oder Freiheit, die ich meine ...

Von Hanns Braun

Vor Monaten – oder sollte es gar schon einJahr her sein? – haben Menschenfreunde, ich glaube mich zu erinnern, in Amerika den Vorschlag gemacht, an Männer von hervorragenden Verdiensten einen sogenannten Weltpaß zu verabfolgen, mit dessen Hilfe sie dann, ungehindert von Visumzwängen, in der Welt oder wenigstens in den Ländern der Vereinten Nationen herumreisen könnten. Ein erhebender Vorschlag! freilichnicht ohne wehmütigen Beigeschmack für jeden, der 1914 schon erwachsen war. Denn damals wäre selbst dieser Weltpaß als Überbleibsel unzivilisierten Hinterwäldlertums erschienen, da jedermann, auch ohne die geringsten Menschenverdienste vorzuweisen, ganz ohne Paß reisen konnte, wohin es ihn beliebte – ausgenommen nach Rußland, welches eben darum den Ruf des finster rückschrittlichen Polizeistaates auf sich hatte, im Gegensatz zu heute, wo man das Wort rückschrittlich doch wohl durch fortschrittlich ersetzen müßte.

Dennoch war dieser amerikanische ein liebenswürdiger Vorschlag, insofern er ein Beispiel geben und einen Anfang machen wollte. Und es tut nichts, daß schon bei der Frage, welche Höchstverdienten jenen Passepartout ehrenhalber bekommen sollten – sich der liebe Vorschlag gewissermaßen selbst annullierte. Denn es wurden – mit dem Physiker Albert Einstein an der Spitze – tatsächlich nur solche Zelebritäten aufgeführt, die über siebzig Lenze alt, somit der Weltreiselust schon einigermaßen entrückt zu denken waren. Es ist dann aber nicht verlautet, ob diese wenigstens, die ihn in jedem Sinne "nicht brauchen" würden, den Weltpaß bekommen haben; und so entgehen wir vorerst der nächstmöglichen Groteske: der Feststellung nämlich, daß er seinen Inhabern in der Praxis, zum Beispiel an Grenzübergangsstellen, voraussichtlich nur Scherereien gemacht haben würde. Vergessen wir doch nicht: wir leben in einem Zeitalter, das "oben" oft nicht ohne guten Willen ist, aber entmachtet durch triumphierendes "Unten". Es istdie Zeit der von Marschällen unterschriebenen Ausweise, deren die Subalternen spotten.

An diese schöne amerikanische Weltpaßidee wurde man erinnert, als vor einiger Zeit in München das "Amerika-Haus" von den Spitzen der Militärregierung – auch vor geladenen deutschen Gästen – eingeweiht wurde. Um es gleich vorwegzunehmen: das Amerika-Haus hat sich inzwischen gut eingeführt; es befinden sich darin nicht bloß Lese- und Bibliotheksräume mit ausländischen Zeitungen, Zeitschriften und Büchern zum Ausleihen, sondern es finden dort auch Konzerte und Vorträge statt; ja, bestemVernehmen nach soll auch noch ein Theater eingebaut werden; wenigstens wurde das Herausreißen und Tieferlegen des Fußbodens im ehemaligen "großen Konferenzsaal" dahin gedeutet.

Ehemalig? Nun, das jetzige Amerika-Haus wurde nicht (wie es eigentlich unserm bewundernden Wunsch-Klischee vom Amerikaner entspräche) auf riesigen Prähmen über den Ozean geflogen und hier binnen vierundzwanzig Stunden aufgestellt, mit der Stoppuhr in der Hand. Sondern es war schon da, und erbaut hat es ein gewisser Adolf Hitler, wovon es sich den Namen "Führerbau" zugezogen. Daß ihn die Besatzungsmacht beschlagnahmt hat, wird niemanden verwundern. Wer ihn jetzt besichtigen konnte, fühlte sich durch die beflissene Materialechtheit und kalte Marmorpracht an den Bauherrn erinnert; allein Kenner des Umbaus behaupten, daß der Saal vorher nicht dermaßen geglänzt, das Gemach nicht so geschimmert habe, dieweil die Wände gleich doppelt verkleidet gewesen, einmal mit Holz und dann noch mit Leder.

Immerhin haben, seit er seinen Führerzwecken entfremdet ward, dort heimatlos gewordene Bestände der verbombten Staatsbibliothek lagern dürfen und ihren Lesesaal gehabt, der nun, als die neuen höheren Zwecke mitsamt der höheren Gewalt den Unterschlupf streitig machten, zusehen konnte, wo er blieb.