Winston Churchill erklärte in einer Parlamentsdebatte während des letzten Krieges: „Ich bin nicht Premierminister Seiner Majestät geworden, um bei der Liquidierung des Empire den Vorsitz zu führen.“ Der gleiche Winston Churchill präsidierte im Jahre 1948 dem Europakongreß in Den Haag, zu einer Zeit, als unter seinem Nachfolger Attlee die britische Politik, jedenfalls nach der Meinung des rechten Flügels der Konservativen, einer „Liquidierung des Empire“ zusteuerte. Attlee wiederum brachte einem Europakongreß unter Churchills Leitung so geringe Sympathien entgegen, daß die Labour-Partei ihren Mitgliedern nahelegte, der Zusammenkunft in Den Haag fernzubleiben. Und von Bevin liegen verschiedene Äußerungen vor, die deutlich machen, daß er hinsichtlich der Europa-Union eher eine zögernde Haltung einnimmt, gerade wegen der Bindung Großbritanniens an sein überseeisches Reich.

Es mag seltsam scheinen, daß Churchill, Englands letzter, großer „Imperialist“ mit dem Pathos Kiplings, keinen Widerspruch sieht zwischen Empire und Europa-Union, während Attlee und Bevin, die es zulassen, daß eine Machtposition nach der anderen aus dem Empire herausgebrochen wird, in bezug auf Europa zurückhaltend sind; Denn man sollte annehmen, daß ein Empire-Politiker alten Schlages weniger Verständnis haben würde für die Völkergemeinschaft Westeuropas als ein Commonwealth-Politiker neuester Richtung, der gerade den Gedanken des freien Zusammenschlusses verschiedener Völker vertritt. In Wirklichkeit also ist das Gegenteil der Fall.

Dies deutet darauf hin, daß es sich bei alledem nicht allein um den Gegensatz Macht–Freiheit handelt, denn offenbar unterscheidet sich der „Konservative“ Churchill von den „Sozialisten“ Attlee und Bevin noch durch, etwas anderes. Wie sonst könnte gerade er „europafreudiger“ sein als seine innenpolitischen Gegner? Nun, es ist mehr als ein reizvolles Spiel, dieser Frage nachzuspüren. Denn sie kann dazu helfen, weit über den Einzelfall Churchill-Attlee-Bevin hinaus Erkenntnisse zu gewinnen, die für das Verständnis unseres scheinbar chaotischen Zeitalters von allgemeinerem Nutzen sind.

In England – nicht etwa in Deutschland – ist vor kurzem ein Buch mit dem Titel „Das Vierte Reich“ erschienen. Sein Verfasser, H. V. Hodson, bezeichnet das erste Reich des britischen kolonialen Imperialismus, das zweite der allmählich selbständiger werdenden Dominien und das dritte eines aus souveränen Staaten bestehenden British Commonwealth als vergangene Größen. Denn im vierten Reich, das nunmehr begonnen hat, läßt sich nicht mehr von einem „britischen“ Commonwealth sprechen, weil das britische Element in die Minderheit geraten ist. Diese Feststellung ist durchaus richtig, da die neuen Dominien – Indien, Pakistan und Ceylon – das Vielfache der Einwohnerzahl Großbritanniens und der alten Dominien – Kanada, Südafrika, Australien, Neuseeland, Eire – aufweisen. Wobei noch zu bemerken ist, daß niemand wirklich erklären kann, inwieweit Eire, das in seiner Verfassung weder die britische Krone noch das Commonwealth erwähnt, überhaupt noch ein Mitglied dieser Völkergemeinschaft ist. Aber auch der Verfassungsentwurf Indiens sieht die republikanische Staatsform vor, und in Südafrika zeigen sich gleichfalls republikanische Tendenzen. Was – so fragt man vielfach in England – ist dieses Commonwealth, wenn es weder britisch noch monarchisch ist?

Im neuen englischen Staatsbürgergesetz wird festgestellt, daß der Ausdruck „Britischer Untertan“ und der Ausdruck „Commonwealth-Bürger“ in Zukunft gleichbedeutend sein sollen. Schon vor zwei Jahren hatte das Parlament von Ottawa die Einführung einer besonderen kanadischen Staatsbürgerschaft beschlossen. Der Kanadier ist nunmehr zunächst kanadischer Staatsbürger und erst in zweiter Linie – durch die Zugehörigkeit Kanadas zum Commonwealth – ein Commonwealth-citizen. Früher war er, wie jeder Bürger in einem der Dominien, einfach ein British subject.

Dies alles gehört zusammen. Es zeigt eine Politik, die von der Macht zur Freiheit führt, aber zugleich, von einer konkreten Völker-Gemeinschaft zu einer abstrakten Völker-Gesellschaft. Die englischen Konservativen haben sich in erbitterten Parlamentsdebatten gegen die Einführung des Begriffs eines Commonwealth-Bürgers gewehrt. Sie kämpften dabei fraglos vor allem für „British“ und für „subject“ nur insofern, als das, wie es ja längst der Fall war, den Untertan des britischen Königs, nicht etwa den Untertan Großbritanniens kennzeichnete. Die Konservativen wußten und wissen, daß der Zusammenhalt des Commonwealth nicht auf abstrakter Vernunft beruhte, sondern auf den beiden irrationalen, aber höchst wirklichen Größen: britisch und monarchisch.

Englands König war bisher zugleich der König Kanadas, Australiens oder Neuseelands. Die gemeinsame Krone war geradezu das Symbol dieser Völkergemeinschaft. Wenn ein Neuseeländer der dritten Generation seine erste England-Reise antrat, so konnte er sagen: „Ich fahre nach Hause“. In diesem „nach Hause“ liegt die Erklärung dafür, daß das Commonwealth es sich leisten konnte, verfassungsrechtlich mit einer Politik des „muddling through“, des „Durchwurstelns“ auszukommen. Aber für den Bürger Indiens, Pakistans oder Ceylons-wird die Reise nach England niemals eine Fahrt „nach Hause“ bedeuten können, wird der englische König niemals sein eigener sein. Und so ist es denn überaus fraglich, ob die Form, die für Australien paßte, sich ohne weiteres auf Pakistan anwenden läßt. Es ist ebenso fraglich, ob es weise wäre, nunmehr die staatsrechtliche Konstruktion des Gesamtverbandes auf die neuen Dominien zuzuschneiden, weil, sie dann immer „leerer“, immer farbloser werden müßte und weil gerade dies die Gemeinschaft mit den alten Donlinien schwächen würde, deren Sinn und Reiz in Fülle und Farbigkeit lag. Die Reichskonferenz, die demnächst in London zusammentritt und an der die neuen Dominien zum erstenmal teilnehmen, steht vor sehr schwierigen Fragen. Das Commonwealth ohne das Vorzeichen „britisch“ ist ein bloßes Vernunftgebilde. Wird es zusammenhalten, oder werden in nicht zu ferner Zeit die neuen Dominien das tun, was Burma sogleich getan hat: auf den Dominionstatus verzichten und die volle staatliche Selbständigkeit, ohne jede Bindung an das Common- – wealth wählen?