Die Raubbaupolitik an der deutschen Wirtschaftssubstanz mußte mich in steigenden Gegensatz zu Göring bringen, der seine Machtstellung, gedeckt durch Hitler und die Partei, immer mehr dazu benutzte, meiner Tätigkeit als Wirtschaftsminister entgegenzuarbeiten. Eines seiner tollsten Stücke war die Errichtung der Hermann-Göring-Werke. Südlich Braunschweig bei Silzgitter gab es große Ablagerungen schwachprozentiger Eisenerze, deren Ausnutzung wegen des geringen Eisengehaltes niemals gelohnt hatte. Jedem Laien mußte es einleuchten, wieviel kostspieliger die Verarbeitung eines höchstens 30prozentigen Erzes gegenüber einem 45prozentigen sein muß, kostspieliger nicht nur im Geldaufwand, sondern in Arbeitsleistung, Transporten, Maschinen usw. Dieser Mehraufwand an Arbeit und Material blieb bei Göring ohne Eindruck. Die Verarbeitung der geringen Erze wurde befohlen, um am Import ausländischer Erze zu sparen. Mit einem Aufwand von Milliarden Reichsmirk wurden Anlagen größten Ausmaßes neu errichtet und in Gang gebracht. Unnötig zu erwähnen, daß die Hermann-Göring-Werke dauernd mit Verlust arbeiteten und immer neue Kredite vom Reich erforderten, die alle ohne jede Aussicht auf Rückerstattung blieben. Um das Fiasko zu bemänteln, begann die Leitung der Werke sehr bald, alle möglichen sonstigen Unternehmungen, möglichst solche die gut rentierten, aufzukaufen. So wuchs sich das Ganze schließlich zu einem ungeheuerlichen Wasserkopf aus, dem Dummheit, Korruption und Schwindel an der Stirne geschrieben standen.

Als Ende Juli 1937 Göring über meinen Kopf hinweg und ohne mich vorher zu unterrichten, eine Bergbauverordnung erließ, die nur dem Wirtschaftsminister zustand, ersuchte ich Hitler sofort, mich von der Leitung des Wirtschaftsministeriums zu entbinden. Verantwortung und Kommandogewalt, so begründete ich, könnten nicht getrennt werden. Sollte ich eine Verantwortung tragen, so müsse ich auch das Kommando haben. Sollte Göring das Kommando haben, so müsse er auch die Verantwortung übernehmen. Mich Göring zu unterstellen, ‚dazu sei ich nicht bereit. Dafür verstünde Göring zuwenig und ich zuviel von der Wirtschaft.

Es ist bezeichnend für die Taktik Hitlers, daß ich fast drei Monate um, meine Entlassung kämpfen mußte. Er wollte unter keinen Umständen nach außen hin erkennen lassen, daß ich wegen sachlicher Meinungsverschiedenheit ein Amt, aufgab, das bisher so offensichtliche wirtschaftspolitische Erfolge erzielt hatte. Die Unterredung, die ich über meine Entlassung mit ihm im August 1937 auf dem Obersalzberg hatte, verlief wahrhaft theatralisch. Versicherungen größter Zuneigung zu meiner Person wechselten mit händeringenden Beschwörungen, ihn nicht im Stich zu lassen, mit Appell an meinen Patriotismus usw. Doch steckte hinter all diesem nichts anderes als Verlegenheit, wie er meinen Abgang nach außen hin begründen und durch wen er mich ersetzen könnte. Da er sich im Augenblick keinen Rat wußte, ich aber fest blieb, so schlug er schließlich vor: „Wenn Sie mir nach zwei Monaten wiederholen, daß Sie ausscheiden wollen, so will ich dann nichts mehr dagegen haben.“ Darauf ging ich sofort ein, froh darüber, daß ich nun meinen Abgang selber in der Hand hatte. Die Bedingung, die er daran knüpfte, daß ich ihm auch fernerhin als Minister ohne Portefeuille mit meinem Rate zur Seite stehen müsse, konnte ich natürlich nicht ablehnen. Unnötig zu sagen, daß er diesen Rat nie in Anspruch genommen hat.

Spitzel in der Wohnung

Kaum hatte ich ihn nach dieser Auseinandersetzung verlassen – die Heuchlertränen in seinen Augen konnten noch kaum trocken geworden sein –, da machte er mich auch schon vor seiner Umgebung herunter. Der zufällig anwesende Speer gab darüber im Nürnberger Prozeß folgende Schilderung: „Ich war auf der Terrasse des Berghofes auf dem Obersalzberg und wartete darauf, meine Baupläne vorlegen zu können, im Sommer 1937, als Schacht auf den Berghof kam. Auf der Terrasse hörte ich eine laute Auseinandersetzung zwischen Hitler und Schacht aus Hitlers Zimmer. Die Stimme Hitlers steigerte sich zu hoher Lautstärke. Nach Beendigung der Besprechung kam Hitler auf die Terrasse und äußerte in sichtbarer Erregung zu seiner Umgebung, daß er mit Schacht nicht zusammenarbeiten könne. Er habe eine schwere Auseinandersetzung mit ihm gehabt. Schacht würde mit seinen Finanzierungsmethoden seine (Hitlers) Pläne stören.“ Auch diese Äußerung ist mir erst im Nürnberger Prozeß bekanntgeworden. Sie reiht sich sinnvoll an die Bemerkungen an, die Hitler in einer geheimen Denkschrift für den Vierjahresplan über mich gemacht hat.

Je mehr Hitler in mir den bewußten Gegenspieler erkannte, um so mehr rückte er von mir ab. Er sah in mir das Hindernis auf seinem Wege, der auf schrankenlose Ausgabewirtschaft, auf Raubbau am Volksvermögen, auf unwirtschaftliche Produktion, auf übersteigerte Rüstung und auf Nichtachtung der Interessen und Gefühle unserer Nachbarvölker hinauslief. Der Partei war ich von Anbeginn an als Demokrat, Freimaurer und bekenntnistreuer Christ verdächtig gewesen. In den ersten Jahren seiner Kanzlerschaft hatte mich Hitler gegen alle Parteiangriffe in Schutz genommen. Das änderte sich jetzt. Auch weitere Parteikreise merkten jetzt meine direkte Gegnerschaft gegen Hitlers Pläne und seine Mißstimmung darüber. Ich begann, allgemein als Parteifeind angesehen zu werden. SS und SD nahmen mich schärfer unter die Lupe. Schon anfangs 1935 hatte ich Verdacht geschöpft, daß ich in meiner Privatwohnung entweder durch ein Mikrophon oder durch Spitzel ausspioniert würde. Ich rief einen vertrauenswürdigen Fachmann zu Hilfe, und wir entdeckten, daß eine Hausangestellte eine Abhörvorrichtung für das Haustelephon sich hatte in ihr Schlafzimmer legen lassen und regelmäßig an die Gestapo berichtete.

Im Dezember 1937 suchte mich der mir wohlgesinnte amerikanische Botschafter Dodd auf, um mich vor einem Anschlag zu warnen, den die Gestapo auf mein Leben plane. Der Chef des SD, Ohlendorf, hat im Nürnberger Prozeß zu Protokoll gegeben, daß ich mindestens seit 1937/38 als Parteifeind gegolten hätte.