Das Kaninchen hat lange genug in den Rachen der Schlange gestarrt. Nun, da die Schlange gekniffen wird, gewinnt das Kaninchen ein wenig Muße, über das Wesen der Schlange nachzudenken – was es über seiner Angst vor ihr fast vergessen hat. Dichter, Denker, und Seher des vergangenen Jahrhunderts können dabei helfen, die tieferen Untergründe und Ursachen der russischen Unruhe zu erkennen.

In Frankreich hat man Dostojewskis „Raskolnikow“ verfilmt. Wir sehen ihn nun auch im Theater. Der Gedanke ist nicht neu. Konstantin Sergejewitsch Stanislawski, der russische Reinhardt“, hat Schuld und Sühne – crime and punishment, wie es bemerkenswerterweise auf englisch heißt –, als erster für die Bühne bearbeitet. Im Juli dieses Jahres wurde „Schuld und Sühne“ durch Rodney Acklands Dramatisierung zu einem der bedeutendsten Ereignisse der New Yorker Broadway-Theater. In Deutschland liegt das Wagnis einer selbständigen deutschen Bearbeitung des Tschechen Vasa Hochmann vor. Sie wird im „Zimmer-Theater“ Helmuth Gmelins in Hamburg seit einiger Zeit aufgeführt. Die private Atmosphäre dieser Aufführungsstätte läßt Unterschiede zwischen Premierenabend und wiederholter Aufführung nicht aufkommen.

Man sollte den Roman gelesen haben, um die seelischen Auseinandersetzungen verfolgen zu können. Man sollte sich Gedanken darüber gemacht haben, ob Dostojewski nicht auch die Wandlung des nachpetrinischen Russen der Gegenwart vorausgesehen hat. Und man sollte schließlich zur Ergänzung des Bildes bereit sein, zuzugeben, daß in Dostojewskis „Dämonen“ die Versuchungen des im Grunde religiösen russischen Menschen und sein Abfall vom Wort Gottes – und nur darum scheint es sich im Kern zu handeln – vorausgesagt sind. „Raskolnikow“ ist der einzelne. „Die Dämonen“ des gleichnamigen Romans umspannen die Gesamtheit.

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Man gelangt durch einen modisch-antiquierten Salon in den Raum, der eine graue Gasse und trübes Armeleute-Quartier zugleich enthält, und man sitzt, wenig mehr als ein Meter davon getrennt, davor, als sei man plötzlich und nicht freiwillig in dies unbehagliche Milieu hineingeraten. Eine so unmittelbare Nachbarschaft verstärkt den Realismus der Dinge, die nun dort geschehen, daß man versucht ist beizuspringen und zu helfen, so sehr ist dies alles von dem Atem einer zwielichtigen Atmosphäre erfüllt. Die Szenen werden durch eine geschickte Beleuchtung belebt und getrennt, zusammengeführt und gedämpft. Aber diese Mittel erscheinen zuweilen zu geschickt benutzt. Und gelegentlich ist das Furioso der Gefühlsausbrüche so aufregend, daß man fast fliehen möchte; vielleicht ist es auch stellenweise zu laut. Doch darüber können nur Russen etwas aussagen. Es ist uns Deutschen schwer vorstellbar, daß ein pathologich erregter Raskolnikow diese nervöse, ja hektische Anstrengung durchhalten könnte, wie sie das Konzentrat des Roman-Extraktes unumgänglich fordert. Eher erscheint es denkbar, daß alles viel tiefer und gedämpfter vor sich gehen könnte und dennoch gefährlicher in der Verhangenheit einer lauernden und gedrängten Ruhe. Und Raskolnikow stiller litte in seinem verkrampften Leiden, selbst dort noch, wo es zu dumpfer Güte wird. Der Roman hat Etappen versöhnlicher Entspannungen. Sie müßten auch in der Darstellung gefunden werden. Sie müßte sich darauf beschränken, zu schrille Mißtöne zu vermeiden.

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„Im Anfang war die Tat“, sagt Faust. Raskolnikow fragt: hilft die Tat? – und sein Leben antwortet, daß das Leid im Anfang war.