Als ein glückstrahlenden neugebackener Vater stürmischen Schritts in .’die Klinik kam, um seinen Stammhalter in Augenschein zu nehmen, hielt ihm die Schwester, so erzählt man sich in England, ein Steckkissen mit drei Säuglingen hin und sagte trocken: "Nun, so suchen Sie sich nur eins aus!" Und als der junge Vater in verletztem Familienstolz empört aufbrauste, "Wieso, wissen Sie denn nicht, welches mein Kind ist?", da antwortete die Schwester, wenn möglich noch trockener: "Ja, es sind Drillinge von Ihrer Frau – aber zwei Kinder sind natürlich für den Export!" – Wenn in England derartige Witze erzählt werden, so kann man sicher sein, daß eine unbequeme Tatsache durch das typisch britische Humor-Ventil abreagiert wird. In der Tat, die Exportanstrengungen werden zwar vom Engländer als notwendig erkannt, aber deshalb nicht gleich freudig begrüßt. Denn vieles von dem, was man jetzt exportiert, würde "in normalen Zeiten" in England selbst verbraucht werden. So ist die britische Textilration nach dem Kriege mehrfach gekürzt worden. Einen neuen Kraftwagen zu kaufen, ist für den Engländer fast so schwierig wie für den Deutschen nach der Währungsreform. Und wenn kürzlich ein Schwede, der Seit Kriegsende in London lebt, freudestrahlend nach Hause berichten konnten es sei ihm zum ersten Male geglückt, eine Flasche Whisky im Laden zu kaufen, ohne schon vor dem Kriege Stammkunde gewesen zu sein, so erklärt sich auch dies nicht aus einem vermehrten Angebot. Auch weiterhin wird der weitaus größere Teil der schottischen Whisky-Produktion exportiert, vornehmlich nach USA. Die scheinbare Verbesserung des Angebots in England ist in Wirklichkeit nur eine Folgeerscheinung, der verteuerten, Lebenshaltung. Und es ist für den Mann auf Straße in England nur ein schwacher Trost, daß er sich jetzt die für den Export bestimmten Waren aus Mangel an Geld auch dann nicht kaufen könnte, wenn diese Waren plötzlich nicht mehr exportiert werden müßten!

Es spricht daher für den gesunden Menschenverstand. der Briten, wenn sie in diesem Augenblick objektiv genug sein können, um mit Wirtschaftsminister Cripps in das Urteil einzustimmen, daß ein beachtlicher wirtschaftspolitischer Halbzeit-Erfolg erzielt worden ist. Denn diese beiden Dinge, die Exportanstrengungen und die Beschränkung der Lebenshaltung auf das Maß, das man sich noch leisten kann, gehören eng zusammen. Sie sind die beiden Seiten der England nach dem Kriege verbliebenen Medaille, die "britische Verarmung" heißt.

Über die Exportanstrengungen konnte Schatzkanzler. Cripps am Vorabend, seiner Reise zur Weltbank-Sitzung in Washington einen Zwischenbericht erstatten, der weitgehend ein Erfolgsbericht war. Er konnte nämlich mitteilen, daß sich das Loch in der britischen Zahlungsbilanz im ersten Halbjahr 1948 beträchtlich verkleinert habe. Im vorigen Jahre schloß die britische Zahlungsbilanz mit einem Fehlbetrag von nicht weniger als 630 Mill. £. Einkünften von 1477 Mill., darunter 1102 Mill. aus dem Export, standen Ausgaben von 2107 Mill. £ gegenüber. Noch ungünstiger gestaltete sich die Gold- und Devisenbilanz Englands für 1947. Rund 1 Mrd. verlor England damals an Gold und "harten Devisen". (Der Unterschied zum geringeren Defizit der Zahlungsbilanz erklärt sich daraus, daß England für seine Einfuhren hauptsächlich Auf Hartwährungsländer angewiesen war, seine Ausfuhren dagegen stärker in Länder des Sterlingblocks und Länder mit "weichen" Währungen ossen.) Nach den Ergebnissen der ersten sechs Monate 1948 gerechnet, würden sich diese beiden Passivposten etwa halbieren; die Zahlungsbilanz schließt für das erste Halbjahr mit einem Fehlbetrag von 140 Mill. £, Gold- und Dollarbilanz mit einem Fehlbetrag von 250 Mill. £. Auch Dieses Tempo der Gold- und Dollarverluste könnte England sich nur noch für ein Jahr leisten, wenn es seine gesamten verbliebenen Reserven von 473 Mill. £ einsetzen würde. Doch inzwischen Luft die Marshall-Hilfe an und erlaubt England, wenigstens seine Einfuhren im bisherigen Umfang Aufrechtzuerhalten, auch ohne daß weitere Exorterfolge erzielt werden und ohne daß die Sicherheitsmarge" an Gold und Dollar unterhritten würde, die bei 300 Mill. £ liegen dürfte. Doch die Marshall-Hilfe enthebt England nicht er Notwendigkeit, im Laufe der nächsten vier ihre das verbliebene Loch in der Zahlungslanz und in der Gold- und Dollarbilanz zu hließen. Es genügt also nicht, den von Cripps mit berechtigtem Stolz berichteten Erfolg zu halten, der bei einem Ausfuhrvolumen von 130

H. des Standes von 1938 liegt. Der Export uß weiter gesteigert werden. Und da man eine weitere Einschränkung des Verbrauchs des Inlandes vermeiden möchte, bedeutet dies, daß die britischen Produktionszahlen absolut steigen müssen. Dies wiederum muß durch größere Leistung des einzelnen Arbeiters und der einzelnen Produktionsanlage geschehen, da eine Reserve an Arbeitskräften und Anlagen nicht mehr vorhanden ist. Dazu weiß man in England, daß schon die Unterbringung des bisher erreichten Exportvolumens in Zukunft schwieriger sein muß als bisher: die Güterversorgung der Welt verbessert sich ständig, die Bedarfsrückstände werden allmählich aufgefüllt. In anderen Worten, die Konkurrenz im Preis und in der Qualität wird schärfer werden, und zwar nicht nur, weil die Käufer wieder wählerischer werden, sondern auch weil die Zahl der Verkäufer wachsen wird. England hat nämlich durch seine Anstrengungen der letzten zwölf Monate, seit seiner Einsicht über den Grad der kriegsbedingten Verarmung, zweifellos einen Vorsprung, vor allein gegenüber den Ländern des europäischen Festlandes, erzielt, der zeitlich begrenzt ist und der ihm durch die erhofften Auswirkungen des Marshall-Plans auf das westeuropäische Festland streitig gemacht werden kann. Daher die Einsicht, daß es zur Konsolidierung der Zwischenerfolge unbedingt der – Leistungssteigerung bedarf.

Auf eine Erleichterung von außen glaubt man jedoch in England weiter-hoffen zu dürfen, auf die Senkung der Preise für Einfuhren, Auch im ersten Halbjahr 1948 hat die Verteuerung der Einfuhr angehalten. Einer Steigerung der Einfuhrpreise um 10 v. H. gegenüber dem Vorjahre steht nur eine Erhöhung der Ausfuhrpreise um 3 v. H. gegenüber. Seit 1938 hat sich das Verhältnis der Preise so ungünstig entwickelt, daß England heute für ein gleich großes Defizit der Handelsbilanz wie vor zehn Jahren – etwa 300 Mill. £ – mengenmäßig 30 v.H. mehr exportieren und 19 v. H. weniger importieren muß. Irgendwann muß sich das Blatt einmal wenden; allerdings bedingt die neue Rüstungskonjunktur, die auf eine Vollbeschäftigung aufgepfropft wird, sicherlich eine weitere Terminverschiebung für diese Preiswende und für die Schließung der Preisschere zwischen Importkosten und Exporterlösen.

Das Bild der erfolgreichen Zwischenbilanz wäre unvollständig ohne Erwähnung der unsichtbaren Exporte. Denn statt des erwarteten Fehlbetrags von 49 Mill. £ für das halbe Jahr ist ein Überschuß von 16 Mill. £ erzielt worden. Zum Teil handelt es sich sozusagen um Glücksfälle, etwa bei der Verwendung von Kriegsmaterial im Auslande, die Englands Regierungsausgaben im Auslande gegenüber dem Vorjahre halbieren half. Aber auch die hohen Frachtraten brachten: England mehr Einnahmen als Ausgaben und, selbst die Reisebilanz war sehr viel weniger! passiv als im Vorjahre-

So hat England also durch seine Exportanstrengungen, durch Einschränkung seiner Lebenshaltung und mit Hilfe einmaliger Faktoren die akute Krise überwunden, der es sich vor Jahresfrist gegenübersah. Der weitere Weg wird sicherlich noch auf längere Zeit beschwerlich bleiben. Aber das Gefühl, die Gefahr des Abrutschens gebannt zu haben, dürfte den Briten die Sicherheit und Ruhe zurückgeben, die man zum Durchhalten einer lang andauernden Anspannung braucht. Diese Sicherheit, für die England keinem, anderen Manne soviel zu verdanken hat, wie Cripps, pflegt für die Briten das beste Rüstzeug zu sein, um mit ihrer angeborenen Zähigkeit Schwierigkeiten überwinden zu helfen. Gw.