Von Jürgen Bachmann

Das Werk Johann Hinrich Wicherns, die Innere Mission, kann auf ein hundertjähriges Bestehen und Wirken zurückblicken. Aus diesem Anlaß fanden an den geschichtlichen Zentralpunkten, so vor allem in Wittenberg, Hamburg, Bethel und Berlin, Gedenkfeiern statt. Man begnügte sich dabei freilich nicht mit selbstzufriedenen Festsprüchen, sondern versuchte, das Erreichte und Verwirklichte mit dem ursprünglich Gewollten und immer zu Erstrebenden kritisch zu vergleichen. So sprach in Berlin Bischof Dibelius den Wunsch aus, daß "der Geist Wicherns in den nächsten hundert Jahren größere und allgemeinere Verbreitung finden möge, als im ersten Jahrhundert des Bestehens seines Werkes". So auch stellte Kirchenpräsident Niemöller in Frankfurt a. M. fest, nach Wicherns Erkenntnis sei die Innere Mission etwas anderes als das, was sie geworden sei; es gehe bei ihr nicht nur um die Verbindung und Addition der -helfenden Kräfte, die Innere Mission sei vielmehr eine Aufgabe, die wesensmäßig zur Kirche und zur Gemeinde gehöre, nicht aber etwas, das die Kirche tun oder auch lassen könne; Wichern habe hinter der menschlichen Not das Versagen der Kirche gesehen; deshalb müsse die Kirche wieder zu den Menschen gehen und nicht darauf warten, daß die Menschen zu ihr kommen. Den für unsere Zeit wohl wichtigsten Gedanken sprach der Vizepräsident des Zentralausschusses, Braune, in Berlin aus, indem er die Achtung vor dem Menschenleben als dringendstes Gebot der Stunde kennzeichnete.

Neben Männern wie Wichern, Fliedner, Lohr, Stöcker und den beiden Bodelschwinghs haben auch Frauen aus eigenem Antrieb die Innere Mission zu ihrer Aufgabe erwählt und sie durch persönliche Opfer gefördert. Zweier der bedeutendsten von ihnen soll im folgenden gedacht werden.

Man schreibt das Jahr 1831. In Hamburg wütet die Cholera. Die Hospitäler sind überfüllt, und täglich werden Unzählige Opfer der furchtbaren Seuche. Die Ärzte mühen sich zwar mit dem ganzen Einsatz ihrer Kunst und auch ihres Lebens, aber sie spüren auch die Grenzen, die aller medizinischen Weisheit gesetzt sind. Überdies liegen im Hamburg dieser Jahre die sanitären Verhältnisse noch sehr im argen, und es mangelt an gutem Pflegepersonal.

Da erscheint am 10. September 1831 im "Bergedorfer Boten" ein "Aufruf an christliche Seelen", freiwillig die Pflege von Cholerakranken zu übernehmen. Er stammt von einer vornehmen Hamburgerin und wendet sich vor allem an die Standesgenossinnen. Seine Verfasserin ist Amalie Sieveking.

Die Ärzte, die den Appell kopfschüttelnd lesen, erinnern sich, diesen Namen schon einmal gehört zu haben. Ist Amalie Sieveking nicht jene Hamburger Kaufmanns- und Senatorentochter, die, früh verwaist, als junges Mädchen Freischulen für arme Kinder eingerichtet hat? Später hat sie dann ein paar biblische Schriften veröffentlicht, und von ihren Plänen zur Gründung einer barmherzigen Schwesternschaft ist auch einmal die Rede gewesen. Mit einigem Mißtrauen, sehen die Ärzte den Wirkungen des Appells entgegen.

Der Aufruf verhallt ungehört. Niemand aus Hamburgs vornehmer Gesellschaft hat Lust, sich in dies Cholera-Abenteuer zu stürzen. Niemand auch, sich auf eine Stufe mit den nicht gerade sehr angesehenen Wärtern und Pflegern zu stellen. Nur eine kommt: Amalie Sieveking. Am 13. Oktober tritt die nun siebenunddreißigjährige Senatorentochter ihren Dienst im Cholera-Hospital an. Schon nach kurzer Zeit ist das Mißtrauen der Ärzte geschwunden, der Widerstand des Pflegepersonals gebrochen, und die Kranken danken ihr für den aufopfernden Dienst. Und sterben auch manche unter ihren Händen, ihrer Pflege verdanken doch viele die Erhaltung ihres Lebens.