Von Hans Bernhard Reichow

Der Verfasser dieses Aufsatzes, Hans Bernhard Reichow, kann auf eine fünfundzwanzigjährige Tätigkeit auf. dem Gebiete des Städtebaues zurückblicken. Von seiner Hand stammen die Generalbebauungspläne für die Stadt Husum und die Volkswagenstadt Wolfsburg. Ein Wettbewerbsentwurf für den Wiederaufbau Kiels wurde preisgekrönt. Aus der reichen Erfahrung seiner Praxis entstand ein grundlegendes Buch über organische Stadtbaukunst, das kürzlich im Verlag Westermann, Braunschweig, erschien.

Von einer Disziplin, die sich in lauter Probleme verliert, kann man nichts Positives erwarten. Das aber ist die Situation, in der sich die städtebauliche Disziplin angesichts des Wieder- oder Neuaufbaues so vieler kriegszerstörter Städte befindet. Ist es doch nur so erklärlich, daß heute noch kaum ein Generalbebauungsplan die Amtszeit seines Urhebers überdauert und daß zahlreiche städtebauliche Wettbewerbe nach großem Zeit- und Geldaufwand ausgehen wie das Hornberger Schießen. Einfach schon deswegen, weil weder unter den Teilnehmern noch unter den Preisrichtern eine einhellige Auffassung über Weg, Richtung und Ziel unseres Städtebaues besteht.

Das ist natürlich keineswegs ein Grund, um – wie es gerade heute von Seiten der Finanzministerien geschieht – die städtebauliche Planung und ihren Nutzen überhaupt in Frage zu stellen. Es könnten Beispiele genug dafür angeführt werden, wie groß allein der wirtschaftliche Nutzen der Planung trotz allem Dilemma ist. Doch es geht hier nicht um materielle Vorzüge, um Einzelfragen oder um Formen und Formalismen. Wer das Chaos unserer zerstörten, selbst der unzerstörten großen Städte betrachtet, erkennt, daß das Äußere nur ein Abbild ihrer inneren funktionellen Verworrenheit darstellt. Und ihm wird klar, daß wir nach dem Gesetz hinter den Dingen forschen müssen, wenn wir dem Großstadtorganismus, der aus menschlicher Gemeinschaft und ihrer natürlichen und technischen Umwelt in vielfältiger Gebundenheit besteht, vor allem wieder zu gesunder Funktion verhelfen wollen. Darum muß unser Weg zwangsläufig von dem Studium des Werdens und Wachsens unserer großen Städte zum eigengesetzlich fundierten, organischen Städtebau führen. Dem liegt die Idee zugrunde, daß auch das Werden, Wachsen und Schrumpfen der Städte einer, der natürlichen verwandten, Ratio gehorcht; und daß wir, ihr folgend, bei sinngemäßer Gestaltung unserer Städte auch dem Großstädter ein gut Teil unmittelbaren Lebens und Erlebens zurückgewinnen können. Wir werden wieder dem Instinkt, der seine uralten Spuren in unsere Umwelt gezeichnet hat, zu seinem Recht verhelfen müssen, wenn wir die Konstruktionen der modernen Verkehrswege – bei denen man etwa nach links fahren muß, wenn man nach rechts abbiegen will und umgekehrt – in ein einfaches, sinnfällig geordnetes und wirksames System bringen wollen; ein Gedanke, der in der Einfachheit die Vollkommenheit sucht.

So sehen wir den Grund alles Übels in dem schon von Cornelius Gurlitt als für unsere Zeit typisch herausgestellten "System der Systemlosigkeit", die Lösung aber in einem einfachen und natürlichen, organischen System des Stadtbaues. Schließlich wächst aus der Idee einer eigengesetzlich gelenkten Stadtentwicklung in Verbindung mit dem Gedanken naturräumlicher Stadtlandschaften ein ganzes System zukünftigen Städtebaues, das sein Wesen in der Gegensätzlichkeit der organischen Wiederaufbauplanung einer deutschen Mittelstadt zu dem Extrem eines anorganischen, geometrischen Stadtplanes sinnfällig zum Ausdruck bringt.

Das eigengesetzliche oder organische -Wachstum der Städte vollzieht sich entlang den’Bahnen des Verkehrs. Es überspringt nie ohne zwingenden Grund Lücken und Räume. Die Städtebauer aber wußten gegenüber dem unübersichtlichen, für sie nicht mehr gestaltungsfähigen Wachstum der Großstädte keine anderen Möglichkeiten als die Gründung von diesen zwar abhängiger, aber weit abgesetzter Garten- und Trabantenstädte. Heute wissen wir nach einwandfreier Berechnung, daß die Errichtung einer Garten- oder Trabantenstadt in 5 km Entfernung von der Mutterstadt jede Wohnung mit mindestens 500 Mark Mehrkosten belastet. Ich habe auch am Beispiel eines Londoner Aufbauviertels nachgewiesen, daß seine Erschließung nach dem organischen Grundsatz der inneren Verästelung 60 v. H. weniger Aufwand an Straßen- und Verkehrsraum erfordert, als nach dem der üblichen geometrischen Verrasterung der Straßennetze.

Man kann dem organischen Prinzip des sich verästelnden Wachsens und Erschließens in Analogie mit der Anpassungsfähigkeit natürlicher Organismen im Stadtbau noch mancherlei Vorzüge abgewinnen. Etwa den, daß es sich den Möglichkeiten städtischen Wachsens, Schrumpfens oder Stagnierens, mit denen vielleicht keine Zeit mehr als die unsrige rechnen muß, am besten anzupassen vermag. Ist es doch auch für die gesunde Funktion und Erscheinung einer Pflanze kaum von besonderem Belang, ob ein letztes noch mögliches Blatt wirklich wächst oder ein anderes gar abstirbt, solange ihr Leben in der Wurzel, im Stamm und im Kern gesund bleibt. Und am solche im Kern gesunde Begründung einer stadtbaulichen Einheit in Funktion und Erscheinung geht es vor allem anderen. Gibt doch gerade die Zerstörung der Stadtkerne zu solcher grundsätzlichen Gesundung eine vielleicht nie wiedelkehrende Gelegenheit.