Von Ludwig Erhard

Der Direktor des Verwaltungsamts für Wirtschaft, Prof. Dr. Ludwig Erhard, nimmt im folgenden zu dem vierten Währungsgesetz über die Festkonten Stellung.

Die von alliierter Seite verfügte Regelung der Festkonten entspricht nicht deutschen Wünschen und Vorstellungen. Die gemeinsamen und einheitlichen Vorschläge von Wirtschaftsrat, Verwaltungsrat und Länderrat gingen in logischer Auslegung des Währungsgesetzes dahin, den Rechtsanspruch auf die blockierten Guthaben durch deren Verzinsung mit 2,5 v. H. sowohl in juristisch-formaler als auch in moralischer Hinsicht sicherzustellen, die freie Verfügung in Geldform aber wegen der möglichen wirtschaftspolitischen Konsequenzen zunächst auszusetzen und späterer Entscheidung vorbehalten sein zu lassen. Damit wäre ohne jeden Zweifel eine Regelung erreicht worden, die einmal den Rechtsbegriffen des deutschen Volkes entsprochen, zum anderen aber bedenkliche Entwicklungen auf preispolitischem Gebiet unmöglich gemacht hätte. Die angeführten deutschen Instanzen konnten die Überzeugung hegen, daß beide Gesichtspunkte von Seiten der für die Bizone verantwortlichen Militärbefehlshaber Anerkennung gefunden haben, so daß die Hintergründe und Triebkräfte der davon abweichenden Entscheidung über Vermutungen hinaus unklar bleiben. Um so wichtiger erscheint es, die finanz-währungspolitischen Wirkungen dieser Maßnahme zu prüfen.

Jedermann weiß, daß die Sorge um die Preisentwicklung mehr als alle anderen Probleme die Geister bewegt und daß schon bei der Auszahlung des rückständigen 20-Mark-Betrages der Kopfquote Befürchtungen hinsichtlich deren preispolitischer Konsequenzen laut wurden. Seinerzeit haben sich deutsche und alliierte Stellen gemeinsam auf den Standpunkt gestellt, daß unabhängig von solchen Erwägungen eine einmal gegebene Zusage eingehalten werden müßte.

Im ganzen läßt sich heute wohl sagen, daß die durch die Währungsreform geschaffene Kaufkraft im Ausmaß von rund 10 Milliarden D-Mark, wenn auch über nicht unwesentliche Preissteigerungen, von der Wirtschaft absorbiert worden ist. Diese zunächst nur den Konsumgütersektor befruchtenden Mittel haben sich mittlerweile mehr und mehr über die ganz Breite der Volkswirtschaft verteilt und sind infolge des mit der zunehmenden Beschäftigung wachsenden Betriebsmittelbedarfs weitgehend neutralisiert worden. In diesen letzten drei Monaten hatten die Marktwirtschaft wie auch die neue deutsche Währung im engen Verein ihre Bewährungsprobe zu bestehen. Wir haben, selbst wenn dieser Prozeß des Ausgleichs zwischen Güterangebot und kaufkräftiger Nachfrage noch nicht endgültig geschlossen sein sollte, dennoch hinreichenden Grund zu der Annahme, daß die sich in scheinbar willkürlichen Preissteigerungen ausdrückenden Spannungen als im wesentlichen überwunden gelten dürfen, und somit die Konsolidierung der wirtschafts- und preispolitischen Verhältnisse in gutem Fortschreiten begriffen ist.

Es ist darum nur zu verständlich, daß die nunmehr verfügte zusätzliche Freigabe von 20 v. H. der Festkonten, das sind rund 1 Milliarde DM, bei den für das Schicksal der Wirtschaft und Währung verantwortlichen Stellen zunächst Beunruhigung auslösen mußte. Denn ohne daß damit den wirklich Armen und Bedürftigen, soweit sie noch über kleinere Konten verfügen, eine nachhaltige Hilfe zuteil werden könnte, erwächst aus dieser Regelung die Gefahr, daß Teile dieser regenerierten Kaufkraft noch einmal zusätzlich konsumtiv wirksam werden, darüber hinaus aber in jedem Fall die Liquidität der Wirtschaft auch in den Bereichen erhöht wird, in denen ein echtes Bedürfnis nach weiterer Verfügung über Betriebsmittel nicht vorliegt. Im Sektor der Kapitalgüterindustrie und der Investitionswirtschaft aber reicht ein Kapital von 1 v. H. der alten Geldguthaben zur Lösung der dort anstehenden Probleme mindestens in individueller Betrachtung durchaus nicht aus, und so bleibt nach dieser Richtung hin die Frage der Mobilisierung des mittel- und langfristigen Kredites nach wie vor offen. Auch die Freigabe dieser rund 500 Millionen DM ist währungspolitisch nicht völlig unbedenklich, wenn auf der Geldseite nicht neutralisierende Gegenposten geschaffen werden.

Vom währungspolitischen Standpunkt aus gesehen darf allerdings mit einer gewissen Beruhigung festgestellt werden, daß die Streichung von 70 v. H. der Festkonten zweifellos eine deflationistische Gegenwirkung auslöst, denn diejenigen Unternehmungen, die in der sicheren Erwartung einer späteren Freigabe über diese Beträge auf dem Kreditwege verfügten, werden nunmehr zur Abdeckung aus eigenen Mitteln und Erträgen gezwungen sein, und das um so mehr, als sich gleichzeitig auch der Liquidationsspielraum der Banken verkürzt. Es läßt sich im übrigen schwer entscheiden, ob diese Maßnahme in privatwirtschaftlicher Hinsicht nicht vereinzelt auch ernstere Liquidationsschwierigkeiten im Gefolge haben wird, wie sich denn überhaupt die Beurteilung der damit geschaffenen Situation in betriebs- und volkswirtschaftlicher Betrachtung nicht völlig einheitlich darstellt. Unabhängig von allen Rechtserwägungen schafft die unverständlicher- und unnötigerweise herbeigeführte Diskrepanz zwischen Schulden- und Geldabwertung einen neuen Unsicherheitsfaktor. und wegen der materiellen Differenzierung zugleich auch ein neues Ressentiment der Geschädigten.

Das einzig Positive der Regelung, das allerdings nicht unterschätzt werden soll, besteht darin, daß nunmehr eine Endlösung statuiert wurde und daß diese über allen Zweifel deutlich macht, daß von der Geldseite her unserer Währung keinerlei Gefahren mehr drohen und alle Spekulationen und Befürchtungen auf mögliche inflationistische Entwicklungen damit ein für allemal gegenstandslos werden.