seiner braunen Zuhörer klatschte frenetisch Beifall. Die zwölf Jahre des tausendjährigen Hitlermehes sind die geistig und künstlerisch unfruchtbarsten Jahre Deutschlands seit dem Dreißigjährigen Kriege gewesen. Möge heimlich gestaute Kraft da sein, um sich zu entladen, nachdem die Fesseln der Tyrannei gefallen sind.

Und doch war Hitler ein Genie. Er war ein genialer Meister der Verstellung und des Schauspielerns. Er erkannte schnell und instinktiv, wie die Menschen > zu behandeln waren, denen er gegenüberstand, um sie sich geneigt zu machen. Er sagte jedem, vs a" er zu hören am liebs en erwartet hatte. Er wußte die meisten seiner Gesprächspartner zu beeindrucken, daß er das auszuführen willens und imstande sei, was er sich vorgenommen hätte, daß es Hindernisse für ihn nicht gäbe. So zwang er den meisten seinen "Willen auf, zum mindesten füllte er sie mit Hoffnung und Vertrauen. Das geschah am ausgiebigsten in den großen Massenkundgebungen, wo er trotz seiner unschönen Stimme der Menge seine Absichten so zu suggerieren verstand, daß weder an ihrer Richtigkeit noch an ihrer Durchführbarkeit Zweifel möglich u schienen. Hitler war ein Genie an Willenskraft. Mit zäher Ausdauer, unbeirrt von allen Widerständen, hielt ei ar seinen Absichten fest. Stieß er auf Abneigung, so konnte er seine eigentlichen endgültigen Pläne klug verbergen, bis die Zeit für ihn vo r geweht itt=n Tv?r Hitler hatte die große Gabe der Verschwiegenheit. Ei sprach ni~ ein unüberle tes Wort. Er versprach und verolappeite sich nL, Alle war kälteste Berechnung In den ersten JaLrsn, als ei noch glaubte, mich zu sich hinübei ziehen zu können, hielt er rrur einmal vor, daß ich über gewisse Problerne vor einem Kreise gesprochen hätte, der iwci seinei Meinung dafür nicht kompetent w?r ,Sis 1 or nen über so wichtige Dinee wohl im Kreise der hödute i Parteihec rrtea sprech n, vor den naJigeordnetep Organen aber ist e nicht angehrocht, die sollen so etwas gai nicht wissen und sich mit colchen Fragen nicht beschäftigen In dieser Unterhaltung trat mir das Bild des Ignatius von Loyola wnd seinei Ordensregeln or Augen, wonach der Umfang der Kenntnisse auf jeden höheren oder niederen Ordenskreis abgestimmt war. Diese Einstellung Hitlers spiegelt" sich in dem Führerbefehl Nr l wider, der im Nürnberger Prozeß so oft zitiert wurde, wonach jeder Offizier und Beamte nur das erfahren durfte, was unmittelbar zu seinen Obliegenheiten gehörte, und auch dies nicht eher, als es für seine Mitwirkung geboten war.

Hitler war ein Genie de- Findigkeit. Er wußte für die schwierigsten Situationen oftmals Lösungen, die übet laschend einfach waren, auf die aber andere nicht kamen. Dabei kam ihm u Hilfe, daß er die Absichten seiner Gespächspartner blitzschnell erfaßte und sich auf sie einstellte, ehe noch der andere es merkte. Seine Lösungen waren oft brutal, aber fast immer wirksam. Als ich einmal dem Kriegsminister v. Blomberg das Aussichtslose einer politischen Situation so klai stellte, daß er schließlich gar nichts mehr zu erwidern wußte, brach Blomberg in die charakteristischen Worte aus:, Ich weiß, daß Sie recht haben, aber ich habe das Vertrauen zu Hitler, daß er schon einen Ausweg finden ird Und oft schien es so zu sein. Denn nicht jedem ist die Gabe verliehen des "respice fines", Ein Genie war Hitler in der Kunst der Organisation. Es war_mcht das äußere Gebäude seiner Partei, welches imponierte, vielmehr erfüllte er alle Amter der Parteiorganisation mit so viel s?cblich oft bedeutungsloser, aber nach außen hin gichtig aussehender Geschäftigkeit, daß jeder kleinste Zellenwart und Blockleiter sich für eine unentbehrliche Stütze des Staatsgefüges hielt. Wenn bei mir als Reichsbankpräsident viederholt Meldungen irgendeines Hausmeisteis oder Kassenboten einliefen über das angeblich bedenkliche Gebahren eines Reichsbankdirektors, so war das durchaus nicht immer Gehässigkeit oder Bosheit, sondern es geschah aus dem ernsten Pflicht- und Verantwortungsbewußtsein, das der Anzeigende als nationalsozialistischer "Hoheitsträger" gegerüber dem Staatswohl zeijen zu müssen glaubte. Was in diesei Art von Berichterstattung, aber auch was in der Spitzelorganisation der Gestapo geleistet wurde, entsprang zumeist diesem Gefühl der Wichtigkeit. Alle Formen der Organisation, die Massenaufmärsie, die Geldsammlungen, das Auftreten der HitlerJugend, die Subordination der Rangstufer, in der Partei usw gingen größtenteils auf Gedanken und Anordnungen Hitlers zurück. Er überragte darin seine sämtlichen Mitarbeiter und imponierte ihnen auch dadurch gewaltig.

Hitler war ein dämonisches, ein diabolisches Genie. An bezwingendem Einfluß auf andere, insbesondere auf die Massen, an Meisterschaft in der Menschenbehandlung, in der Intrige and im Gegeneinanderausspielen, an Willensstärke und Ausdauer, an geistiger Wendigkeit, an Organisationsbeherrschung, an Verschlagenheit, Verstel lung und Verschwiegenheit hat er in seiner Zeit seinesgleichen nicht gefunden. Alle diese Eigenschaften waren gepaart mit kalter Berechnung, mit rnenschenverachtender Brutalität, mit Grausamkeit und Treulosigkeit, mit völliger Amoral. Möglich, daß Hitler zu Beginn seiner politischen Laufbahn sich noch gute Ziele setzte, zu erreichen suchte er sie von vornherein durch unmoralische Methoden, die dann auch zwangsläufig seine Ziele verderblich gestaltete!. Ihm fehlte die Seele, ihm fehlte die Liebe, ihn war der göttliche Funke verlorengegangen.

Niemals wäre es Hitler gelungen, die Machtstellung zu erreichen, die ihm zufielwenn nicht die Verhältnisse und Umstände ihn getragen hätten. Das deutsche Volk war physisi und seelisch so zermürbt, daß es den Versprechungen jedes politischen Rattenfängers zu erliegen geneigt war, der gewissenlos genug war, diese Depression auszunützen. Und das Ausland war so ruhe- und friedensbedürftig, daß es nur auf die Erhaltung dieser Ruhe bedacht war und glaubte, sie durch Nachgiebigkeit auch dem Böswilligen gegenüber bewahren zu können. So kam es, daß man drinnen und draußen nur zu gern den Versicherungen Hitlers Glauben entgegenbrachte, die mit so viel Feierlichkeit und Nachdruck in die Welt gesetzt wurden. In der Geschichte gibt es kein Beispiel, daß jemand so kraß, so frech und so dumm seinen Reden zuwider gehandelt hätte w e Hitler.

Er versprach gleiches Recht für alle Staatsbürger und gab seinen Parteianhängern die ausgedehntesten Vorrechte.