Seit die Blockade Berlins zum politischen Weltproblem erster Ordnung geworden ist, hat sich immer tieferes Schweigen auf die gesamte Ostzone gesenkt. Der Strom der politischen Flüchtlinge von dort ist durch die hermetische Absperrung an der Demarkationslinie während der letzten Monate wohl zahlenmäßig gesunken, dafür aber waren es gewichtige Persönlichkeiten, die es für an der Zeit hielten, an ihre Sicherheit zu denken. Die Berichte, die der einzelne in den Westen bringt, sind meistens zu sehr vom persönlichen Erlebnis bestimmt, als daß sie ein klares Bild der politischen Wirklichkeit geben könnten, und so mag sich wohl der Eindruck festigen, daß die Ostzone, in der eisernen Klammer der Besatzungsmacht und ihrer kommunistischen. Helfershelfer, immer mehr nur von Furcht und Resignation beherrscht werde, ohne Hoffnung auf die Möglichkeit eines erfolgversprechenden Widerstandes.

Eine solche Entwicklung mußte erwartet werden, nachdem die Ostzone fast ohne Übergang von der Diktatur Hitlers in die neue Tyrannei des Ostens gefallen war und sich also kaum aus dem Zwange des stumpfen Jasagens zur Freiheit des Denkens geschweige denn des Handelns hatte erheben können. Doch in den letzten Monaten ging eine spürbare innere Wandlung vor. Freilich ist diese Wandlung nicht abzulesen aus dem lärmenden Einerlei der befohlenen Kundgebungen und der gelenkten Pressefanfaren oder aus den sich überschlagenden; Erfolgs- und Planbilanzen; auch nicht aus der Vorsicht und Ängstlichkeit, der Gespräche oder aus den Ziffern der SED-Mitgliedschaften. Die Elemente des Widerstandes entfalten sich nicht außerhalb der geführten Massenorganisationen, sondern sie entwickeln sich in zunehmendem Maße in ihrer Mitte. Sie sind sogar in der deutschen Hilfstruppe der Sowjets selbst, in der SED, wirksam.

Die Oppositionsstimmung ist langsam angewachsen in den Jahren, in denen die Illusion des östlichen Sozialismus immer spürbarer vor der Wirklichkeit der totalitären, imperialistischen Ausbeutungspolitik dahinschwand. Damit geriet die bedeutendste Stütze der russischen Besatzungsmacht ins Wanken und die Masse der Arbeitenden entglitt ihr. Doch beschränkte sich die wachsende Skepsis gegen die russisch-kommunistische Praxis solange noch auf bloßes Stillhalten, als die wirtschaftliche Not der anderen Zonen gleichfalls sehr groß war. Der Sommer der westlichen Währungsreform und der Berlin-Blockade hat jedoch die Ostzone in einem nicht erwarteten Grade gegen ihre Herren mobilisiert.

Die große Partei-Reinigungsaktion in der SED, die seit Wochen im Gange ist, ist nur in der Methode dem russischen Vorbilde nachgeahmt – in der Sache bekämpft sie eine Gefahr, die Idee und Praxis des sowjetischen Kommunismus aufs tödlichste bedroht. Die mit den polizeilichen Mitteln der Verhaftung, der Ausschließung, Verbannung und Verschickung durchgeführte Umschaltung auf einen bedingungslos prosowjetischen Kurs ist weniger ein ideologisches als ein machtsicherndes Unternehmen, bei dem sich der sowjetische Imperialismus nunmehr unverhohlen mit der kommunistischen Planung identifiziert. Die Ketzergerichte, die jetzt über alle Parteiinstanzen ergehen? haben es ausschließlich mit der Frage zu tun: wie hältst du es mit der Sowjetunion? Und es ist bezeichnend, daß ihren Sprüchen gerade die ehemaligen Sozialdemokraten und jene Kommunisten zum Opfer fallen, die gestern noch die patriotischen Phrasen der ersten Nachkriegsjahre vom „deutschen Weg zum Sozialismus“ wunschgemäß verkündeten.

Die Opposition der Ostzone ist eine deutliche antisowjetische Opposition. Und sie hat sich besonders unter den großen Massen der Arbeiter ausgebreitet. Der Anschauungsunterricht, den Berlin nun seit Monaten inmitten der Sowjetzone – freilich im Schutze der westlichen Besatzungsmächte – liefert, hat schließlich dem überwiegenden Teile der Ostzonenbewohner die Augen geöffnet. Die sowjetische Politik ihrerseits, die bis vor Monaten propagandistisch noch immer das Gesicht einer demokratischen Neutralität zu wahren suchte, verrät unter dem Eindruck der immer sichtbarer werdenden Berliner Mißerfolge nunmehr deutlich genug ihre wirkliche Absicht, Die terroristische Praxis verdrängt in raschemZuge die Ideologie. Und je mehr für neue Zehntausende damit die Besorgnis wächst, daß die leisesten Gegenäußerungen in die Konzentrationslager führen könnten, desto höher wächst zwischen der dünnen Funktionärschicht und der Menge des Volkes die Mauer des stillen Widerstandes. Der Plan, die gesamte Ostzone jetzt mit einer mächtigen milizartigen Polizei aus zuverlässigen, in Moskau geschulten Leuten zu überziehen, ist ein Beweis mehr dafür, daß in dieser Zone wie in keinem anderen Teile Europas der Boden für den Kommunismus endgültig und vollkommen unfruchtbar geworden ist. K. W.