Dr. Robert Kempner, US-Anklagevertreter, stellte uns seine Erwiderung auf einen Artikel von Robert Ingrim, dem Verfasser des bekannten Baches „Von Talleyrand bis Molotow“ zur Verfügung, der unter dem Titel „Die Kempner von Nürnberg“ in der Züricher Zeitung „Die Weltwoche“ erschienen war. Wir antworteten Dr. Kenpner, daß seine Erwiderung für unsere Leser nur verständlich wäre, wenn wir zugleich den Aufsatz von Ingrim zum Abdruck brächten. Hiermit hat sich Dr. Kempner einverstanden erklärt. Er stellte uns eine gekürzte Fassung jenes Artikels zur Verfügung unter Fortlassung der Teile, die er als „persönliche Verunglimpfung“ bezeichnete. Da wir nicht den Wunsch haben, uns in der Verbreitung von Äußerungen zu beteiligen, die Dr. Kempner für beleidigend hält, begnügen wir uns mit dem Abdruck in der von ihm gewünschten Form. Der Artikel von Robert Ingrim ist – auch in dieser: Fassung – für deutsche Leser von größtem Interesse; Das gleiche gilt für Dr. Kempners Erwiderung.

Die Kempner von Nürnberg

Von Robert Ingrim

Es ist erlaubt, in der Mehrzahl zu sprechen, denn sie sind eine politische Spezies, die Kempner – gerade so wie die Morgenthau und die Fierlinger. Der Namensträger der Gattung, Herr Robert Kempner, Hauptankläger im Weizsäcker-Prozeß, war freundlich genug, genau anzugeben, was ihre Aufgabe ist. In der Universität Tübingen, sagte er, fühle er sich mehr als Lehrer denn als Staatsanwalt. – Was ist die Lehre, die die Kempner verkünden wollen?

Wer im Krieg in Amerika gelebt hat, weiß es genau. Die Kempner waren die Leute, die die Zeitungen mit Briefen und Aufsätzen versorgten, in denen das Schlagwort von den Junkern, Militaristen, Schlotbaronen und Nazis gehämmert wurde. Das war die Lieblingsparole der Fünften Kolonne Stalins; denn anders als Roosevelt und Churchill wußte er genau, was sein Kriegsziel war: die Gleichschaltung Deutschlands. Es war ein treffliches Schlagwort; denn es bestätigte und begründete die Geschichtsfälschung, daß kein Unterschied sei zwischen Hitler und Wilhelm, kein Unterschied zwischen Ribbentrop und Bismarck, und daß Deutschland immer schon der einzige Brandstifter gewesen sei. Es war also zügige Kriegspropaganda, die beste Rechtfertigung des Verlangens nach bedingungsloser Obergabe und der starren Weigerung, mit dem anderen Deutschland Fühlung zu nehmen.

Ihre Machtstellung in Nürnberg errangen sich die Kempner mittels negativer Auslese. Anständige Amerikaner hatten keine Freude daran, ex post Strafgesetze anzuwenden, welche der Rechtstradition ihrer Nation ins Gesicht schlugen und noch den ärgsten Schuften ein Märtyrerkrönchen verschafften; sie drängten sich nicht dazu, die Ankläger- und Richterbank mit den Vertretern der Katyn-Mörder zu teilen und mit Nachkriegsverbrechern über Kriegsverbrecher zu Gericht zu sitzen.

Man muß diese Vorgeschichte kennen, um die Krupp- und Weizsäcker-Prozesse zu begreifen. Die Kempner haben sich die Aufgabe gesetzt, ihre falschen Behauptungen aus der Kriegszeit nachträglich zu beweisen Sie kämpfen für die Proletarisierung und gegen die differenzierten und durch die Tradition geformten Kräfte. Sie können es nicht verwinden, daß die Liste der nach dem 20. Juli 1944 von Nazigerichteten Ermordeten – überwiegend, aber sicher nicht durchweg – so aussah wie ein Auszug aus dem Almanach von Gotha. Im Innersten ihres Herzens standen damals die Anbeter der Masse dem Führer näher als den Moltke und den Staufenberg; denn Hitler war Geist von ihrem Geist, der gemeinste der gemeinen Männer, der nationalsozialistische Sozialist, der Inhaber der Zauberformel, die dem Minderwertigkeitsgefühl des gemeinen Mannes de Kompensation der Selbstbewunderung in der Nation zur Verfügung stellt.