Die Tatsache, daß die industrielle Erzeugung seit dem 20. Juni trotz kaum nennenswert gebesserter Kohlen- und Kraftstrom Versorgung kräftig ansteigt, ist wohl das größte Aktivum der Geldreform. Die Produktionsausweitung muß offenbar erheblich sein, da ja nicht nur fast durchgehend die bisherigen Belegschaften bei einer Mehr-Arbeitsleistung von 25 bis 33 v. H. (die Kohlenförderung freilich ausgenommen) "gehalten" worden sind, sondern darüber hinaus noch vielfach Neueinstellungen erfolgten. Aus diesen Daten ist zu entnehmen, daß die – neuerdings von politischer Seite her lebhaft angezweifelten – Angaben über den Produktionsanstieg zutreffend sein müssen. Freilich liegen die statistischen Daten für die Erzeugung im Mai oder Juni bei manchen Wirtschaftszweigen sehr niedrig; sie sollten deshalb zweckmäßigerweise nicht in jedem Fall als Vergleichsbasis genommen werden.

Der Produktionsanstieg ist nun nicht etwa, wie anfangs immer wieder behauptet wurde, auf die Verbrauchsgüterindustrien beschränkt. Auch die Produktionsmittelherstellung ist dabei zum Zuge gekommen. Das zeigt die günstige Arbeitsmarktentwicklung im Ruhrgebiet;das zeigen auch Angaben aus typischen Wirtschaftszweigen. So melden die Handelskammern Nordrhein-Westfalens für die Eisen-, Stahl- und Blechwarenindustrie eine Umsatzsteigerung um 36 v. H. für die Zeit vom Mai bis Juli, gegenüber 12,5 v. H. für den Zeitabschnitt Januar bis Mai. Bei Draht sind die entsprechenden Steigerungssätze 61,5 (9,7) v. H., für die Metallindustrie 41,5 (24,6) v. H., für die Holzindustrie (einschl. Sägewerke) 56 (8) v. H., beim Maschinenbau allerdings nur 7 (12,6) v. H., in der chemischen Industrie 12,7 (20,4) v. H., in der Elektroindustrie sogar 0 (31,6) v. H. Die eisenschaffende Industrie schließlich hat, nachdem in der Zeit vom Januar bis Mai die "Vorleistung" einer Produktionsverdoppelung eingetreten war (+ 100,3 v. H.), bis zum Juli ihre Erzeugung "nur" um 29 v. H. steigern können.

Von Wuppertal her, dessen Industrie recht mannigfaltig gegliedert ist, werden interessante Angaben über Beschäftigtenziffern gegeben. (Dabei ist nicht berücksichtigt, daß früher häufig verkürzt gearbeitet wurde, während jetzt 48 Stunden die Regel sein dürften.)

Der tatsächliche Bedarf an Arbeitskräften kann nicht voll gedeckt werden. Die meisten Betriebe könnten 20 v. H. und mehr Arbeitskräfte einstellen. Der Mangel an gelernten und angelernten Handarbeitern ist also beträchtlich.

Nach dem Auftragsbestand ist die Beschäftigung auf längere Zeit sichergestellt. Die Rohstoffversorgung läßt freilich stark zu wünschen übrig. In der Textilindustrie befürchtet man in absehbarer Zeit Betriebseinschränkungen und gegen Ausgang des Jahres Betriebsstillegungen, sofern nicht eine grundlegende Besserung im Rohstoffnachschub erzielt wird.

Hält aber das ERP das, was es versprich, und bleibt die Energieversorgung ausreichend, so wird, bei dem nun erreichten Preisstand, die Produktion allmählich in das reichlich weit geschnittene "Geldkleid" hineinwachsen. Preissenkungstendenzen werden sich allerdings trotz der damit gegebenen Kostendegression, noch nicht durchsetzen können, wie Prof. Erhard dies reichlich optimistisch, für gegeben hält: dazu ist die Nachfrage-Konjunktur eben zu stark. Aber von einer anderen Seite her könnte es zu einem Preisdruck kommen, der dann, bei sinkenden Gestehungskosten, auch Aussicht hätte, sich durchzusetzen: nämlich im Wege der Absorption erheblicher Einkommensteile, durch Lebensmitteleinfuhren der Kategorie A und industrielle Einführen nach dem ERP. Das setzt allerdings voraus, daß diese Beträge blockiert bleiben. Sie können allenfalls als Investitionskredite, dürfen keinesfalls aber zur Deckung von Haushaltsdefiziten verwandt werden, wenn ihre "Inflatitionsdynamik" nicht in Erscheinung treten soll.

F./T.