Regierungsvertreter von 22 Ländern sind in Genf zu der auf sowjetrussische Veranlassung zusammengerufenen europäischen Ost–West-Handelskonferenz zusammengetreten. Zehn osteuropäische Länder einschließlich der Sowjetunion, elf Marshall-Plan-Länder und die Vereinigten Staaten sind auf der Konferenz vertreten. Die Verhandlungen der Konferenz sind nicht öffentlich.

Auf der Konferenz soll eine Steigerung des intereuropäischen Handels um rund das Fünffache seines heutigen Volumens und die Förderung der Industrialisierung Osteuropas durch Anleihen und Maschinenlieferungen aus dem Westen behandelt werden.

Trygve Lie führte in einer Botschaft an die Konferenz aus, daß die erfolgreiche Verwirklichung einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit unter den europäischen Ländern zur Schaffung einer Atmosphäre beitragen würde, die den Ausblick auf weiter gesteckte Ziele möglich machen könnte. Die übrigen Redner, insbesondere Gunnar Myrdal als Sekretär der Konferenz, äußerten sich in ähnlichem Sinne. Es müsse möglich sein, meinte er, auf „nichtpolitischer Basis“ eine gesunde wirtschaftliche Annäherung der verschiedenen Standpunkte zu erreichen.

Der Güteraustausch zwischen West- und Osteuropa hatte vor dem Krieg ein Volumen erreicht, das, in heutigen Werten ausgedrückt, etwa 2,8 Milliarden $ ausmachte. 1947 betrug der Ost-West-Handel 800 Mill. $. Es liegt nahe, sich auszumalen, wie bei Wiederherstellung der alten wirtschaftlichen Beziehungen über den Eisernen Vorhang hinweg sehr viele Note Westeuropas ein Ende finden würden. Bei einer oberflächlichen Kenntnis des Ostens ist man überdies verleitet, für die weitere Zukunft eine erhebliche Steigerung des Güterverkehrs über den alten Stand hinaus vorauszusagen, sofern, westeuropäische Landmaschinen und Düngemittel in großem Strom nach Osten fließen und dort die agrarische Kapazität steigern helfen, so daß dann der Rückstrom landwirtschaftlicher Güter nach Westen dazu beitragen könnte, Europas Abhängigkeit von überseeischen Zufuhren zu vermindern. Genau dies ist der Grundgedanke einer von der Europäischen Wirtschaftskommission in Genf unter der Leitung des schwedischen! Nationalökonomen Prof. Gunnar Myrdal ausgearbeiteten Empfehlung.

Man rühmt an dem Bericht, daß er keine politischen Bemerkungen und Hinweise enthält Aber es sind doch die politischen Verhältnisse, die einer Erneuerung des ost–westeuropäischen Handels im Wege stehen; so zu tun, als ob die Politik der großen Mächte nicht existert, sei, führt allzuleicht dahin, daß ökonomische Analysen und Empfehlungen den Charakter von Illusionen bekommen. Das ist leider der Vorbehalt, mit dem man diesen Bericht lesen muß.

Die große Illusion begann bereits, als die Europäische Wirtschaftskommission beschloß die Chancen für eine Wiederherstellung des Handels zwischen Ost- und Westeuropa zu prüfen. Seinerzeit in Genf erteilte die Sowjetunion ihre volle Zustimmung zu diesem Vorhaben. Die Großmächte fühlten sich noch verpflichtet, das Gesicht zu wahren und ja zu sagen zu Beschlüssen, die zunächst zu nichts verpflichteten. Inzwischen änderten sich Sprache und Handlungsweise; es wäre kaum erstaunlich, wenn die Sowjetunion diesen Bericht als einen neuen kapitalistischen Versuch verdächtigte, mit dem Dollar in Osteuropa einzudringen!

Die Kommission regt an, daß aus dem Westen Kredite, Maschinen und Düngemittel nach Osteuropa fließen, um die Länder jenseits des Eisernen Vorhangs in ihrer landwirtschaftlichen Ertragsfähigkeit zu heben. Man meint, daß Osteuropa, sobald die Hektarerträgnisse so hoch und wie die Durchschnitts-Hektarerträge Deutschlands vor dem Krieg, seine eigene Bevölkerung angemessen ernähren und Überschüsse in solchem Umfang nach Westeuropa liefern kann, daß der dortige Bedarf weitgehend gedeckt wird. Die Hektarerträge Deutschlands lagen für fast die Massenerzeugnisse der Landwirtschaft 50 bis v. H. über den Hektarerträgen Osteuropas. Seit zwei Jahrzehnten bemüht man sich, diesen Unterschied zu vermindern. Fortschritte sind voll! erreicht worden. aber es bedarf einer sehr zähen Kleinarbeit, um die Hektarerträge ganz allmählich zu heben. Sehr richtig erklären die Verfasser des Berichte, daß man Osteuropa stärker industrialisieren müßte. Auch dafür soll Westeuropa Maschinen und Kredite gewähren. Nicht das erste Mal wird dieser Gedanke gefaßt. Man täuscht sich selbst, wenn man so tut, als ob bisher nichts Derartiges in Osteuropa unternommen worden ist. Im übrigen gibt es im Osten nicht nur rückständige Agrargebiete. Die Tschechoslowakei gehört zu den kräftig industrialisierten Ländern; in manchen technischen Dingen ist sie sogar vorbildlich. In Polen hat die Industrie ebenfalls einen erheblichen Umfang angenommen. Ungarn hat seine Industrie im letzten Jahrzehnt stark ausgebaut. Jede Industrialisierung ist notwendigerweise begrenzt, da sie an Rohstoffe gebunden ist. Ohne Rohstoffe muß jeder Versuch zur Industrialisierung Stückwerk bleiben und eine Abhängigkeit von ausländischen Zufuhren mit sich bringen, die unerwünscht ist, solange in der Welt kein Frieden herrscht.