Von Walter Persian

Im Herzen Asiens lebt ein Volk, das seit ewig Feind des Krieges und jeglichen Blutvergießens ist „Im dreizehnten Jahrhundert verließen sie lieber ihr Heimatland und suchten im Norden Zuflucht, als daß sie gekämpft hätten oder ein Teil des Reiches des blutigen Herrschers Dschingir-Khan geworden wären, der diese wunderbaren Reiter und geschickten Bogenschützen gern für seine Streitmacht gewonnen hätte. Dreimal in der Geschichte sind sie so in nördlicher Richtung gewandert, um Kampf zu vermeiden, und bis heute kann niemand sagen, daß er auf Händen von Sojoten (so heißen die Bewohner) Spuren menschlichen Blutes gesehen habe. Mit ihrer Friedensliebe bekämpften sie die Kriegsübel...“, berichtet Ferdinand Ossendowsky in seinem Buch „Tiere, Menschen und Götter“. Im Innern Asiens grenzt ihr Land an einen Teil der sowjetisch-zentralasiatischen Gebietslinie und bildet zwischen der Sowjetunion und der Außenmongolei einen Pufferstaat, der wegen seiner geopolitischen Lage für die Sowjets die Bedeutung einer natürlichen Festung hat, weil sie die innerasiatischen Zugänge zu den Kusnezker und Abakaner Industrie-Kombinaten, der Minussinsker Kornkammer und dem Kohlenrevier von Irkutsk in der UdSSR schützt (die Kreise 3 des Kartenbildes).

Über diese geheimnisvolle, zugleich aber auch politisch umstrittene Gebiet ist in Europa- noch wenig bekannt. Seine staats- und völkerrechtliche Stellung innerhalb der asiatischer Länder ist ungeklärt, da. die Sowjetunion, China und die Außenmongolei in gleicher Weise territorial an. diesem 165 754 Quadratkilometer Flächeninhalt umfassenden nördlichen Hochplateau Zentralasiens interessiert sind Nur kreuz und quer gebahnte schmale Reitwege führen durch die wenigen Steppen und Gebirgszüge dieses Landes. Die hier zwischen aufgetürmten Bergketten und undurchdringlichen Schnecwällen lebenden Bewohner glauben, daß die Schluchten, Luft und Wasser von Dämonen und Geistern bevölkert sind, die leidenschaftlich um das Geschick der bei ihnen lebenden Menschen ringen. Um sich ihrer zu erwehren und auch um verdienstliche Werke für den Schutz der oft wochenlang umherziehenden Nomaden zu erwirken, dröhnen aus den Tälern und von den Berghöhen die dunklen, dumpfen Töne der Schamanentrommeln.

Seit dem 17. Jahrhundert gehört dieses geheimnisvolle Land (ebenso wie die anrainenden mongolischen, kalmückischen und burjatischen Gebiete) zum lamaistischen Kulturkreis, der im Potala zu Lhassa in der Person des Dalai-Lama seinen Mittelpunkt hat. Während jedoch in Tibet der Lamaismus eine bemerkenswerte Wissenschaft entwickelte und bedeutsame Gelehrte herausstellte, entartete die lamaististhe Glaubenslehre östlich des russischen Altaigebirges. Sie wünscht die übersinnliche Welt zugunsten der dort Lebenden zu beeinflussen. Die magische Kunst des schamanistischen Zauberpriesters soll den kargen Ertrag der Herde, des Ackerbaues, der Jagd und des Fischfanges ergiebiger werden lassen, soll Seuchen, Dämonen und Hungersnot von Menschen und Tieren fernhalten und Krankheiten sowie das Eindringen gewalttätiger Fremder verhindern, die nur die Bodenschätze ausbeuten und die Bewohner ihrer Freiheit berauben wollen.

Oft ist die Frage geäußert worden, welche Bedeutung dieses Gebiet in Zentralasien eigentlich hat. Beim Nachschlagen in völkerkundlichen Werken findet man die oft nur wenige Druckzeilen umfassende Beschreibung, daß es sich bei Tannu-Tuwa – die eigentlichen Bewohner, die Sojoten‚ nennen es Tuwa-Ulus – um eine Volksrepublik sowjetischen Charakters, ein chinesisches Außenland oder um ein zur Außenmongolei gehörendes Gebiet handele. Bereits zu Beginn des vorigen Jahrhunderts zeigte das zaristische Rußland der vorhandenenbedeutenden Gold vorkommen wegen ein starkes Interesse für das damals noch chinesische Außenland Urjanchai („Volk, das in den Wäldern haust“), und stellte es nach den chinesischen Revolutionen der Jahre 1911/12 zur chinesischen berechtigter Interessen“ unter die russische Oberhoheit. Die religiös-pazifistischen Bewohner dieses nunmehr zaristischen „Podchrebtinsk rayon“blieben – von jeglicher Militärdienstpflicht befreit. Aber zwölf Jahre später änderte sich die innerpolitische Struktur des tuwanischen Volkes: es wurde bolschewisiert. Um einer völligen Proletarisierung zu entgehen, flüchteten die Sojoten mit ihren schamanistischenund lamaistischen Priestern in die unwegsame und Straßen lose Berg weit Tannu-Tuwas. Dadurch entgingen sie aber nicht der Sozialislerung der Herden und Milchproduktionsmittel, der Überwachung durch die GPU und der Bildung eines volksrevolutionären Heeres. Die Sowjets hatten mit der Aufstellung einer tuwanischen Armee wenig Glück, die sojotischen Rekruten flüchteten in das Hochgebirge und die Sowjets zogen an ihrer Stelle die in Tannu-Tuwa lebenden Chinesen, Mongolen und Russen zur Militärdienstpflicht heran.

Die Unzugänglichkeit des Landes brachte es mit sich, daß seine 72 000 Bewohner, von denen ein Sechstel aus Chinesen, Mongolei und Russen besteht, nur wenig mit den Nachbarvölkern in Berührung kamen. Wegen dieser Abgeschlossenheit befinden sich alle handwerklichen, händlerischen und heimindustriellen Berufe in den Händen von fremdstämmigen Einwanderern aus China, Rußland und der Mongolei, während sich die Sojoten (Tuwaner) nur dem Nomadenleben, der Jagd und dem Fischfang widmen, politisch aber uninteressiert bleiben.

Ein Kordon sowjetischer Truppen, um Tannu-Tuwa gezogen, ermöglicht die von Moskau beschlossene hermetische Abriegelung des Landes. Es ist eine verkehrspolitische Einmaligkeit, daß Tannu-Tuwa keine Straßen besitzt. Seit des sowjetischen Einflusses – das Land ist seit 1929 eine Volksrepublik – gehen die Bemühungen der UdSSR dahin, Tannu-Tuwas verkehrspolitische Isolierung zu beseitigen. Aus diesem Grunde wurde infünfjähriger Arbeit der Bau des „Ussinsker Traket“ von Minussinsk in Sibirien nach der tuwanischen Hauptstadt Kysyl-Choto durchgeführt (Kreis 1 des Kartenbildes), um die Möglichkeit einer Verbindung für den Wagenverkehr zwischen der Sowjetunion und Tannu-Tuwa zu schaffen. Die Benutzung dieses Verkehrsweges ist aber nur in den Sommermonaten bei gutem Wetter möglich; während des Winters und bei schlechter Witterung ruht der Überlandverkehr, und das geheimnisvolle Land im Herzen Asiens bleibt wie in früheren Zeiten von der Außenwelt abgeschnitten.

In dieser Isolierung entsteht nunmehr im nordöstlichen Tannu-Tuwa (Kreis 2 des Kartenbildes) ein Bezirk von„Bezjmyanka’s“ („Städte ohne Namen“). Sein Hauptzweck ist, nach einer offiziellen Mitteilung des nordamerikanischen „Lawrence Asiens“, Professor Owen Lattimor – er ist Experte des US-State departements für chinesische und zentralasiatische Grenze und Minderheitsprobleme –, die Exploitation der tuwanischen Bodenschätze und die Errichtung von sowjetischen Zentren zur Atomforschung. In diesem von riesigen Gletschern und Lawinen, kühn und zerrissen aufragenden Felsbergen, eiserstarrten Wasserfällen und Bergseen, ungestümen und brückenlosen Flüssen durchsetzten Gebiet kann nach sowjetischer Auffassung wohl kaum ein fremdländischer Spion eindringen, um das neue Geheimnis um Tannu-Tuwa zu enthüllen.