Von Hans Hajek

Eine Gesellschaft Stachelschweine" – so er-

zählt Schopenhauer in den ,Vereinzelten, jedoch systematisch geordneten Gedanken über vielerlei Gegenstände‘ – "drängte sich, an einem kalten Wintertage, recht nahe zusammen, um, durch gegenseitige Wärme, sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln; welches sie dann wieder voneinander entfernte. Wenn nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, so daß sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten. – So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder voneinander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden und bei welcher ein Beisammensein bestehen kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte. Vermöge derselben wird zwar das Bedürfnis gegenseitiger Erwärmung nur unvollkommen befriedigt, dafür aber der Stich der Stacheln nicht empfunden. – Wer jedoch viel eigene, innere Wärme hat, bleibt lieber aus der Gesellschaft weg, um keine Beschwerde zu geben noch zu empfangen."

Diese Fabel samt ihrer Nutzanwendung spricht weder gegen die Höflichkeit noch gegen die Stachelschweine, sondern ganz allein gegen Schopenhauer. Das Beispiel ist nur erdacht – nicht erlebt und erschaut. Die abgeleitete Betrachtung führt in die Irre. Die Stachelschweine, so hätte jeder Tierkenner den Philosophen belehren können, tragen ihre Stacheln für ihre Feinde, nicht für ihresgleichen; sie vermögen die Stacheln zu sträuben, aber auch harmlos umzulegen. Auch unsere einheimischen Igel sind nicht stachelig um jeden Preis, sie lassen sich von ihren Freunden sogar streicheln. Schopenhauer aber war zwar ganz gewiß ein ausgezeichneter Schriftsteller und auch ein bedeutender (wenn schon nicht ganz origineller) Denker; ein höflicher, ein menschenfreundlicher, ein liebenswürdiger Mensch ist er zeit seines Lebens nicht gewesen. Also verstand er von der Höflichkeit so wenig wie irgendein Spießbürger und grober Knochen. Und er hat für unsere Nachsicht nicht einmal die Entschuldigung der gärenden Jugend, die häufig Höflichkeit mit Lüge verwechselt.

Ist denn aber Höflichkeit wirklich nur (um nochmals mit Schopenhauer zu sprechen) "das Feigenblatt des Egoismus", eine "offenkundig falsche Münze", bestenfalls also ein "Rechenpfennig"? Könnte sie nicht ebensogut eine demokratische Tugend genannt werden, eine noch unverbindliche, aber doch schon verbindende Ausdrucksweise menschlicher Solidarität, ja fast ein erster Anflug von Weisheit – wenn wir schon die Güte ganz beiseite lassen wollen? Natürlich ist sie, ganz oberflächlich angesehen, Klugheit und Rechnung auf Gegenseitigkeit, Öl ins Getriebe des menschlichen Zusammenlebens, ohne welches wir uns unnütz heißlaufen und sinnlos früh verschleißen; aber ist sie nicht noch anderes und mehr, kann sie nicht noch anderes und mehr sein? Beweisen läßt sich das freilich nicht, weil es eben nur eine Möglichkeit ist. Aber welch eine Möglichkeit! Ein Stück menschlicher Würde, die der Unscheinbare so gut haben kann und darf und soll wie der Angesehene, an dem wir die Höflichkeit als die schlichteste ihm noch verbliebene Spur von Herzenstakt erst recht vermissen, wenn sie ihm fehlt. Höflich sein heißt: sich mit dem andern Menschen, wenn auch nur für einen Augenblick, ganz auf gleich stellen. Der Höfliche erniedrigt sich nicht vor dem andern, im Gegenteil: er steigt in dessen Ansehen. Er lügt nicht und schmeichelt nicht, im Gegenteil: er sagt die über alle Zufälligkeiten des Alltags hoch erhabene Wahrheit. Er sagt eine Wahrheit, die Zukunft werden kann. Denn der Höfliche hat Vertrauen zum anderen Menschen, beileibe nicht zu allen ohne Unterschied, aber zu jedem, mit dem er spricht, den er fragt, den er bittet, der ihn bittet. So viel Vertrauen hat er zu dem anderen, daß er für freilich nur eine ganz kurze Weile, aber doch ohne das geringste Mißtrauen, sein Kostüm, sein Schneckenhaus, den Harnisch seiner Titel, seines geldlichen Vermögens, seiner Machtposition, seines Nimbus verläßt und nur ein Mensch ist, fast hätte ich gesagt: ein nackter Mensch. Warum sind sogenannte einfache" Leute um so viel leichter höflich als sogenannte "gebildete", obschon es ja eigentlich gerade umgekehrt sein sollte. Kommt nicht "höflich" von "Hof", vom Königs-, Fürsten- und Adelshof, ist es also nicht eigentlich eine adelige, eine unbürgerliche Tugend? Ach, es kam einmal daher – –

Der höfliche Mensch erwartet von dem anderen nichts weniger, als daß dieser ebenso höflich ist wie er. Dies allerdings erwartet er zuversichtlich, ob nun sein Gegenüber jünger oder älter, des gleichen oder des anderen Geschlechts, ob er nun reicher oder ärmer ist, und im Grunde denkt er immer nur dies: Du bist ein Mensch wie ich. Und wenn einer nur ganz fest daran glaubt und ganz mutig ist, dann kann er die anderen sogar dazu bringen, wider ihre sonstigen Gewohnheiten und selbst wider ihren Willen – ebenfalls höflich zu sein. Das ist aber schwer und gelingt darum nicht immer, weil einem der Glauben und der Mut dazu heute so oft entschwinden