Das Geschäft in der Mönckebergstraße hat Regenmäntel zu 18,– und zu 30,– DM. Die Qualität ist dieselbe; der Preisunterschied erklärt sich daraus – wenn man dies eben als "Erklärung" gelten lassen will –, daß der eine Fabrikant so, der andere anders kalkuliert. Wie aber verhalten sich die Käufer? Sie nehmen, fast ausnahmlos, den teueren Mantel. Sie lassen sich die – vermeintliche – Qualitätsgarantie, die ihnen irrt höheren Preis gegeben zu sein scheint, etwas kosten. Käuferpsychologie..

Das Warenhaus in Barmbek hat Damenstrümpfe hereinbekommen: zwei Dutzend aus der Ostzone, beste Kunstseidenware, und die gleiche, Menge minderer Qualität, "genähte" Strümpfe. In zwei Stunden waren die Strümpfe der guten Qualität, bei immerhin doppeltem Preis, ausverkauft. Von den Strümpfen minderer Qualität war bis dahin noch kein einziges Paar abgesetzt; es dauerte immerhin bis zum späten Nachmittag, bis auch dieser Posten geräumt war. Das ist ja wohl ein schlagender Beweis dafür, daß die Hausfrau heute eben nicht auf den Pfennig sieht, daß selbst Mangelware keineswegs "wahllos" gekauft wird – auch in geringer Qualität –, daß vielmehr relativ hohe Ansprüche stellt, relativ hohe Preise anstandslos bewilligt erden.

Die gleiche Erfahrung war schon längst, gleich nachdem 20. Juni, bei Lebensmitteln zu machen. Feingemüse, wie etwa Blumenkohl, war stark gefragt – einfachere Gemüsesorten, wie Möhren, lieben selbst bei niedrigsten Preisen fast unverkäuflich. Aber das ist nun durchaus keine Entwicklung der jüngsten Zeit, sondern eine bereits recht alte Erfahrung. Je stärker Industrialisierung und Verstädterung fortschreiten, um so mehr verlangt die Hausfrau solche Lebensmittel, die mit geringstem Aufwand an Arbeit, Zeit, Feuerung und Zutaten zu bereiten sind. Die konsumnahe, Möglichst konsumfertige Ware ist bevorzugt; der Preis "spielt (fast!) keine Rolle". Im Gegenteil: billige Lebensmittel, wie etwa Heringe und Magerkäse,sind offenbar gerade, wegen ihrer Billigkeit – da man ja wohl kaum meinen kann, daß die Empfindlichkeit gegenüber ausgeprägten Genüssen von einer Generation zur andern so stark zugenommen habe! – wenig geschätzt. Der städtische Verbraucher (oder sagen wir ruhig noch einmal: die Hausfrau) ist eben durchweg sehr viel Anspruchsvoller geworden im Laufe dieser letzten 30 oder 40 Jahre. Das gilt auch, und gerade, für Bezirke mit ausgesprochener Arbeiterbevölkerung, wie etwa das Ruhrgebiet. Jede Unterhaltung mit wirklich urteilsfähigen Kennern bestätigt das.

Aus dieser Tatsache lassen sich eine Reihe von weitreichenden Schlüssen ziehen. So etwa, daß die Entwicklung zur abgepackten Ware und zum – Markenartikel, auch bei Lebensmitteln, geradezu unaufhaltsam ist. Die geringfügige Verteuerung wird von der Kundschaft ohne weiteres "in Kauf genommen". – Das ist eine Entwicklung auf länge Sicht. Im Moment wichtiger ist vielleicht noch, daß die Konkurrenz des um einige Pfennige billigeren Angebots selbst bei Standardwaren einfach nicht durchschlägt, weil sie von den Hausfrauen gar nicht beachtet, vielfach sogar mit einem leichten Mißtrauen, daß die Qualität doch wohl viel geringer sei, abgelehnt wird. Man mag bedauern, daß unter der Herrschaft dieser Art Käuferpsychologie der Preisabbau im Wege der Bevorzugten Konkurrenz des billigeren Angebots so geringe Chancen hat; ändern wird man die Dinge aber schwerlich können. Und die Hersteller von Markenartikeln brauchen sich nicht zu beunruhigen, wenn neuerdings wieder einmal, im Sinne der altbekannten Woolworth-Tendenzen, Propaganda für die Aufhebung der Preisbindungen der "zweiten Hand" gemacht wird. Solche Verstöße werden in der Konsumentenschaft nicht das geringste Echo finden. "Schleuderware" ist nicht beliebt und wird immer mißtrauisch aufgenommen.

Gelegentlich ist gesagt worden: die Massen-Kaufkraft reiche nicht aus, um die hohen Obst- und Gemüsepreise zu zahlen. Das stellt die Dinge nun wirklich auf den Kopf. Bei allen Waren, für die Gestehungspreise nicht zu errechnen sind, bildet sich der Preis eben aus Angebot und Nachfrage. Dabei spielen die Preise konkurrierender Waren eine Rolle, und gewisse traditionelle Preisverteilungen. Letztlich entscheidet aber doch die Kaufbereitschaft und die relativ hohe Kaufkraft der Konsumenten über die Preishöhe solcherMassengüter. Wenn die bäuerlichen Erzeuger meinen, daß die Spanien zu hoch seien, daß der Massengüter. Handelsapparat zu einer Überteuerung der Waren führe, so kann man ihnen eigentlich nur immer wieder den Rat geben, ihre Waren selbst zu vermarkten – sei es direkt, sei es in Zusammenarbeit ihrer Genossenschaften mit denen der Verbraucher. Solange dieser Weg der Selbsthilfe nicht beschritten, die Konkurrenz des billigen Angebotes nicht wirksam gemacht wird,bleiben alle Klagen über Spannenüberhöhung und Handelsübersetzung reine Theorie. Auch hier gilt der gute Ratschlag: besser machen! Aber die Erfahrung, daß der ambulante Handel, obwohl billiger arbeitend, die Spannen nicht herabdrückt, sondern sie "mitnimmt", zeigt ja wohl, wie schwierig und riskant zugleich es ist, mit billigeren Angeboten den Markt werfen zu wollen, solange dieMassenkaufkraft so reichlich ist, daß hohe reise bewilligt werden.

Über kurz oder lang werden alle Lebensmittelpreise unter dem Gesetz der Massenkaufkraft stehen. Der Glaube, daß man, um die sogenannte Preisschere zwischen dem Index der Agrarpreise And demjenigen der landwirtschaftlichen Betriebsfesten zu "schließen", willkürliche. Festpreise für Lebensmittel normieren und diese aufrechterhalten könne, wird sich wohl bald als Irrtum erweisen. Es kann auch, einen schwarzen Markt geben, zu Preisen, die unterhalb dieser Festpreise liegen... Diese Erfahrung wird man wohl sehr bald allgemein machen: bei Frühkartoffeln haben wir dergleichen ja schon erlebt. Es wäre besser, wenn weniger von "Gestehungskosten" für einzelne landwirtschaftliche Erzeugnisse und von der "Preisschere" für die Gesamtheit der Agrarprodukte geredet würde, und wenn sich statt dessen das Frankfurter Amt, zusammen mit den Bauernvereinen, an die Aufgabe machte, die Bauernschaft dahingehend aufzuklären, daß diese populären Begriffe weder theoretisch haltbar sind hat man denn Aereboe schon – vergessen? noch praktisch irgendwie nützlich. E. T.