Drei Engpässe bereiten der italienischen Regierung im Rahmen ihres Wiederaufbauprogramms besondere Schwierigkeiten: der Kapitalmangel des Landes, die ungünstige Kostenstruktur der Industrie, die ihre Wettbewerbsfähigkeit vor allem auf ausländischen Märkten beeinträchtigt, und das Arbeitslosenproblem. Es kostet den Staat, der sowieso mit chronischen Finanzsorgen zu kämpfen hat, nicht nur Milliarden Lire Unterstützungsgelder jährlich; sondern bedeutet auch sozialpolitisch eine erhebliche Gefahr. Immer wieder zeigt sich, daß die über zwei Millionen Arbeitslosen die große politische Manövriermasse des Kommunismus sind.

Bisher hat die Regierung versucht, mit Hilfe „orthodoxer“ Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen die Arbeitslosenzahl herabzudrücken. Diese Methode hat einen gewissen Erfolg im Süden des Landes gehabt, wo durch Aufforstungen und Meliorationen effektive volkswirtschaftliche Leistungen erzielt werden konnten. Schwieriger ist das Problem im Norden Italiens, der die höchsten Arbeitslosenziffern hat, Notstandsarbeiten aber nur in relativ engem Rahmen zuläßt.

Dieser Besonderheit versucht der „Plan Fanfani“ Rechnung zu tragen. Sein Schöpfer ist der Arbeitsminister der Republik, Amintore Fanfani. Er geht davon aus, daß eine nachhaltige Senkung der Arbeitslosenzahl nur auf dem Wege über eine Belebung der Bauindustrie möglich ist, die als Schlüsselindustrie hinter der Aufwärtsentwicklung der übrigen Industriezweige zurückgeblieben sei, bei der allgemeinen Wohnungsnot vor allem auch im Norden aber ein ungeheures Arbeitsfeld vor sich habe.

Der Fehlbedarf an Wohnräumen wird auf gut 14 Mill. geschätzt. Er konnte nach dem Kriege bisher nur unzureichend, abgedeckt. werden, da die notwendigen Kapitalien weder von privater noch von staatlicher Seite bereitzustellen waren. Fanfani hat dementsprechend vorgeschlagen, den Baumarkt durch den Bau von Volkswohnungen auf der Basis einer Selbsthilfe-Finanzierung zu mobilisieren. Die Baugelder sollen aus dem sogenannten 13. Monatsgehalt (Weihnachtsgeld) der Arbeiter und Angestellten fließen. Von diesem: Gehalt, sollen nur 40–60 v. II. in bar ausgezahlt, der Rest aber soll in zu 100 Lire gestückelten Bonds gegeben werden, die von Staat und Industrie gemeinschaftlich mit etwa 7 v. H. vereinst werden und frei übertragbar sein sollen.

Geht man davon aus, daß dieses 13. Gehalt einen Betrag von insgesamt rund 100 Milliarden Lire ausmacht, so würden im Laufe von sieben Jahren etwa 350 Milliarden Lire auf Bonds entfallen, was ausreichen dürfte, um rund 1,5 Mill. Wohnräume fertigzustellen. Entsprechend der Errichtung solcher Wohnungen sollen nach Fanfani die ausgegebenen Bonds ausgelost werden, wodurch ihre Besitzer allmählich in den Besitz der Von ihnen selbst finanzierten Wohnräume kommen würden. Diejenigen Bonds die nach Abschluß des Programms noch übrigbleiben, sollen einschließlich der aufgelaufenen Zinsen durch normale Staatspapiere ersetzt werden.

Der „Plan Fanfani“ hat den Vorteil, daß er der Bauindustrie zusätzliche Arbeitsmöglichkeiten schafft, die ohne die Gemeinschaftsfinanzierung nicht ausgenutzt werden: könnten. Diese Belebung müßte zwangsläufig zu einer stärkeren Nachfrage nach Arbeitskräften führen, die nicht allein auf die Bauindustrie beschränkt bleiben dürfte. Zu diesen Vorteilen – Mobilisierung des Baumarktes und vermehrte Einstellung von Arbeitskräften – kommt als dritter noch die allmähliche Überwindung des Wohnraummangels.

Die Tatsache, daß die italienischen Kommunisten den Plan schärfstens ablehnen, beweist offenbar, daß seine Durchführung ein erfolgreicher Schritt auf dem Wege zur Sicherung des sozialen Friedens werden kann.

E. V. Villantieri