Sollte es nicht möglich sein, im Laufe der Zeit die guten Elemente zu sammeln und einen Widerstand gegen die zunehmende Terrorisierung zu wecken und zu organisieren? Würde sich die Kirche, würde sich die Wissenschaft, würden sich die Wirtschaftsführer, würde sich die Generalität nicht aufraffen, um den Terror, zu sabotieren? – Wenn jeder an seinem Platze der inneren Stimme seines Gewissens folgte, dann bedurfte es gar keiner besonderen Organisation der-Gesamtheit der Widersacher. Ein gutes Beispiel würde viele mitreißen. Dann mußten die Methoden Hitlers an der Anständigkeit der Umgebung unwirksam werden. Ich konnte diese Hoff nung-nicht aufgeben. Jedenfalls, mit bloßer Resignation war gar nichts zu gewinnen.

Würde ich aus der öffentlichen Tätigkeit ausscheiden und mich wieder ins Privatleben zurückziehen, so hieß das, Hitler das Feld einfach überlassen. Unendlich viele sind diesen Weg gegangen, aber sind sie damit auch ihrer Verantwortung ledig geworden? Nichts leichter, als sich nachher hinzustellen und zu sagen: „Ich war nicht dabei, ich habe nicht mitgemacht.“ Haben diejenigen, die so Sprechen, deshalb weniger Schuld, daß Deutschland den Weg ins Verderben geführt wurde? Warum blieben sie nicht auf dem Posten? Warum verteidigten sie nicht jede politische, jede geistige, jede moralische Position mit Zähnen und Klauen? Mit welchem Recht wollen, diese Männer, die damals resignierten oder emigrierten, heute jene wenigen Wagemutigen und Verantwortungsbewußten aburteilen, die den anderen. Weg gingen, den Weg des Kampfes, des Widerstandes, des Versuches, Deutschland zu retten, Unheil abzuwenden, Maß und Vernunft zur Geltung zu bringen?

Ich habe mich für den letzteren Weg entschieden. Je größer die Gefahr des Mißbrauchs der totalitären Gewalt infolge des Versagens der demokratischen Politiker geworden war, je dichter alle kritische Einwirkung auf die Regierungsführung von außen her abgeriegelt war, um so notwendiger schien es mir, den gebotenen Ansatzpunkt innerhalb der Regierung zu ergreifen, von dem aus einzig und allein eine Einflußnahme auf falsche und unmoralische Maßnahmen noch möglich sein konnte. Der Gefahren und der Schwere meines Vorhabens war ich mir bewußt. Ich habe sie auf mich genommen-

So bin ich in die Hitlerregierung bewußt als ihr Gegner hineingegangen, insoweit sie zu ungerechten und gewalttätigen Maßnahmen neigte. Ich wollte nicht resignieren wie die demokratischen Politiker, ich wollte alle Kraft einsetzen, um so viel wie möglich zu retten von dem, was sie kampflos preisgegeben hatten. Ich wollte mich weder entmannen noch mich entmannen lassen. Hätte Hitler von mir eine Verpflichtung auf die Partei verlangt, so hätte sich mein Weg zwangsweise von dem seinen getrennt. Daß er dies Verlangen schon in einem früheren Stadium mir gegenüber einmal ausdrücklich nicht gestellt hatte, war vielleicht klug von ihm berechnet, zeigte mir aber anderseits, daß ich auf Grund meiner Unabhängigkeit und meines Könnens Gewicht bei ihm hatte. Es erfüllte mich mit der Hoffnung, manches bei ihm durchsetzen zu können. Er wußte, daß ich seine Auffassungen in vielen Punkten nicht teilte, und hat es trotzdem nie an Respekt mir gegenüber fehlen lassen. Ja, er hat immer eine gewisse Scheu vor mir gezeigt. Das führte freilich dazu, daß er vieles hinter meinem Rücken tat und anordnete, von dem er wußte, daß ich es mißbilligen würde. Das erfuhr ich allerdings erst nach und nach im Laufe seiner immer mehr ins Abwegige führenden Entwicklung.

Hoffnung zum Guten

Immerhin habe ich in den ersten Jahren der Hitlerzeit viele Dinge durchsetzen können, die mir immer wieder die Hoffnung belebten, die Gesamtentwicklung zum Guten lenken zu gönnen. Alle Konflikte mit Parteigrößen konnte ich erfolgreich bestehen und in meinem Sinne erledigen auch dann, wenn Hitler von seinen alten Mitkämpfern angerufen wurde, und zwär nicht immer nur auf rein wirtschaftlichem Gebiet. In zahllosen Fällen habe ich bewährte Beamte, die sich dem braunen Terror nicht fügen wollten, gegen alle Angriffe von Gauleitern und Reichsstatthaltern in ihren Stellungen halten können, habe den Zugriff von Parteiinstanzen auf die Verwendung öffentlicher Gelder verhindern können, habe Handelskammern und andere Wirtschaftsorganisationen vor unberechtigten und unsachlichen Parteiansinnen schützen können, habe jüdische Firmeninhaber vor gewaltsamer oder erpresserischer Enteignung retten können.

Noch im Mai 1937 konnte ich einen besonders lebhaften Streit mit Ley siegreich durchführen. Die Ausbildung des Handwerkernachwuchses, die von jeher bei den Handwerkerinnungen unter Aufsicht der Handwerkskammern und des Wirtschaftsministeriums gelegen war, ging unter meinem Schutz in der alten sachlichen Weise vor sich, während Dr. Ley den „nationalsozialistischen Geist“ auch in diese Sparte der Jugenderziehung hineinzutragen suchte. Er forderte also die Unterstellung dieser handwerklichen Fachausbildung der Lehrlinge unter die Deutsche Arbeitsfront. Was das bedeutet haben würde, darüber habe ich später einmal mit einem Barbiergehilfen eine kurzweilige Unterhaltung gehabt, der mir klagte, daß er sich nicht zur Meisterprüfung melden könne, weil es ihm nicht liege, die Geburtstage der Parteibonzen und die sogenannten weltanschaulichen Phrasen der Schulungsbriefe auswendig zu lernen, wogegen er das fachliche Wissen und Können völlig beherrsche. Nun hatte ich meine Mitwirkung bei einer sogenannten Freisprechungsfeier in Berlin zugesagt, auf der die ausgelernten Lehrlinge zu Gesellen ernannt werden sollten. Es war klar, daß meine Anwesenheit angesichts des geschilderten Streitfalles eine demonstrative Bedeutung gegen die Deutsche Arbeitsfront haben würde. Deshalb bemühte sich Ley, die Abhaltung der Feier zu verhindern. Es gelang ihm in der Tat, von Hitler den Befehl zum Verbot der Feier zu erlangen, wovon ich erst am Abend vorher zu später Stunde Kenntnis erhielt. Ich eilte sofort am nächsten Morgen zu Hitler, der meinem Ersuchen um Rücknahme des Befehls damit auswich, daß Lev ihm gesagt hätte, es würde bei der Versammlung Unruhen geben. Ich erwiderte, wenn es Unruhen geben sollte, dann könnten diese nur von Dr. Ley organisiert werden. Ich müsse eine derartige Desavouierung meiner Ministerautorität auf das schärfste zurückweisen. Aber erst als ich gegebenenfalls meine Entlassung forderte, gelang es mir, wenige Stunden vor Beginn der Feier die Genehmigung zu erhalten.