Zuverlässige Schätzungen über die in den Westgebieten Deutschlands vorhandenen Schrottmengen gibt es nicht. Die amerikanische Kommission, die vor einigen Monaten Westdeutschland besuchte, schätzte damals die vorhandene Menge auf etwa 10 Mill. t. Diese Schätzung kann kaum auf besonders zuverlässigen Unterlagen beruhen. Da bei einer jährlichen Stahlerzeugung von 6 Mill. t im Jahr in Westdeutschland der deutsche Schrottverbrauch etwa zwei Millionen t betragen würde, rechnete man sich einen erheblichen Schrottüberschuß heraus und verlangte dementsprechend deutsche Schrottlieferungen für die britische und amerikanische Stahlindustrie. Die Exporte nach den USA gehen teilweise über Italien, wo der Schrott sortiert und aufbereitet wird.

Man nahm an, daß Deutschland im Jahre 1948 etwa 1 Mill. t Schrott würde exportieren können. Hiervon hat die britische Stahlindustrie bisher 300 000 t und die amerikanische 200 000 t erhalten. Kürzlich wurde in diesem Zusammenhang zwischen der Schrotthandel GmbH der Vereinigten Stahlwerke und englischen Käufern ein Kontrakt abgeschlossen, wonach 100 000 t deutscher Schrott in monatlichen Teilmengen von 30 000 t geliefert werden sollen. Aus finanziellen Gründen hat auch die Eisenbahnverwaltung der Westzonen größere Schrottmengen zum Export angeboten. Es verlautet, daß 250 000 t über eine Firma, die mit der Bethlehem Steel Corporation in Verbindung steht, verkauft werden sollen.

Der monatliche Schrottanfall der Doppelzone wird auf etwa 200 000 t geschätzt, wovon die deutsche Stahlindustrie in Westdeutschland etwa 150 000 t braucht. Die restlichen 50 000 t reichen selbstverständlich nicht aus, die Ansprüche, die an den Export gestellt werden, zu befriedigen. Aus diesem Grunde haben sich die Besatzungsmächte die Auswertung des „Schlachtfeldschrotts“ vorbehalten, der eigentlich der deutschen Stahlindustrie zufließen müßte. Es erwies sich jedoch, daß die Kosten für das Sammeln des in ganz Westdeutschland verstreuten Schrotts außerordentlich hoch liegen, und so unterblieb bisher die Auswertung dieser Schrottquelle, die ohne Zweifel einige Millionen Tonnen hochwertigen Schrotts aus zerstörten Panzern und Geschützen ergeben könnte.

Das in Westdeutschland nach der Währungsreform eingetretene erhöhte Schrottangebot hat zu gewissen Absatzschwierigkeiten für eisenarme Inlanderze geführt. Davon werden vor allem die sauren Salzgitter-Erze betroffen. In der westdeutschen Stahlindustrie ist man allerdings der Ansicht, daß die Hüttenwerke allein schon aus Gründen der Kohlenersparnis von dem reichlichen Schrottangebot Gebrauch machen müßten, Mit der Frage der Schrottverwertung befaßt sich auch die Deutsche Studiengesellschaft für Trümmerverwertung, Sie weist darauf hin, daß der Schrotthandel in steigendem Maße Stahl- und Eisenträger, Maschinen und Geräte verschrottet, die man durch chemische oder mechanische Aufbereitung für die deutsche Volkswirtschaft erhalten könnte.

Die verschiedene Ansicht über die Höhe der an Deutschland zu zahlenden Schrottpreise führte zwischen den Engländern und Amerikanern zu Differenzen. Während man in den USA einen Preis von 26 $ je t für ausreichend ansah, waren die britischen Verbraucher geneigt, bis zu 30 $ zu zählen. Jetzt sind die zwischen britischen und amerikanischen Beauftragten in Washington geführten Schrottverhandlungen zu einem Abschluß gekommen. Man hat eine. Regelung getroffen, wonach alle Länder, die aus Deutschland Schrott entnehmen, die gleichen Preise zu zahlen haben. Ferner einigte man sich über die Verteilungsquoten der Schrottausfuhr aus der Doppelzone und über die Bildung eines besonderen Schrott-Ausschusses in Paris, der den beteiligten Regierungen Empfehlungen über die Schrottausfuhr der Doppelzone und der französischen Zone unterbreiten soll. Das Abkommen über die Änderung der Verteilungsquoten, die bisher 200 000 t für die USA, 300 000 t für Großbritannien und 100 000 t nach anderen. Ländern vorsahen, bringt den USA eine Erhöhung um weitere 100 000 t Schrott und um 75 000 t Beuteschrott, die bezahlt werden. Großbritannien erhält nach Vereinbarung als letztes Kontingent dieser Kategorie ebenfalls 75 000 t Beuteschrott, die, im Gegensatz zu den USA, nicht bezahlt zu werden, brauchen. Somit sollen die USA und Großbritannien je 375 000 t und andere Länder insgesamt 100 000 t Schrott aus der Doppelzone entnehmen dürfen. Man hofft, daß in der Zeit vom 1. Oktober 1948 bis zum 30. September 1949 wenigstens eine Mill. t Schrott mehr als die bereits genehmigte Menge von 850 000 t aus der Doppelzone exportiert werden kann.

Dieser in Washington ohne deutsche Mitwirkung aufgestellte Plan zur Ausfuhr des deutschen Schrotts befriedigt ohne Zweifel den Schrott-Bedarf der USA und Großbritanniens. Es entsteht jedoch die Frage, ob damit nicht für Westdeutschlands Stahlindustrie die eigenen deutsehen Schrottquellen versiegt sind. Vielleicht geht es uns eines Tages so, wie es jetzt schon den Österreichern geht: Sie müssen in der Doppelzone zu einem erheblich höheren Preis für den eigenen Bedarf die Schrottmenge wieder einkaufen, die sie an die sowjetische Besatzungsmacht abgeben müssen ... H. B.