Wieder wird die UNO-Vollversammlung in diesem Jahr über Korea beraten und vermutlich werden ihre Empfehlungen wieder, wie im September 1947, im Winde verhallen. Als die Alliierten noch während des Krieges zum erstenmal über das Schicksal Koreas berieten – es war auf der Konferenz von Kairo 1943 – wurde beschlossen, daß dieses Land "nach 40jähriger Ausbeutung durch die Japaner endlich seine Freiheit und Unabhängigkeit erhalten müsse".

Hätten die Koreaner geahnt, wie es um ihre Freiheit und die Unabhängigkeit ihres Landes drei Jahre nach der japanischen Kapitulation beschaffen sein würde, hätten sie sicherlich gern auf die segensreichen Einrichtungen von Selbstverwaltung und Demokratie verzichtet, die die "Erziehungs-Treuhandschaft" einer russisch-amerikanischen Kommission sie zu lehren versprach. Aber es war damals noch nicht vorauszusehen, daß es das Kennzeichen der Nachkriegsepoche sein würde, daß alle Dinge sich in ihr Gegenteil verkehren. Heute freilich ist dies mindestens für Korea sehr deutlich. Nicht Freiheit von Furcht, wie die Atlantik-Charta es verhieß, sondern statt des gemeinsam erlittenen Schicksals einer japanischen Fremdherrschaft die unmittelbare Bedrohung durch den Bürgerkrieg im eigenen Volk. Niemand zweifelt mehr daran, daß im gleichen Moment, in dem die beiden Besatzungsarmeen das Land sich selber überließen, der Norden Koreas über den Süden herfallen würde.

Bevor die Japaner seinerzeit die Herrschaft übernahmen, blickten die Koreaner stolz auf die tausendjährige Einheit ihres Landes, von dessen Dynastie man sagte, sie habe 4245 Jahre geherrscht. Heute hat das Ringen um einen demokratischen selbständigen Staat sie um diese Einheit gebracht und der 38. Breitengrad – es hätte ebensogut der 37. oder der 39. sein können – bestimmt mit dem ganzen Gewicht, das Zufall und Provisorium in einer konzeptionslosen Zeit zukommt, das Schicksal Koreas. Das verhängnisvolle Stichwort hatte gelautet: die Errichtung eines "demokratischen" Staates. Demokratisch, erklärten die Sowjets, seien nur die Kommunisten, denn alle anderen hätten mit den Japanern kollaboriert, und so ist die "demokratische Volksrepublik" in Nordkorea ausschließlich aus Kommunisten gebildet worden. In allen entscheidenden Posten sitzen ehemalige kommunistische Emigranten, die in Yenan oder Rußland geschult worden sind, und die neu aufgestellte Armee ist aus koreanischen Kadres, die in der Roten Armee gedient haben, aufgebaut worden.

Die Amerikaner hingegen erklären, demokratisch seien nur diejenigen, die den Wunsch hätten, eine parlamentarische Regierung zu bilden – also alle mit Ausnahme der Kommunisten. Während aber die Russen mit einem klaren Plan ihre Zone übernommen hatten und vom ersten Tag an zielsicher alles taten, um ihn voranzutreiben und ihn auf lange Sicht durch das Machtinstrument einer voll bewaffneten kommunistischen Nationalarmee zu sichern, haben die Amerikaner in der Südzone die ersten Jahre ungenützt verstreichen lassen. Zwar haben auch sie, nach langem, vergeblichem Warten auf die Durchführung einer gemeinsamen amerikanisch-russischen Aktion, im vorigen Jahr eine Regierung in ihrer Zone aufgestellt, aber ihr Ideal war die Errichtung einer demokratischen Verfassung inmitten eines Volkes, das noch nie eine Wahl erlebt hatte und das sich zweifellos lieber in militärischen Formationen zusammenschließt als in Parteiorganisationen. Die Russen haben daher nicht ganz unrecht, wenn sie im vollen Kraftbewußtsein des nordkoreanischen 200 000-Mann-Heeres die Schwäche der südkoreanischen Regierung dadurch bewiesen sehen, daß die Amerikaner von sich aus nicht bereit sind, gleich ihnen die Besatzungstruppen abzuziehen.

Als propagandistische Arabeske zu den kommunistischen Unruhen in Südostasien macht sich der "demokratisch-freiheitliche" Entschluß der Sowjets, Korea zu räumen, in jedem Falle gut. Es ist alles auf den gleichen Ton gestimmt, die Moralpredigten von Kotkomow auf der Genfer Tagung, das überraschende Eintreten Panjuschkins in der "Elf-Mächte-Kommission des Fernen Ostens" für eine unbeschränkte industrielle Entwicklung Japans und die Räumung Koreas, Der Appell an freiheitliche, nationale Instinkte erweckt in Asien immer einen Widerhall, und das Echo, das man in Moskau am liebsten hört, ist der Lärm revolutionärer Aufstände in Ostasien.

Marion Gräfin Dönhoff