Die bizonale Sturm- und Drangzeit einer neu entdeckten liberalen Wirtschaftsgesinnung ist mit mächtigem Schwung in das bürokratische Gefüge planwirtschaftlicher Behördenorganisationen gefahren. Mit ungestümem Freiheitswillen entledigte man sich der Fesseln eines strengen Bewirtschaftungssystems, um nun mit Wilhelm Busch zu erkennen: "Wenn’einer, der mit Mühe kaum gekrochen ist auf einen Baum, nun glaubt, daß er ein Vogel wär’, so irrt sich der." Die gefürchtete landwirtschaftliche Preisschere droht den kapitalistischen Freiheitsrausch jedenfalls empfindlich zu beschneiden.

Weit und gierig geöffnet ist die Preisschere als Ausdruck der Tatsache, daß die Landwirtschaft die erforderlichen Betriebsmittel am freien Markt nur zu ständig steigenden Preisen einkaufen kann, während sie selbst ihre wesentlichsten Produkte zu Festpreisen verkaufen muß, die bisher bei Getreide und Fleisch unter den Gestehungskosten lagen. Fast alle Maschinen und Geräte, die der freien Preisbildung unterliegen, sind seit der Währungsreform etwa doppelt so teuer geworden, die Landarbeitertarife erheblich gestiegen und der künstliche Dünger desgleichen. Seit 1939 sind die Kosten in der Landwirtschaft auf etwa 175 v. H. gestiegen, während die Preise für die wichtigsten agrarischen Erzeugnisse mit Ausnahme von Milch mehr oder weniger gleichblieben. Diese Preisscheren-Entwicklung, die übrigens von vornherein vorauszusehen war, stößt die Landwirtschaft nun in einen schweren Existenzkampf, in dem sie mehr oder weniger sich selbst überlassen ist. Die Selbsthilfe des Bauern aber wird so aussehen, daß er entweder seine Wirtschaft so extensiv wie möglich gestaltet, oder die fehlende Rentabilität auf dem Schwarzen Markt sucht. Beide Methoden aber laufen geradewegs auf den Ruin der Gesamtwirtschaft hinaus.

Der Wirtschaftsrat hat darum jetzt eine Preiserhöhung für Getreide und Fleisch beschlossen. Der Beschluß wurde mit knapper Mehrheit, also schweren Herzens gefaßt, denn jeder ist sich wohl darüber im klaren, daß diese zusätzliche Erhöhung der Ernährungskosten nicht nur für den Arbeiter, sondern vor allem auch für alle diejenigen, die keinen Platz im Arbeitsprozeß gefunden haben, eine kaum zu verantwortende Mehrbelastung darstelle Man hat mit Rücksicht auf die kaufkraftarme Masse der Bevölkerung die Bestimmung getroffen, daß der Roggenbrotpreis unverändert bleiben soll – eine übrigens nicht sonderlich wirkungsvolle Bestimmung,, solange nur etwa ein Fünftel des Gesamtbedarfs in Roggen für Verfügung steht – und die eigentliche Preissteigerung zu Lasten des Weißbrotes gehen soll. Eingehende Berechnungen zeigen, daß eine Familie mit drei Kindern, in Zukunft für Brot, Nährmittel und Fleisch pro Person und Monat 0,99 DM mehr als bisher aufwenden muß.

Wenn man bedenkt, daß der Getreidepreis seit 1939 unverändert blieb und daß damals 1 kg Roggenbrot 0,24 RM kostete, während man heute für Mischbrot als die billigste Qualität 0,37 DM je kg aufwenden muß, so kann man daraus natürlich nicht schließen, daß die Bäcker diese 54prozentige Preissteigerung als Gewinn einstecken, aber man sieht daran, daß der Zwischenhandel und das Verteilersystem zu teuer geworden sind. Fast ein Jahrhundert lang galt es als Norm, daß der Anteil des Weizenwertes am Brot 80 bis 90 v. H. betrug, heute sind es nur mehr 47 v. H., weil alle anderen Kostenfaktoren überproportional gestiegen sind und der Weg vom Erzeuger zum Verbraucher immer länger wird. Überall in der Verwaltung und in der Wirtschaft finden wir die gleiche Entwicklungstendenz: die echte produktive Arbeitsleistung wird immer mehr überwuchert von der Tätigkeit zahlloser Zwischenorganisationen. Die Zwischenhandelsspanne und das aufgeblähte Verteilungssystem sind aber der Tod der Wirtschaft. Es ist wirklich eine Absurdität, daß der Bauer gerade bei den arbeitsintensiven Hackfrüchten nur ein Drittel des endgültigen Verkaufspreises erhält und der Städter für den Zentner Kartoffeln, den der Bauer nur weit unter dem Festpreis von 4,50 DM los werden kann, 7 DM bezahlen muß.

Man kann den Handel nur dadurch zwingen, sich zu rationalisieren, daß man seine Gewinnspannen einschränkt und eben darum hätte man die unbedingt notwendige Getreidepreiserhöhung durchführen sollen, ohne gleichzeitig den Brotpreis entsprechend zu erhöhen. – Es gibt keine andere Möglichkeit, den Weg vom Erzeuger zum Verbraucher auf das notwendige Mindestmaß zu beschränken. Dff.