Professor Dr. Th. Beste, Lehrer der Betriebswirtschaft an der Universität Köln, hat uns auf unsere Bitte hin die folgenden Ausführungen über das Entflechtungsproblem in der Groß-Eisenindustrie zur Verfügung gestellt.

Das war das proklamierte Ziel: die „Förderung des Wettbewerbs und der Unternehmerinitiative“, die „Schaffung selbständiger, überschaubarer Gebilde mit klarer Abgrenzung der Verantwortung“, die Errichtung „lebensfähiger, gesunder, selbständiger und von den Konzernen unabhängiger Betriebe“. So kennzeichnete die Treuhandverwaltung, das ausführende Organ der North German Iron and Steel Control, den Zweck und die Aufgaben der Entflechtung. In den entflochtenen Gesellschaften aber gehe es darum, „die unternehmerische Initiative zu fördern, nachdem die Vorstände innerhalb der Konzerne meist nur Stellung, Aufgaben und Verantwortung eines Abteilungsleiters hatten. In einer Zeit staatlicher Planung und Lenkung werden mehr denn je Persönlichkeiten gebraucht, die unabhängig und aus eigener Initiative heraus die bürokratische Erstarrung des betrieblichen Geschehens verhindern.“ Deshalb sollten die Vorstände der entflochtenen Werke „Persönlichkeiten sein, die in unternehmerischer Einstellung für ihr Werk kämpfen und so das gesunde Prinzip des Wettbewerbs erhalten und neu beleben.“

Diese Sätze finden sich in einer Schrift der Treuhandverwaltung vom April 1948. Wer hättt sie nicht, in jener Zeit, in der unsere gesamte Wirtschaft den Maßnahmen staatlicher Planung und Lenkung fast erlegen war, mit Freuden gelesen. Sie schienen ja zu beweisen, daß in den entflochtenen Werken des Industriezweiges, der wie kaum ein anderer unser Schicksal ist, ein frischer Wind wehte, daß die Treuhandverwaltung aus den Erfahrungen, die aus der damals herrschenden. Wirtschaftsordnung gewonnen waren, die Lehren zu ziehen bereit war, und daß sie, jedenfalls in ihrem Bereiche, die Bürokratie nicht dulden würde.

Wie aber sieht die Wirklichkeit aus? Vor der Entflechtung zeigte die Eisenindustrie folgende charakteristische Merkmale: die Bildung von „Unternehmungsgruppen“, der Großbetrieb als optimale Betriebsgröße, die vertikale und horizontale Schaltung der Großbetriebe und die Zentralisation von Unternehmungsaufgaben.

Einer der Gründe für die Bildung von Unternehmungsgruppen – selten genannt; obwohl mit der wichtigste – liegt darin, daß, bei der großen Differenziertheit der Produkte in der Eisenindustrie, nur mehrere Produktionsstätten zusammen wirtschaftlich betrieben werden können. Über ihnen muß eine Stelle stehen, die jedem Werke sein Produktionsprogramm zuteilt. Nur so können die „Sortenwechselkosten“, das sind die Kosten, die bei der Umschaltung des Produktionsapparates auf ein anderes Erzeugnis entstehen, auf ein erträgliches Maß beschränkt werden.

Dem Großbetrieb kann ein eisenindustrielles Werk nicht ausweichen. Die optimale Größe eines Hochofenwerkes ist die Verbindung von vier Ofen, von denen einer sich regelmäßig in der Zustellung befindet. Dieser Größe müssen das Stahl- und Walzwerk entsprechen. Die optimale Produktion für ein Unternehmen ist (in Deutschland) bei 1 Million Jahrestonnen Rohstahl anzusetzen.

Die vertikale Schaltung der Großbetriebe, d. h. die Vereinigung von Hochofen, Stahlwerk, Walz- und Hammerwerk zu einem Werk ist ein selbstverständliches Mittel zur ökonomischen Gestaltung des Produktionsprozesses, weil dadurch das Erzeugnis des Hochofens „in einer Hitze“ bis zum Endprodukt behandelt werden kann. Ferner auch, weil es dann möglich ist, Hochofen- und Kokereigas zum Antrieb der Kraftmaschinen aller Produktionsstufen auszunutzen, und das Ausgangsmaterial denkbar weit zu verwerten dadurch, daß Rohstoffe, Abfälle und Ausschuß einer der zu demselben Werk gehörenden Produktionsstufen wieder zugeführt werden