Von Geoswald Bayer

Kaum dreißig Kilometer von der böhmischen Stadt Karlsbad entfernt, liegt in einer langen Talsohle der Radiumkurort Joachimsthal, ein Städtchen mit etwa fünftausend Einwohnern, Vor der Ausweisung der Deutschen aus der Tschechoslowakei waren es sogar etwa neuntausend Menschen, die hier lebten. Diese Siedlung verliert nur während der Sommermonate ein wenig von ihrer Verträumtheit, dann nämlich, wenn die Erholungsuchenden so etwas wie Betriebsamkeit mitbringen. Denn der Ruf Joachimsthals ist durch seine Radiumschätze längst bekanntgeworden, so daß die kleine Stadt den internationalen Weltkurorten zugezählt werden darf. Der Fremde durchwandert eine langgestreckte Straße mit einfachen Häusern, nachdem er den in der Nähe des Bahnhofes gelegenen Kurpark verlassen hat. Vielleicht fällt ihm auf, daß sich der Friedhof mitten in der Stadt, das heißt: knapp am Rand der Hauptstraße befindet. Und vielleicht macht er einen Rundgang zwischen den Gräberreihen. Dann erzählen ihm die Kreuze von dem erschütternden Schicksal der Arbeiter des Radiumbergwerkes von Joachimsthal, die, den Ausstrahlungen des Radiums ständig und ungeschützt ausgesetzt, an einer geheimnisvollen Krankheit im besten Mannesalter starben.

Es war der sogenannte Radiumtod, dem die Arbeiter des staatlichen Bergwerks in Joachimsthal anheimfielen, meist bevor sie noch das vierzigste Lebensjahr erreicht hatten. Die Not In diesem Winkel Böhmens ist indessen einst groß gewesen, jede Arbeitsgelegenheit war willkommen. Und obwohl die Joachimsthaler Bergleute ihr Schicksal wußten, fuhren sie täglich ein in die Gruben, in denen Siechtum und Tod sie erwarteten. Dennoch ist es in der Öffentlichkeit lange Jahre hindurch nicht aufgefallen, daß die Arbeiter der staatlichen Urangruben durch die langjährige Einwirkung des Radiums starben. Vielmehr wurde das Unheil vorerst den Auswirkungen der Unterernährung während des ersten Weltkrieges zugeschrieben. Endlich aber war die Ursache des frühen Todes der Joachimsthaler Bergleute entdeckt: sie hieß Lungenkrebs.

An einem einzigen Ort der Welt war bisher diese Krankheit aufgetreten: in den Schneeberger Gruben auf der sächsischen Seite des Erzgebirges, in denen ebenfalls Radium gegraben wurde. Dort hatten die auffallenden Krankheitserscheinungen zu umfassenden sanitären, humanitären und sozialen Vorkehrungen durch die Unternehmer geführt, und es wurde Vorsorge getroffen, daß den Arbeitern die Möglichkeit offenstand, nach mehrjähriger Tätigkeit mit Pensionsanspruch das Dienstverhältnis zu lösen – eine Maßnahme, die dann endlich auch für Joachimsthal angestrebt worden ist. Und dies scheint bis heute die einzige Hilfsmöglichkeit zu sein. Die Heilkraft Radium hat zugleich die Gewalt zu töten. Und während man ehrend von den Wissenschaftlern sprach die im Dienste der Forschung starben – von Opfer dieser Arbeiter sprach man nicht. Immer hin ging aus statistischen Aufzeichnungen hervor, daß unter der Radiumbergarbeiterschaft von Joachimsthal von vier Todesfällen drei auf Konto der Ausstrahlungen kamen ... Wenn indessen die Sterblichkeit in den letzten Jahren geringer geworden ist, so bedeutet dies nicht etwa so sehr eine Besserung der gesundheitlichen Verhältnisse. Die Ursache hierfür ist wohl darauf zurückzuführen, daß für die Grubenarbeit heute junge Männer von zwanzig bis vierundzwanzig Jahren eingestellt werden, während man ältere Bergleute früh in den Ruhestand versetzt. Immerhin sind im Kampf gegen den „Radiumtod“ auch in medizinischer Hinsicht einige Erfolge spürbar geworden. Auch in anderen Uranbergwerken, ob sie nun unter amerikanischer oder russischer Verwaltung stehen, hat man für den Bergmann Schutzmaßnahmen gefunden, die die Förderung der Pechblende, des Urans, des Elementes, das mit der Erforschung der Atomenergie in engstem Zusammenhang steht, heute, wenn nicht ungefähr-lieb, so doch sicherer erscheinen lassen als vordem. Der Friedhof von Joachimsthal ist eine Warnung gewesen ...