Von Werner Kollath

Es ist die allgemeine menschliche Krise, die heute an den Arzt und Forscher Hufeland denken läßt: auch sein Wirken stand unter dem Eindruck eines Zusammenbruches. Prof. Dr. Kollath, der bedeutende Hygieniker, schildert die Quintessenz der Hufeland sehen Lehren.

Wir haben nun Systeme genug gehabt, um zu wissen, daß in den Systemen der Schule die Heilkunst nicht liegt. Dies hat die Geschichte, besonders in den letzten 30 Jahren, unwidersprechlich bewiesen. Jedes hielt sich für das alleingültige, alleinseligmachende bis es von einem neuen, ebenso alleingültigen zertrümmert wurde, so wird es fortgehen, bis ans Ende der Tage.“

Diese Worte sprach ein Arzt, dessen Name seit mehr als hundert Jahren nicht allein unter Ärzten Geltung behalten hat: Christoph Wilhelm Hufeland. Blickt man zurück auf den weiten Weg, den die Heilkunst von ihren Anfängen bis zu den heute erreichten Kenntnissen um das der Krankheiten gegangen ist, dann findet man nur wenige gleich ihm bekannte Mediziner, deren Forschungen und Weisungen das Leben ganzer Generationen erhalten halb Wieviel Jahrhunderte hatten erst vergehen müssen, in denen heute leicht heilbare Krankheiten als unheilbar galten, zu langem Siechtum oder zum Tode führten oder als unbekämpfbare Seuchen die Völker dezimierten – bis mit Paracelsus das Wirkungs- und Kraftfeld neuer Erkenntnisse wirksam wurde! Wie lange Zeit verstrich dann noch bis Revolutionäre wie Samuel Hahnemann in grollendem Besserwissen den „Systemen der Schule“ entliefen und bis um die Jahrhundertwende Rudolph Virchow, Robert Koch und Paul Ehrlich die Diagnostik und Therapie neue Einsichten brachten!

Es besteht kein äußerer Anlaß wie die Wiedersehr seines Geburts- oder Todestages, um Hufelands zu gedenken; es ist vielmehr die heutige Situation des Menschen und nicht allein der Medizin, die mich die wichtigsten seiner Grundsätze in Erinnerung bringen läßt; denn auch damals, als er seine Lehrtätigkeit ausübte, stand eine Generation unter den Einwirkungen eines Zusammenbruchs. Darum dürfte die Stellung, die er zu den Grundfragen der ärztlichen Wissenschaft nahm, ein heute wieder aktuelles Interesse beanspruchen.

Da zur Kennzeichnung von Hufelands Laufbahn wichtig, seien einige Daten seines Lebens genannt: Er wurde 1762 als Sohn eines Arztes geboren, der in Langensalza tätig war. Sein Studium begann er in Jena und setzte es in der damals besten deutschen Universität Göttingen fort. Mit einundzwanzig Jahren übernahm er die Praxis seines Vaters, der erblindet war – ein Schicksal, das den Sohn traf, der 1798 auf einem Auge, als Folge einer Netzhautablösung, die Sehkraft verlor. Trotz der ständigen Überempfindlichkeit des erhalten gebliebenen Auges brachte Hufeland eine Arbeitskraft auf, deren Ergebnis uns in etwa vierhundert Büchern und Aufsätzen erhalten ist. In Jena, wohin ihn 1792 der Herzog von Weimar aus dem Kreis um Goethe und Schiller berief, erregten seine Vorlesungen aus der „Makrobiotik“, dem ersten neuzeitlichen Lehrbuch der Hygiene Aufsehen und bewirkten 1801 seine Anstellung als Direktor der Berliner Charité und gleichzeitig als Leibarzt der Königlichen Familie – zu so schlechten Bedingungen übrigens, daß er beschloß, eine Professur in Göttingen vorzuziehen. Da erst war der König – es war Friedrich Wilhelm IV. – bereit, sein Gehalt zu erhöhen. Nach seiner Rückkehr aus Tilsit, wohin er die Königin Luise auf ihrer Flucht begleitet hatte, wurde er einer der Mitbegründer der Berliner Universität, an der er als Professor der „speziellen Pathologie und Therapie“ seine Lehrtätigkeit wieder aufnahm. Hier begann ein neuer schöpferischer Abschnitt seines Lebens: er begründete die „Medizinisch-chirurgische Gesellschaft“, dann das (später „Hufeland-Journal“ genannte) „Journal der praktischen Heilkunde und Wundarzneikunst“, arbeitete Vorschriften für Polikliniken, für die Armenpraxis, für das Prüfungswesen und schließlich für allgemeine medizinische Verwaltungsfragen aus. Den ihm vom König angebotenen erblichen Adel lehnte er ab. Er starb 1836 nach längerer Krankheit an einem Blasenleiden.

Hufeland wußte, daß die medizinischen Probleme beweglich sind und wechselvoll wie das Individuum, an denen sie erkannt werden; er wußte, daß es die einzige Sorge des Arztes sein müsse, den Menschen soviel Verständnis wie möglich entgegenzubringen, wenn er etwas zur Linderung ihrer Leiden – mögen sie organischer oder seelischer Art sein – unternehmen wolle; und er wußte, daß der Arzt furchtlos sein müsse, wenn er ein guter Arzt sein wolle. Sein 1830 erschienenes Alterswerk, das „Enchiridion Medicum“, das im Gegensatz zu seinem Jugendwerk, die „Makrobiotik“, fast vergessen ist, enthält Leitsätze, die es verdienen, immer wieder gehört zu werden.