Das letzte Werk des im November 1947 verstorbenen Bildhauers Georg Kolbe, das Beethoven-Denkmal für Frankfurt a. M., wird demnächst an seinem Bestimmungsort aufgestellt und enthüllt werden.

Der Mann Beethoven war ein ganzes Jahrhundert hindurch fast allen musikempfänglichen Menschen der Weiter Inbegriff der mächtigsten Verkörperung des Musikgeistes. Er ist es Unzähligen noch heute, obwohl viele andere inzwischen verstanden haben, daß die diesem großen Namen solange zugestandene Alleinherrschaft vom Standpunkt einer gewandelten Musikanschauung aus nicht für alle Zeiten aufrechterhalten werden kann. Sie gründete sich auf die Allgemeingültigkeit einer ganz bestimmten Art des Musikerlebnisses, die zutiefst verbunden war mit der geistigen Haltung des humanistischidealistischen Zeitalters, über dem das verheißungsvolle Zwielicht einer romantisch verklärten Menschheitsreligion gebreitet lag.

Es ist immer auch der ideale, aufwärtsgerichtete, rätselsinnende oder himmelstürmende Mensch gewesen, der in dem Musiker Beethoven vor allem begriffen und verehrt wurde. Und darum hat seine Erscheinung die bildenden Künstler stets in besonderem Maße angezogen und zur Gestaltung monumentaler oder visionärer Bildnisse inspiriert. Bezeichnend ist es, daß selten sich der Schöpfer eines Beethoven-Monuments damit begnügen zu dürfen glaubte, ein schlichtes Porträt hinzustellen. Dies zwar auf Grund einer für die Darstellung bedeutender Menschen allgemeinverbindlichen Einsicht, die Schopenhauer einmal in die Worte kleidete: "Denn das Monument wird der idealen Person errichtet, nicht der realen..."

Allerdings kann diese Einsicht leicht zu einem gefährlichen Irrtum verleiten und sie hat in vielen Fällen dazu verleitet: zu dem Irrtum nämlich der Allegorie. "Eine Allegorie ist ein Kunstwerk, welches etwas anderes bedeutet, als es darstellt", sagt wiederum Schopenhauer und trifft damit auf seine unnachahmliche Art den Kern der Sache. Max Klinger hat seinerzeit bei seinem aus anderen Gründen anfechtbaren und stark umstrittenen Beethoven-Denkmal die Grenze des Allegorischen nur gestreift, nicht überschritten. Mit aller Entschlossenheit dagegen warf er.sidi früher in die Wogen ausschweifender Allegorienfreude, als er seinen so berühmten Brahms-Zyklus radierte, der befremdlich er weise bei dem damit verherrlichten Komponisten begeisterte Zustimmung fand – demselben Komponisten, der Ähnliches in der Musik abzulehnen pflegte! Und nun steht vor uns das Beethoven-Denkmal Georg Kolbes! Sein letztes Werk, an dem er in Gedanken und tatsächlich länger als zwei Jahrzehnte arbeitete. In diesen Zeitraum fiel die lähmende Schwere jenes Erlebens, das dadurch, daß es auch manchen anderen betraf, nicht leichter zu tragen wurde. Der Meister mußte um die Früchte seines Lebenswerkes fürchten, er war zurückgesetzt, verpönt, stand auf der Verdammungsliste jener unberufenen "Kunstpolitiker", die im Namen eines wild gewordenen Spießertums bestimmten, was Kunst sei und was nicht – worüber am Ende gar ein avancierter Photograph entscheiden dürfte. Wäre es ein Wunder, wenn unter der Last solcher Jahre die Elastizität eines schöpferischen Geistes gelitten hätte? Kolbes "Beethoven"-Werk geht ursprünglich auf einen Wettbewerb der Stadt Berlin am Anfang der zwanziger Jahre zurück. Wir wissen nicht, ob dabei Bedingungen für die Art der Auffassung des Themas – realistisch allegorisch oder wie sonst – gestellt wurden. Kolbe entschied sich offenbar damals schon zur Allegorie. Er entwarf eine sitzende Gruppe. 1926. gab ihm Frankfurt a. M. den Auftrag zu einem Beethoven-Denkmal. Gewisse landschaftliche Eindrücke veranlaßten ihn, aus der sitzenden eine stehende Gruppe zu machen, die "gewaltig aufstrebend" wirken solle, wie Beethovens S/mphonik.

Diese neue Gruppe, deren Vollendung ihr Schöpfer nicht mehr erlebte, wurde nunmehr in Berlin fertiggestellt. Sie zeigt drei Gestalten: den "Beethoven" im Vordergrund, seitlich hinter ihm zwei Frauengestalten: "die Sinnende" und "die Rufende". Eine Allegorie schon der Beethoven selbst, dessen Kopf und Gesicht nur ganz von ferne physiognomische Ähnlichkeit mit dem Original aufweist. Allegorie die rein-menschliche oder – sei es drum! – göttliche Nacktheit der drei Figuren. Allegorie das Ganze in seiner gedanklichen Komposition, Allegorie auch das "rufen" und das "sinnen" der Frauen, das zu erkennen und richtig (das heißt: wie beabsichtigt) zu deuten keinem Beschauer ohne Kommentar einfallen würde. Hier ist fürwahr aber auch alles Allegorische, alles Gedachte etwas anderes, als was das Auge sehen und das Gehirn als ungebrochene Spiegelung des Sinneseindruckes in klares Bewußtsein umsetzen kann! Die denkbar vollkommenste Illustration zu der Schopenhauerschen Definition! Um dies zu beweisen, brauchte man nur einen Unbefangenen vor die Gruppe zu führen und ihn zu fragen, was das darstelle. Er würde antworten: "Drei menschliche Figuren in seltsam entspannter, fröstelnder Haltung, mit konventionellen Masken, nicht vergleichbar der Formkraft früherer Werke von derselben Hand." Und er hätte recht. Würde man dagegen denselben unvorbereiteten Mann etwa in eine Skulpturensammlung führen, in der die Gruppe stände, und ihn auffordern, das Beethoven-Denkmal zu suchen – er würde es nicht finden.

Hier wird das Problem evident, und es fragt sich, ob ein Kunstwerk etwas ganz und gar anderes "bedeuten" könne, solle und dürfe, als was es darstellt? Die Frage nach der grundsätzlichen Berechtigung der Allegorie. Den deutschen Künstlern hat die Neigung dazu oft nahegelegen; sie hat selbst die Größten in Nachteil gebracht gegenüber der lebendigen sinnlichen Wahrhaftigkeit der Bildner anderer Nationen. Sie wollen die "Idee" der Sache oder Person darstellen, nicht die Realität. Schön und gut. Aber: wo ist hier selbst diese Idee zu erkennen? Die Idee "Beethoven" wäre etwa: "Musik gewordenes großes Menschentum". Wie aber ließe sich das plastisch bestimmt, eindeutig, bezwingend, unter vollkommener Identität des Gedachten, mit dem Geformten darstellen? Allerhöchstens wäre das mit abstrakten, "gegenstandlosen" Kunstmitteln denkbar. Aber nein – diese Idee ist nicht anders darstellbar, als sie sich längst dargestellt hat: nämlich eben in Beethovens Werk.

Warum scheuen sich die bildenden Künstler immer so davor, sich bei Beethoven-Monumenten mit der porträtmäßigen Darstellung der "idealen Person" zu begnügen? (Darunter ist nämlich weder ein Gespenst, noch eine Allegorie zu verstehen; es ist nur gemeint, daß das Denkmal nicht das Alltäglich-Zufällige der Erscheinung – etwa in der Kleidung – betonen soll, sondern das Charakteristische der geistigen Persönlichkeit.) Weil es unvergleichlich schwerer ist, diese ideale Person zu erfassen und nachzubilden (wofür indessen Rodin mit seinem "Balzac" ein grandioses Beispiel schuf!), als eine allegorische Phantasie über ein abstraktes Thema zu erfinden. Die Allegorie ist immer die billigste Lösung.

Allegorie rührt immer mehr oder weniger nah an jene Anrüchigkeit, die der Künstlerjargon mit dem rötlichen Ausdruck "Kitsch" belegt. Wir mögen dieses Wort nicht gern in Verbindung mit dem Namen Georg Kolbe bringen: Aber leider: hier drängt es sich auf. War es nötig, dies Werk zu "vollenden", das weder Beethoven noch seinen Urheber ehrt? Walter Abendroth