Um es gleich vorweg zu sagen: es mangelt auf den 313 Seiten "Weltliteratur" im "Überblick" von Axel Eggebrecht (Axel-Springer-Verlag, Hamburg) keineswegs an klugen Bemerkungen. Aber es mangelt noch weniger an sehr persönlichen, sogar robust persönlichen Bemerkungen, über die sich im engeren Freundeskreis noch diskutieren ließe. Indes, der schlichte Leser fühlt sich überrumpelt, wenn ihm statt eines Panoramas der Weltliteratur, das man mit der Muße des Suchenden oder des Liebhabers betrachten möchte, eine recht rigoros, ja grob retuschierte Momentaufnahme vorgesetzt wird. Es bleibt ihm keine andere Wahl, als sich mit dem einmal eingenommenen Standort, dem Standort Eggebrechts, abzufinden oder ... Nun ja, Eggebrecht hat offensichtlich eine sehr kühne Vorstellung von der Duldsamkeit seines imaginären Freundeskreises, in den der Leser sich kurzweg einbezogen sieht.

Eggebrecht hatte die Absicht, die Literatur aller Völker im Zeitraffertempo dem Gesichtskreis des Menschen von heute nahezurücken. Es versteht sich, daß man bei dieser Technik perspektivische Verkürzungen in Kauf nehmen muß. Sie werden sogar vom Autor selbst als notwendiges Übel zugegeben. Die "Notwendigkeit" allerdings vermag nicht immer zu überzeugen. Eggebrecht sagt, dieser "Überblick" solle nur ein Ersatz sein, ein Notbehelf für die nächsten drei bis fünf Jahre, um überhaupt wieder einmal den allgemeinen historischen Ablauf und die vielfältigen Verzweigungen der Literatur in großen Zügen erkennbar zu machen Wir meinen: Dazu würde allenfalls ein breit angelegter Essay genügt haben. So aber zeichnen sich in der Tiefe, nämlich bei der Darstellung der Literaturgeschichte von 3000 vor Christus bis ins frühe Mittelalter, nur ein paar "vage Umrisse" ab, die sofort wieder vor den Augen verschwimmen. Von der Renaissance ab zwar gewinnt das Bild langsam an Schärfe; man setzt sich gleichsam wieder in der Schulbank zurecht; und als Schüler würde man sich vielleicht auch über manche ketzerische Randglosse amüsieren, die der Lehrer einem vorenthielt. Und doch bleibt auch dies für den, der es ernst, meint mit der Weltliteratur, ein fragwürdiges Amüsement. Vor den Bildern, die bis in die – neueste Zeit hineinreichen, etwa von der Schilderung der Romantik ab, wenn der großaufgenommene Vordergrund immer beklemmender naherückt, weicht man schließlich Schritt um Schritt zurück, damit im Widerstreit von Wahrheit und These der "Überblick" nicht ganz verlorengeht ...

Für viele Gestalten der Weltliteratur langt es bei der gedrängten Kürze begreiflicherweise nur zu Stichworten. Wird doch die gesamte japanische Literatur in sieben Zeilen abgetan! Da ist es dann nicht minder "aufschlußreich", unter Benjamin Constant, dem Freund der Madame de Staël, nachzulesen, daß er "im ‚Adolphe‘ rousseauhaft – bekennerisch der vergangenen Beziehung nachklagt". Oder über die 1942 gestorbene Romanschriftstellerin Virginia Woolf, deren literarischer Einfluß in angelsächsischen Ländern heute noch sehr hoch gewertet wird, soviel zu erfahren, daß sie "eine starke, eigenwillige Prosa schrieb". Den Titel eines ihrer Werke oder die Richtung, in der ihre Eigenwilligkeit zum Ausdruck kam, erfährt der Leser leider nicht. Man soll gewiß nicht mit der Elle messen, aber hier und in beliebig vielen anderen Fällen bleibt Eggebrecht zumindest die Haupttugend eines literarischen Cicerone schuldig: die Genauigkeit. Über den Wegfall eines für den russischen Anteil an der Weltliteratur so bemerkenswerten Dichters wie Nikolaj Ljeskov oder eines modernen spanischen Erzählers wie Pro Baroja, auch eines Azorin oder Blasco Ibañez kann man vielleicht geteilter Meinung sein, aber wer schon der Erwähnung für wert befunden wird, sollte wenigstens ein Etikett erhalten, das ihn unverwechselbar charakterisiert. Daß nebenbei quer durch die Literaturen eine Serie von Namen, die in der Geistesgeschichte ihren längst fixierten Platz haben, überhaupt nicht notiert werden, sei nur am Rande vermerkt. Man möchte dies im übrigen nach so mannigfaltigen Stilproben des betont saloppen und burschikosen, gleichsam über den Tisch weg gehaltenen Vortrags beinahe für ein Glück halten, da sie wohl kaum mit Eggebrechts Sympathien zu rechnen hätten. Gegen eine zupackende, zeitnahe Frische wäre durchaus nichts einzuwenden, doch wenn es, nur um ein paar noch sanfte Fälle herauszugreifen, einmal von Herder im Gegensatz zu Goethe heißt: "Dem war Religion Herzenssache" oder bei der Betrachtung der englischen Literatur die Gestalt des Doctor Johnson mit den Worten eingeführt wird: "Das heißt, einer hatte gleich den Braten gerochen", so fürchten wir, daß der heute so dringend nötigen Spracherziehung in Deutschland ein Bärendienst erwiesen wird.

Auch Schlagworte tragen nicht gerade zur Klärung der Geister bei, wo doch Eggebrecht, in seinem so bewußten Kampf gegen überkommene Vorurteile, darin sein Hauptanliegen sieht. Wenn es heißt, daß "die deutsche Träumerei" in der Romantik sich zu gern "als Opium der Reaktion" mißbrauchen ließ, so klingt das etwas sehr beziehungsreich an die Leninsche These an, Religion sei "Opium fürs Volk". Übrigens wäre dem Leser sehr geholfen, wenn er erführe, was er unter den "ganz hohen Bereichen" verstehen soll, in die Gerhart Hauptmann in seinem mit Recht so gerühmten "Ketzer von Soana", die "Fraglichkeit des eigenen Daseins entrückt", oder wenn er feststellen könnte, ob Axel Eggebrecht sich nun recht erinnert oder nicht ("Erinnere ich mich recht ..."), ob es wirklich Albrecht von Hallers ‚Alpen‘ sind, wo "etwa der moralische Nutzen der alpinen Milchwirtschaft mit den gleichen Tönen gepriesen wird wie das Wunder des Alpenglühens". Man soll nicht sagen, daß es bei der Treffsicherheit mancher Formulierungen und Analysen auf die eine oder andere unebene Wendung nicht ankäme. Der Leser, der sich wißbegierig dem allzu gewalttätig subjektiven Geleit Eggebrechts wohl oder übel anvertraut, ist leit Eggebrechts wohl oder übel anvertraut, ist ob der Bereicherung seines literarischen Wortschatzes zuweilen zu bedauern.

Wo Eggebrechts Liebe und Begeisterung für bestimmte Literaturepochen vorbehaltlos durchbrechen, sind die Bilder klar und überzeugend: so bei den Humanisten, den Aufklärern, auch bei Goethe, Schiller, Shakespeare, schließlich bei seinen Favoriten Stendhal und Bernard Shaw. Diese Kapitel, in sich abgerundet, könnten ein verdienstlicher Beitrag zu einer populären Literaturbetrachtung sein. Es sind jedoch zu geringe Stützpfosten für eine Notbrücke über den breiten Strom der Weltliteratur. Adolf Frisé