Am 18. Oktober werden in London englischdänische Besprechungen beginnen. Dabei wird Außenminister Rasmussen, begleitet von mehreren prominenten dänischen Parteiführern, zunächst einmal Dänemarks Wünsche nach einer verwaltungsmäßigen Trennung Südschleswigs von Holstein vortragen. Außerdem stehen auf der Tagesordnung die dänischen Vorschläge für eine „Regelung“ des Flüchtlingsproblems in diesem Gebiet sowie für Stellung Und Tätigkeit des Südschleswigschen Wählerverbandes. Rasmussen versichert, es werde sich nur um einen „Gedankenaustausch“ handeln. Aber es ist nicht ganz unmöglich, daß seine Absichten weitergehen und daß er gern einen Vollstreckungstitel gegen Deutschland nach Hause bringen möchte. Wird man in London, bereit sein, ihn auszustellen?

Rekapitulieren wir: Im Dezember 1947 hatte eine britische Note an die dänische Regierung es als „ganz unziemlich für eine politische Partei In Deutschland“ bezeichnet, „unter den gegenwärtigen Bedingungen die Übertragung eines Teiles deutschen Gebietes an ein anderes Land oder die Schaffung eines neuen unabhängigen Gebietes auf dem gegenwärtigen deutschen Gebiet zu verlangen.“ Ebenso sei es unziemlich, mindestens aber „höchst inopportun“, wolle eine deutsche Partei so enge Beziehungen über die Grenze hinweg unterhalten, wie dies beim Südschleswigschen Verein der Fall ist. Im Mai, als Sir William Strang statt Lord Pakenham Hauptberater Bevins in deutschen Fragen wurde, schrieb die Kopenhagener „Nationaltidende“, jetzt sei der geeignete Zeitpunkt, eine neue Aktion für Süd-Schleswig zu starten. Im August hat die englische Militärregierung eine Partei der Dänen genehmigt, die sich schamhaft „Südschleswigscher Wählerverband“ (SSW) nennt und alsbald eine neue Zeitung in deutscher Sprache gründete. Der deutsche Ländergrenzenausschuß lehnte den Antrag des SSW auf ein selbständiges Land Südschleswig ab, was Außenminister Rasmussen nicht hinderte, die Frage am 24. September vor die UNO zu bringen, wo er von einer „möglichen Bedrohung der künftigen Sicherheit der dänischen Grenze“ durch die Flüchtlinge sprach. Südschleswig sei „seit Jahrhunderten dänisches Gebiet“ und erst 1864 von den Deutschen „erobert“ worden. Rasmussen wußte, daß in Paris niemand aufstehen würde, um ihm zu widersprechen. Aber was den Delegierten von Peru und China nicht bekannt zu sein braucht, lehrt jedes ehrliche Geschichtsbuch daß Schleswig und Holstein – „up ewig ungedeelt“ – seit 1460 „auf deutsch“ von den dänischen Königen regiert wurden, wobei Holstein zum Heiligen römischen Reich deutscher Nation gehörte und Schleswig nicht. Was aber den „Eroberungskrieg“ angeht, so genügt das Zeugnis des besten dänischen Kenners der schleswig-holsteinischen Geschichte, Prof. Aage Friis, daß die Niederlage von 1864 „durch die Bestrebungen der Eider-Dänen verursacht wurde, ganz Schleswig in Dänemark einzuverleiben.“ Die Volksabstimmung von 1920, die man heute in gewissen dänischen Kreisen auch anzweifeln möchte, ist von der Times als eine der „fairsten Nachkriegsabstimmungen“ bezeichnet worden, Ihr Ergebnis war bekanntlich, daß mehr Deutsche zu Dänemark kamen, als Dänischsprechende in Deutschland blieben. Wenn es jetzt als Argument gelten soll, daß diese dänische Minderheit von den einstigen 10–12 000 auf 74 000 angewachsen ist, so weiß man doch wahrlich gut genug, daß materielle Not, Angst vor „Entnazifizierung“, Flucht aus der Schicksalsgemeinschaft des geschlagenen deutschen Volkes und Hoffnung auf eine leichtere Zukunft im wohlhabenden Dänemark dazu sehr viel mehr beigetragen haben als die „Rückbesinnung auf die Stimme des Blutes“. Natürlich hat auch das Flüchtlingsproblem viele Deutsche zum SSV getrieben und manch einer von ihnen war offenherzig genug, dafür „rassische Gründe“ anzugeben, die man doch wohl eher als nazistisch denn als demokratisch bezeichnen darf. Gewiß geht die Entstehung der Flüchtlingsfrage auf Hitlers Krieg zurück, aber mit dieser vereinfachenden Darstellung wird man der durch den Krieg ausgelösten revolutionären Veränderung des europäischen Mächtegleichgewichts nicht gerecht, die die Russen an die Elbe und die Ostdeutschen nach Schleswig gebracht hat. Es ist sowohl ungeschichtlich wie unwürdig, einem solchen Schicksalsschlag mit einer Konjunkturpolitik ausweichen zu wollen. Will man den Begriff des Demokratischen nicht gänzlich vom Menschlichen scheiden, so hat man davon zugehen, daß in Südschleswig außer den 74 000 Mitgliedern des SSV noch weitere 276 000 Schleswiger und 300 000 Vertriebene leben und das auch sie dort ein Lebensrecht haben.

Es ist nicht bekannt, daß von einer ernsthaftes deutscheu Seite grundsätzliche Einwendungen gegen die kulturelle Betätigung und Förderung der dänischgesinnten Südschleswiger erhoben würden. Ist es aber nicht eine seltsame Auslegung der Demokratie wenn die Dänen in Südschleswig es als ihr Recht betrachten, daß die Kopenhagener Regierung ihre Interessen vertritt, Geld, und Pastoren schickt, während in Nordschleswig die Deutschen noch heute wegen früherer Verbindungen mit dem Reich bestraft werden? In Südschleswig gibt es statt der früheren 9 heute 61 dänische Schulen, in Nordschleswig aber blieben nach dem Verbot öffentlicher deutscher Schulen im neuen Schulgesetz von 1948 von 81 ganze 5 private übrig. Das gesamte Besitztum der deutschen Minderheit Schulen, Pastorate, Kinderheime wurde konfisziert oder beschlagnahmt.

Rasmussen hat es klüglich vermieden, in Paris von Grenzrevisionsforderungen zu sprechen, er nimmt aber das „Recht“ für sich in Anspruch, die Interessen eines Teiles der südschleswigschen Bevölkerung zu vertreten. Er wird nicht bestreiten können, daß nicht nur der SSV und SSW, sondern auch sehr einflußreiche Kreise in Dänemark die Grenze verschieben machten. Ginge es den Dänen, nur um eine faire Lösung des Minderheitenproblems, so sollten sie warten, bis ein deutscher Partner zu Verhandlungen vorhanden ist, statt sich an die Besatzungsmacht zu wenden. Man darf die Hoffnung nicht aufgeben, daß in London trotz der befremdlichen Nachgiebigkeit gegenüber den dänischen Vorstößen die größeren, europäischen Zusammenhänge sich schließlich durchsetzen werden. E. H.