Der Verfasser dieser Betrachtung zählt zu den verantwortungsbewußten Geistern, die während des verflossenen Jahrzehnts in der Stille, aber auch mit manchem wagemutigen Wort dazu beitrugen, den Sinn für Wahrheit und Recht in Deutschland nicht ganz absterben zu lassen. Sein Buch "Mensch und Schicksal" wurde von der NS-Überwachungsstelle als "die gefährlichste Veröffentlichung des Jahres" (1943) erklärt. Hans Jürgen Baden, von dem kürzlich im Friedrich-Wittig-Verlag, Hamburg, ein neues, weitschauendes philosophisches Werk "Der Sinn der Geschichte" erschien, lebt als Pastor in Wienhausen bei Celle.

Jeder, der über die Wirklichkeit nachdenkt, ihre äußere und innere Dimension fixiert, gleicht einem Regisseur, der den Raum der Realität völlig neu einrichtet. Diese Inszenierungen geschehen so radikal und eindeutig wie nur möglich. Alles was die Bühne der Wirklichkeit soeben noch dekoriert hatte, was auf ihr in Geltung stand und allgemeinen Beifall fand: angefangen von bestimmten Menschen-Typen bis hin zu Ideen, Prinzipien und Weltanschauungen – es wird ausgeräumt. Die Wirklichkeit wird in ganz umfassendem Sinne "leer". Nunmehr werden neue Kulissen entrollt, Requisiten herbeigeschleppt, Personen, die anders denken, werden rangiert; die Schöpfung der Welt aus dem Nichts wird gleichsam, wiederholt. Diese ständigen, geradezu monomanisch betriebenen Uminszenierungen der Wirklichkeit im Politischen und Weltanschaulichen kennen wir zur Genüge. Je kühner und paradoxer die Regie verfährt, desto bedeutender sind ihre Wirkungen.

Eine Inszenierung, die gegenwärtig besonders in Mißkredit geraten ist und sorgfältig ausgemerzt wird, wird durch das Stichwort "Aufklärung" bezeichnet. Ihre Möbel, Gobelins und Bilder, ihre Stilornamente entfernt man. mit Schmäh- und Spottreden; das weiße, gleichsam exakte Licht, welches auf dieser Welt liegt, erscheint langweilig, geheimnislos.

An Stelle, der Ratio werden die Dämonen beschworen. Die Dämonenbeschwörung gehört heute zum Geschäft zahlreicher Autoren, welche eine Witterung für das besitzen, was dieses entsetzte Zeitalter wünscht. Begriffe wie Dämon und dämonisch werden zu Gemeinplätzen. Die gesamte Folklore, wird durchwühlt, nach Elementen des Dämonischen durchsucht. Eine Inszenierung der Wirklichkeit erfolgt, welche niemanden überrascht, denn sie kommt der allgemeinen Sehnsucht nach Mythos und Magie entgegen. Man beginnt mit der Verachtung der Ratio auf der ganzen Linie. Man stellt fest, daß die Ratio nur eine kleine unbedeutende Insel im Meer des Seins ist, über welcher die Seins-Stürme, Seins-Fluten jeden Augenblick zusammenschlagen können. Hingegen ist nunmehr der Himmel des Menschen von Dämonen wie von Vogelschwärmen verdunkelt. Man ist von Dämonen umgeben, wohin man sich wendet, ihr mißtönendes Gekrächz begleitet den Menschen bis in Schlaf und Traum, ihre schwarzen Schwingen überschatten alles. Jedes Ding, jedes Gefühl, jedes Erlebnis erhält "dämonischen" Akzent und wird eben damit in magische Zusammenhänge gerückt. Die Welt, welche vorher so klar, eindeutige rationabel im Lichte des Logos dalag, gerät ins Gleiten, man hat den Eindruck, eine Waschküche zu betreten, wo man vor Brodem, Qualm und Ausdünstung nichts mehr erkennen kann. In diesem Zwielicht der angeblich magischen Realität begegnen uns nun die seltsamsten Figuren, Dämonen, Devas, Derwische, Pane, Satyrn, Götter und Göttinnen, eine Unzahl mythologischer Gespenster – künstlich verlebendigt von Leuten, die in der Religionsgeschichte und Folkloristik einigermaßen Bescheid wissen. Längst hatte die Wirklichkeit ihre eigentliche Anziehungskraft verloren, sie war bis zur Ermüdung langweilig, ohne Tiefe, ohne jene fast grausame Schönheit, welche das Herz schneller schlagen läßt; jetzt indessen wurde sie wieder auf hintergründige Weise attraktiv und war imstande, jeden, den es danach verlangte, das Gruseln zu lehren.

Es ist bei diesen neuen Magiern – für die freilich das Magische im Grunde nur ein intellektuelles Experiment ist – eine selbstzerstörerische Lust am Werk, jede feste Kontur aufzulösen, das harte, verläßliche, überschaubare Sein zu zerreiben, die Wände der Wirklichkeit allenthalben zu durchlöchern, damit durch diese Löcher etwas von dem einströme, was man die dämonische Realität nennt. Wohin man den Blick wendet, stößt man auf Fratzen und Masken, auf Mythologeme aller Art, auf eine Ornamentik, in welcher sich die Chiffren des Triebhaften, Unmenschlichen und Übermenschlichen schaurig vermengen. Eine Musik ertönt, aber man hört keine Melodie, keine melodische Regel, sondern ein ekstatisch-rasendes Lärmen, welches den Trieben schmeichelt und den uralten Flußgott des Bluts auf den Plan ruft.

Jede Lüge enthält ein Korn Wahrheit, und selbst die absurde Täuschung nimmt irgendwo ihren Ausgang von der Realität und deren tatsächlichen Verhältnissen. Die Dämonen sind keine Fiktion, und es zeugt von großer Unkenntnis, die dämonische Wirklichkeit zu belächeln und allegorisch aufzulösen. Die dämonischen Phänomene zeigen ein Mehr an Realität, welches der Vernunft unzugänglich ist. Wo immer sich die Dämonen regen, muß die rationale Erkenntnis zwangsläufig zurückstehen. Das Dämonische läßt sich ebensowenig analysieren wie die Gnade; man kann lediglich die Bedingungen feststellen, unter denen es in Erscheinung tritt.

Schon Schelling hatte die allegorische Auffassung der Mythen mit Nachdruck abgelehnt – eine Auffassung, über welche die Aufklärer des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts nie hinausgekommen waren. Schelling verlangte statt dessen eine tautogorische Erklärung der Mythen; das will sagen, eine Erklärung der Mythen aus sich selbst heraus, aus der ihnen eigentümlichen Realität, welche nicht in Zweifel gezogen werden darf, wiewohl sie für den Verstand im Wortsinne "hintergründig" ist. Man muß die gleiche Forderung aufstellen, was das Dämonische betrifft. Der Dämon ist niemals und nirgends eine Allegorie, sondern etwas ausgezeichnet Reales – das weiß jeder, der dem Dämon konkret begegnet ist. Solche Begegnungen sind ebenso selten wie gefährlich.