Truman sieht für die Präsidentenwahl noch eine Chance: die Arbeiterstimmen. Er läßt sich glückstrahlend und siegesbewußt mit führenden Gewerkschaftlern fotografieren. Die Gewerkschaften könnten für 15 Millionen Mitglieder sprechen, haben aber diese Stimmenmacht nur Seiten ausnutzen können, so zeitweilig unter Roosevelt. Wohl in keinem, Lande ist die Arbeiterschaft parteipolitisch so gespalten und machtlos wie in den USA. Die auf beruflicher Basis organisierten, qualifizierten und gut verdienenden Arbeiter der AFL-Gewerkschaften wählen im allgemeinen republikanisch, die Mitglieder der CIO-Gewerkschaften, zu einem erheblichen Teil ungelernte und angelernte Arbeiter, dagegen demokratisch. Es würde auch diesmal so sein, wenn nicht der republikanische Kongreß das Taft-Hartley-Antistreikgesetz angenommen hätte. Weil Dewey sich von diesem Gesetz nicht lossagt, zögern die republikanischen Gewerkschaftsführer und sogar Gegner. von Truman, wie John L. Lewis, sich für Dewey auszusprechen. Soweit Äußerungen maßgeblicher Gewerkschaftler vorliegen, lauten sie für Truman. Dies gilt vor allem für Philip Murray und andere Führer der CIO-Gewerkschaften, deren geschäftsführender Ausschuß sich mit 35 zu 12 Stimmen für Truman entschieden hat. Auf Grund dieser Erklärungen lauten Schätzungen dahin, daß 75 v. H. der Arbeiterstimmen für Truman sein werden, 20 v. H. für Dewey und 5 v. H. für Wallace, aber es ist fraglich, ob die Arbeiter den Parolen ihrer Führer folgen werden. Mancher Gewerkschaftler hat bittere Enttäuschungen erleben müssen, so John L. Lewis, als er sich 1940 für Wendell Willkie entschied, seine Bergarbeiter aber Roosevelt wählten.

Truman setzt vor allem auf diese Karte der Arbeiterstimmen und begann seine Wahlkampagne am Tage der Arbeit, dem 6. September, in Detroit auf einer gemeinsamen Kundgebung der AFL- und CIO-Gewerkschaften mit heftigen Angriffen gegen die Politik der republikanischen Mehrheit des Kongresses. Er sagte etwa: "Wenn eure Rechte durch das Taft-Hartley-Antistreikgesetz beschnitten wurden, wenn die Preise ständig steigen und nicht genügend Wohnungen gebaut werden, dann verdankt ihr das ausschließlich der republikanischen Mehrheit des Kongresses, die meine Vorschläge ablehnte." Gleichzeitig verspricht Truman aber den Bauern, daß die fallenden Preise für Baumwolle und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse gestützt werden sollen. Dewey wird von Truman als Vertreter von Big Business und Wallstreet gebrandmarkt. Dies alles erschüttert die Republikaner nicht. Sie meinen, daß ein eventueller Verlust an Arbeiterstimmen durch die beiden Revolten in der demokratischen Partei aufgehoben werde, durch die dritte Partei von Wallace und die vierte des Südens. Sie erwarten überwältigende Mehrheiten in den, Industriestaaten und außerdem einen Sieg zumindest in den fünf Südstaaten, die sich schon 1928 für den republikanischen Kandidaten Hoover gegen den Katholiken Al Smith entschieden. Dewey unterstreicht diese Siegeszuversicht durch Zurückhaltung. Er griff erst Ende September in den Wahlkampf ein und wird sich mit einigen wenigen Reden begnügen. Die Parteileitung, wie auch die Gewerkschaften und andere Kreise der Öffentlichkeit interessieren sich mehr für die gleichzeitige Wahl zum Kongreß, denn immerhin besteht die Möglichkeit, daß der "Internationalist" Dewey im Haus eine "isolationistische", zum Marshall-Plan wenig positiv eingestellte Mehrheit unter Joseph Martin, John Taber und Charles Halleck und im Senat eine demokratische Mehrheit haben könnte und somit in seinen Arbeiten ähnlich lahmgelegt wäre, wie Truman durch die republikanische Mehrheit des Hauses. Deshalb gilt der Kongreß als der "gefährlichste Gegner" von Dewey und deshalb interessieren die Wahlen zum Kongreß weit mehr als die wohl schon für Dewey entschiedene Präsidentenwahl. Die Gewerkschaften sind vor allem noch darauf bedacht, die Wahl der Abgeordneten und Senatoren zu verhindern, die für das Taft-Hartley-Antistreikgesetz gestimmt haben.

W G