Von Wilhelm Hartnacke

In Sachen der wissenschaftlichen Redlichkeit und der Freiheit der Forschung von politischer Bevormundung das Wort zu ergreifen, dürfte der bekannte Pädagoge Dr. Wilhelm Härtnacke besonders berufen sein. Er hat die Wirkung geistiger Freiheitsbeschränkung zu spüren bekommen, als er-1946 und 47 in der "Deutschen Rundschau" Ansichten vertrat, die eine derartig bedrohliche Verfolgung eintrugen, daß er unter Zurücklassung seiner Habe ms Dresden fliehen mußte.

Die von dem Russen Lyssenko gegen die allgemein anerkannte wissenschaftliche Erblehre aufgestellte Theorie hat in weiten Kreisen Aufsehen erregt und heftigen Widerspruch hervorgerufen. ("Politische Wissenschaft" von Professor Dr. Ernst Lehmann in Nr. 35 der "Zeit".) Und zwar stellt sich die bolschewistische Ideologie schroff gegen die Lehre des Paters Mendel und vertritt die Irrlehre von der Vererbung erworbener Eigenschaften. Warum sie das tut, wird klar, wenn man sich vor Augen hält, daß die wissenschaftliche Erblehre den bildungspolitischen Klassenkampf des Marxismus widerlegt. Gerade weil man diesen Kampf in Deutschland nicht gemildert sehen, sondern verstärkt anfachen will, entfaltet die östliche Presse den größten Eifer, Lyssenkos Lehre auch in Deutschland zu verbreiten-

Die Klassenkampfideologie sieht weniger in den wirtschaftlichen Unterschieden als in denen der Bildung und des Bildungszuganges die Wurzel der sozialen Gegensätze. Daß der Chauffeur des Staatspräsidenten wirtschaftlich nicht so gestellt sein kann wie der Präsident selbst, der Krankenwärter nicht wie der bewährte Operateur, der Bühnenarbeiter nicht wie der Heldentenor, das versteht der einfache Mann. Aber es wird ihm fortwährend eingehämmert, daß es nur ein Geldvorzug sei, daß die "Reichen" ihre Kinder so weit hätten fördern können. Gewiß ist mancher zu Unrecht nach oben durchgerutscht, vor manchem armen Jungen, der es eher verdient hätte. Aber man überschätzt die Zahl der Unrechtsfälle. Wer, wie der Verfasser, durch Jahre Gelegenheit hatte, öffentliche und private Mittel für Begabtenförderung zu verwalten, weiß, daß die Zahl der ungefördert gebliebenen Genies durchaus nicht groß, ja, relativ gering ist. Und es ist kein Unglück, wenn einer nicht Studienrat oder Anwalt wurde, aber dafür als Politiker oder Gewerkschaftsführer seinen Nächsten gute Dienste leisten konnte, oder als erfinderischer Kopf im Handwerk oder in der Industrie seinen Aufstieg nahm. Aufs. Ganze gesehen ist der Zugang zu den gehobenen Bildungswegen durchaus nicht ohne geistige Vorzugsleistungen zu gewinnen gewesen; sicher nicht, durch den väterlichen Geldbeutel allein. Das aber war und ist noch immer der ewig erneute Vorwurf der klassenkämpferischen Propaganda, den zu widerlegen sittliche Pflicht für den ist, dem jahrzehntelange Kenntnis aller Schulgattungen die Urteilsgrundlage dazu gegeben hat. Eine Schulpolitik, die sich auf klassenkämpferischen Irrtümern aufbaut, führt nicht nur zu größter individueller Ungerechtigkeit, sondern auch zu Leistungseinbuße gerade beim besten Nachwuchs, dem für die hochqualifixierten Berufe, und damit zu einer empfindlichen Schädigung an Deutschlands künftiger Hochleistung.

An die Hochschulen gehören die Bestgeeigneten. Heute ist deren Studium nur bei völliger Studien- und Schulgeldfreiheit und mit ausgiebigen Beihilfen möglich, besonders angesichts der Geldabwertung, die ja die Unterschiede besitzmäßiger Art so sehr verwischt und verschoben hat. Gleichwohl wird Standesauslese mit Ressentiment getrieben. Der Begabtere wird, zumal im Osten, zurückgewiesen, weil sein Vater studiert hatte, der weniger Tüchtige wird vorgezogen, weil sein Vater Arbeiter ist. Der Abiturient wird zurückgewiesen, wenn ein Outsider – selbst unsicherer Aussicht – konkurriert. Eine sechs- oder gar achtjährige Grundschule mit gleichem Kernunterricht für den künftigen Lessing und für den Schwachbegabten, hilft dem armen Begabten nicht; sie schädigt vielmehr gerade ihn, indem sie ihm Bremsklötze anlegt, zum Schaden Deutschlands.

Wenn wissenschaftlich durch Massenstatistik exakt nachgewiesen ist, daß eine runde Volkshälfte am Ende der Schulpflicht nicht die oberste Volksschulklasse erreicht – wie dies 1928 eine vom Städtetag auf Veranlassung des Verfassers durchgeführte Massenerhebung ergab – also geistig nicht genügt, um Ingenieur, Lehrer, Anwalt zu werden, sondern den geringer qualifizierten Berufen als Nachwuchs zuströmt, während in der anderen Volkshälfte neben manchem Mittelgut auch alle die stecken, die ohne Mühe Prüfungen an Schulen und Hochschulen bestehen, dann liegt auf der Hand, daß bei der strengen Gesetzlichkeit auch der geistigen Anlagevererbung die eine Hälfte nicht so viele Kinder für höhere Schule und Hochschule stellen kann wie die zweite Hälfte mit dem durchschnittlich gehobenen Erbgut. Damit ist als unmöglich erwiesen, daß eine höhere Schule, die Leistungsschule sein will und soll, so viele Arbeiterkinder enthalten kann, wie anteilig Arbeiter im Gesamtvolke enthalten sind. Das ist eine sozialbiologische, eine erbwissenschaftliche Zwangsläufigkeit. Ist das aber der Fall, dann ist der klassenkämpferischen Ideologie einer der fettesten Propagandabrocken entrissen. Weil diese Zwangsläufigkeit die Klassenkampfideologie ins Unrecht setzt, darum der Kampf gegen die wissenschaftliche Erblehre und die Verfolgung derjenigen russischen Erbwissenschaftler, die sich nicht der bolschewistischen Ideologie verschrieben haben und ihrem wissenschaftlichen Gewissen treu geblieben sind. Darum der leidenschaftliche Kampf für die unwissenschaftliche Behauptung, daß das Milieu das Erbgut forme. Eine Wissenschaft, die den Klassenkampf ins Unrecht setzt und entgiftet, muß eben verboten werden. So nun sieht die Freiheit aus, die uns vom Osten zugedacht ist...